Öl, Öl, Öl. Ob als Lache, Dunst oder als Zeichen - es ist allgegenwärtig. Schon auf dem ersten Spaziergang entlang der Hafenpromenade von Baku weht beständig ein Hauch von Schiffsdiesel vom Meer heran, obwohl die Silhouetten der Tanker weit draußen im Sonnenglast verschwimmen. Auch die rot-weiß gestreiften Schlote der Raffinerien sind zu weit entfernt, um als Geruchsquelle in Betracht zu kommen, und der große Förderturm an der Mole ist bloß Kulisse, ein Aussichtspunkt. Sind es die Abgase der dunkel glänzenden Geländewagen? Oder die Ausdünstungen der schimmernden Polyesteranzüge, die hier mit Würde getragen werden?
Nein, es ist das Wasser selbst, das den Ölgeruch absondert. Nicht weil der Umgang mit dem schwarzen Gold so lax wäre, sondern weil Ölverschmutzung hier immer schon Teil der Natur war. So dicht liegen die Schätze unter der Erdoberfläche, dass oft schon ein Spatenstich genügt, um sie zutage zu fördern. Aus dem „Brennenden Berg“ Yanardag lodern sogar große Flammen. Das über der Ölblase sitzende Gas hat sich hier selbst entzündet. Fauchend hält das Feuer Wind und Regen stand - seit Jahrzehnten.
Der Wald der Bohrtürme
Es ist kein Wunder, dass das „Land des Feuers“, wie Aserbaidschan übersetzt heißt, in vormoderner Zeit zum Zentrum der zoroastrischen Religion wurde, jenes Glaubens, der das Feuer als Symbol der Reinheit verehrt. Die um die ewigen Flammen herum erbauten Feuertempel wurden zum Wallfahrtsort für Pilger und Asketen aus ganz Persien und Indien. Hundert Jahre Ölförderung haben die meisten der ewigen Flammen mittlerweile verlöschen lassen. Auch im berühmten Feuertempel Ateschgah kommt das Gas heutzutage aus der Leitung. Wenn eine Besuchergruppe naht, dreht Tempelwächterin Afa Qasimora den Hahn auf und wirft schnell ein paar Streichhölzer in den Feueraltar des Heiligtums.
Sind die Schaulustigen dann wieder weg, umkreist die Tourismusstudentin die Flammen in ihrem viereckigen Schrein viermal, damit ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Wie oft sie das macht? Eigentlich jeden Tag, gesteht sie etwas verschämt. Denn sosehr sie die Ruhe des Tempels mit seinen uralten Sanskrit-Inschriften liebt - im Grunde ihres Herzens träumt die junge Frau mit den kräftigen Kajallinien um die Augen und dem türkisfarbenen Lidschatten von Reisen in die weite Welt. Dass die Flammen sie erhören, glaubt sie fest. Schließlich bedeutet ihr Vorname Afa nichts anderes als „Feuer“.
Wenige Kilometer entfernt erstreckt sich der Wald der Bohrtürme. Die Ölfelder sehen noch immer so aus wie zu Zeiten des ersten Ölbooms um 1870. Die schwarz verschmierten Gestänge der gedrungenen Türme und die schwerfällig nickenden Pumpen muten an wie Saurier aus den frühen Tagen des Ölzeitalters. Pfützen sammeln sich um jedes der altertümlichen Geräte, schwungvoll unterteilt in rostrotes Wasser und pechschwarz glänzendes Öl. Lange wird es diese urwüchsige Industrielandschaft nicht mehr geben. Das Öl wird heute draußen auf dem Meer gefördert, das Land soll rekultiviert werden. Das einzige Öl wird dann von den geplanten Olivenplantagen kommen.
Der Stolz auf ein kulturelle Erbe
Auch die Familie des Künstlers Mir Teymur besaß einst ihren Anteil an den Ölfeldern, bevor seine Großeltern 1937 von Stalins Häschern enteignet und deportiert wurden. Mir Teymur indes harrte aus in Baku, auch im Namen seiner Familie, die nach seinen Angaben seit dem zwölften Jahrhundert in der Altstadt, der Ichari Schahar, residiert. Damit würde seine Familiengeschichte zurückreichen bis in jene goldene Ära, in der die Schahs des Königreichs Schirvan Baku als Residenz erkoren und den prächtigen Khans-Palast bauten, der die Altstadt noch heute dominiert. Die Bewohner der Ichari Schahar sind immens stolz auf ihre Nähe zum kulturellen Erbe des Landes. Wer innerhalb der alten, zinnenbewehrten Festungsmauern wohnt, bezeichnet sich auch heute noch kokett als „Leibeigener“ und kostet den späten Abglanz des längst vergangenen Zeitalters nach Kräften aus.
Mir Teymurs farbenfrohe, filigrane Gemälde kennen nur ein Motiv: die labyrinthischen Gassen, die Mauern und Türme der Ichari Schahar. Sein Leben lang hat er sich für den Erhalt der Altstadt eingesetzt, die seit 2000 zum Unesco-Welterbe zählt. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich jeden Stein an diesem Ort studiert habe“, sagt er, „und je genauer ich hinsehe, desto größer wird meine Achtung vor denen, die Ichari Schahar einst geplant und gebaut haben.“ Mir Teymur - grauer Bart, müde, nachdenkliche Augen - empfängt uns am Nachmittag im ewigen Dämmerlicht seines Wohnzimmers, eines kleinen, hohen Raumes, der bis zur Decke mit Büchern, Papierrollen und Keramik-Artefakten zugestellt ist. Wir lassen uns auf seinem mit Teppichen ausgekleideten Sofa nieder, trinken Tee und lauschen seinen Erzählungen vom langen, einsamen Kampf um den Erhalt der Ichari Schahar. „Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die größten Schäden in der Altstadt nicht von den Kommunisten angerichtet wurden, sondern seit unserer Unabhängigkeit 1991 entstanden sind“, sagt er bitter.
Ein mysteriöses Wahrzeichen
Was Mir Teymur beklagt, wird erst auf den zweiten Blick verständlich. Im intimen Gewirr der Gassen mit ihren überkragenden Holzbalkonen scheint es zunächst ganz familiär zuzugehen. Mädchen spielen auf den kleinen Plätzen Himmel und Hölle, Frauen stapfen mit Einkaufstüten durch die Gassen. Doch hinter etlichen der sandfarbenen Steinfassaden haben sich große Konzerne eingenistet, und ebenso häufig wie ballkickende Jungs trifft man auf Geschäftsmänner mit Aktenkoffer, für die die Altstadt zum Entsetzen der Denkmalschützer autokompatibel gehalten wird. Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew hat sich ebenfalls bedient und eine Residenz direkt am zentralen Altstadtplatz bauen lassen.
Im traditionellen Stil zwar, mit klassischem Steinschnitzwerk im Portal, doch so groß, dass die ursprüngliche Anlage der Ichari Schahar weiter verlorengeht. Eindrucksvoll bleibt sie trotzdem. Vor allem, wenn man auf den Hauptplatz tritt, auf dem sich das mysteriöse Wahrzeichen der Stadt erhebt: der Qiz Qalasi. Der wuchtige, dreißig Meter hohe Steinzylinder mit dem seltsamen, schmal geschwungenen Seitenarm gibt dem Betrachter seit je Rätsel auf. Zoroastrischer Feuertempel, Verteidigungsanlage, beides in einem - die Historiker sind sich darüber so uneins wie bei der Datierung des Turms, dessen älteste Teile 2700 Jahre alt sein sollen. Neuerdings wird über eine astrologische Ausrichtung der Fensternischen spekuliert, die sich auf allen sieben Stockwerken befinden.
Die Außenwelt als träumerisch kolorierte Schattenwelt
Die festungsartige Anlage der Stadt und ihres Khans-Palastes ist indes nicht das Werk der alten zoroastrischen Kultur, sondern verdankt sich der Bautätigkeit der muslimischen Schahs von Schirvan vom zwölften Jahrhundert an. Die Karawansereien, der alte Basar mit seinen Bogengängen und vor allem der wüstenfarbene Khans-Palast mit seinen gedrungenen Minaretten und der erhabenen Schlichtheit des achteckigen Divanhauses führen dem Besucher vor Augen, wie orientalisch das alte Baku war.
Dieser Eindruck gilt auch für weite Teile Nord-Aserbaidschans. Der Khans-Palast von Sheki am Fuße des Kaukasus hat, wie so viele königliche Bauten im Orient, eher Villen-Format und nimmt den Besucher nicht durch Monumentalität, sondern Wohnlichkeit für sich ein. Hier nimmt man die Außenwelt nur mehr als träumerisch kolorierte Schattenwelt wahr, denn sämtliche Fenster sind mit filigranen Holzgittern und buntem Glas ausgefüllt. Die Schebeke-Fenster werden noch heute in einer Werkstatt vor dem Palast hergestellt, wobei nicht nur penible Handwerkskunst, sondern vor allem mathematische Tüftelei gefordert ist. Fein ziseliert sind auch die Wandfresken, auf denen sich in zartem Blattwerk paradiesische Singvögel tummeln. Besonders liebevoll haben die Künstler die siegreichen Schlachten der Khane verewigt. Mit feinem Pinselstrich hielten sie die aufgespießten Köpfe der Feinde im Bilde fest.
Von glotzenden Schafsköpfe und Bakhlava-Torten
Wer anschließend über den Basar von Sheki geht, wird auch dort orientalisches Nebeneinander von Grausamkeit und Feingefühl entdecken können: ein Haufen glotzender Schafsköpfe neben Bakhlava-Torten mit zarten Safran-Arabesken, blutig enthornte Kuhschädel neben kunstvoll getürmten Pyramiden aus Rosinen und Gewürzen. Einem älteren Herrn im Sakko blitzt noch die blutverschmierte Klinge in der Hand, vor ihm flattert ein kopfloses Huhn. Diskret tritt er einen Schritt zurück, um seine Schuhe nicht zu besudeln. Eine Elster fliegt mit dem Hühnerkopf in den Krallen auf den nächsten Baum; sie scheint geradewegs dem Wandgemälde des Khans entsprungen.
Je weiter man nach Norden, an die Hänge des Kaukasus, gelangt, desto mehr verwischt der orientalische Eindruck und macht einem abenteuerlichen Völkergemisch Platz. Kaukasische Bergjuden, christliche Udinen, deren Flammenkreuze noch das zoroastrische Erbe verraten, muslimische Sachuren - der Ruf Aserbaidschans als tolerante Nation gründet nicht zuletzt im friedlichen Zusammenleben mit den zahllosen Minderheiten. Eine Ausnahme machen die Armenier, mit deren Heimatland Aserbaidschan in den unsäglichen Konflikt um Nagornyj Karabach verstrickt ist und die von der Bevölkerung für alles, was im Lande schlecht läuft, verantwortlich gemacht werden.
„Freiheit und Konsequenz gehen uns über alles!“
Bis vor einigen Jahren zählten auch die Deutschen zu den ethnischen Minderheiten, die sich ihre Kultur bewahren konnten. Wer heute durch das ehemalige Helenendorf am Fuße des Kleinen Kaukasus spaziert, bewegt sich durch eine eigenartige Mischwelt. Schwäbische Spitzgiebel stehen in Reih und Glied, Bibliothek, Theater und Kirche sind herausgeputzt. 1819 wurde das Dorf von schwäbischen Siedlern gegründet und gelangte durch seine hervorragenden Weine und Cognacs rasch zu Ansehen und Reichtum. 1941 ließ Stalin die Schwaben deportieren, 2007 starb mit Victor Klein der letzte Deutsche. Kleins Haus sieht immer noch so aus wie zu seinen Lebzeiten: eine düstere, muffige Gruft, ausgestattet mit abgewetztem Biedermeier-Mobiliar, Klavier, Bakelit-Telefon und Porträts deutscher Komponisten an den Wänden. Im Bücherschrank ein zerschlissenes Exemplar jenes Romans, der titelgebend für das Schicksal Victor Kleins sein könnte: „Der letzte Mohikaner“.
Als Letzter seiner Art fühlt sich bisweilen auch Rasim Mirzajew in seinem Land. Der Literaturwissenschaftler und Publizist teilt das Schicksal vieler Dissidenten aus der Sowjetzeit, die sich im autokratischen Kapitalismus des unabhängigen Aserbaidschan abermals in der Gegnerschaft zum System befinden. Wie Mir Teymur beklagt er Korruption und Clan-Wirtschaft, die dafür sorgen, dass eine kleine reiche Oberschicht den Ölreichtum des Landes abschöpft, während der Rest der Bevölkerung in Armut und Rückständigkeit lebt. Doch auch innerhalb der Opposition manövrierte Mirzajew sich ins Abseits, weil er sexuelle Selbstbestimmung zu seinem Thema machte - in einem Land, in dem Karrieren unliebsamer Journalisten oder Politiker am sichersten durch die Anspielung auf angebliche Homosexualität beendet werden. „Ich bin Kaukasier!“, ruft er während einer Fahrt ins geliebte Gebirge im Norden des Landes aus. „So sind wir nun mal: Freiheit und Konsequenz gehen uns über alles!“
Ein Linienrichter als Volksheld
Die Straße führt durch lichte Walnuss- und Kastanienwälder, immer häufiger schimmern im Hintergrund die schneebedeckten Gipfel der kaukasischen Bergkette durchs Grün. Mirzajew ist Angehöriger der sachurischen Minderheit, eines winzigen Bergvolks, und je weiter sich unser Minibus ins Gebirge hinaufschraubt, desto befreiter erzählt er über sich und sein Volk. Am Abend, im Hotelrestaurant, ist dann bei einheimischer Musik kein Halten mehr. Zusammen mit dem Fahrer und einigen Kellnern stürmt er die Tanzfläche und wirft seinen nicht gerade mageren Körper in die klassische Tanzpose: der Oberkörper aufrecht und starr, eine Hand hinter dem Kopf, die Beine in wildem Stakkato. Eigentlich gehört noch ein Messer dazu, das dann und wann stolz in die Höhe gereckt wird. Welch ein Temperamentsausbruch nach der orientalischen Trägheit des Flachlandes! „Eigentlich bin ich ganz normal und modern aufgewachsen“, erzählt ein verkaterter Mirzajew am nächsten Morgen, „aber diese Heißblütigkeit bricht doch ab und zu durch. Vor allem, wenn ich Pferde sehe, überkommt mich dieser Freiheitsdrang.“
Auch wenn der Kaukasus weit von Baku entfernt ist - noch auf dem kleinsten Bergstädtchen ruht der allgegenwärtige Blick von Staatschef Ilham Alijew. Wie in jedem Winkel seines Reiches prangen auch hier riesige Bilder mit seinem Konterfei von den Häuserwänden, winkt sein Vater und Vorgänger Haidar Alijew als Denkmal seinen Untertanen zu. In Baku fährt man vom Haidar-Alijew-Flughafen über eine gleichnamige Straße und den ebenso benannten Park in der Innenstadt bis zum Haidar-Alijew-Messezentrum. Das einzige größere Gebäude Bakus, das nicht nach dem Gründervater benannt ist, ist das Fußballstadion; es trägt den Namen des Volkshelden Tofiq Bahramow, der als Linienrichter 1966 das Wembley-Tor für gültig erklärte. Die unbeholfenen Fotomontagen, die Alijew junior mal vor Berglandschaften, mal vor futuristischen Stadtkulissen zeigen, bekommen durch ihre Weichzeichner-Optik etwas Bedrohliches: Der gütige, etwas abwesend-schläfrige Blick des Potentaten, das feiste Gesicht mit dem flaumigen Oberlippenbart - unwillkürlich fragt man sich, wie wohl die Rückseite von so viel freundlichem Phlegma aussehen mag.
Die Liebesgeschichte von Ali und Nino
In seinem Nebeneinander von Reichtum und Rückständigkeit, Wüste und Wald, den sich überschneidenden kaukasischen, postsowjetischen, türkischen und persischen Einflüssen verlangt Aserbaidschan seinen Besuchern einiges ab. Rasim Mirzajew weiß ein gutes Mittel gegen drohenden Orientierungsverlust: Kurban Saids populären Roman „Ali und Nino“, der die Liebesgeschichte zwischen einem muslimischen Adligen und einer christlichen Georgierin im Baku des frühen zwanzigsten Jahrhunderts erzählt. „Das ist das Buch meines Lebens, ich spüre beide Seiten dieses Paares in mir“, sagt der Literaturwissenschaftler voller Begeisterung über den Nationalroman Aserbaidschans - und weiß sich in diesem Gefühl ausnahmsweise mit seinen Landsleuten einig.
Niemand hat die Grenzidentität des kleinen Landes zwischen Orient und Okzident eindrücklicher verkörpert als der lange Zeit unbekannte Verfasser des Romans: Kurban Said war nämlich das Pseudonym des Orientalisten Essad Bey, hinter dem sich wiederum Lev Nussimbaum verbarg, der Sohn eines jüdischen Ölmagnaten und einer mit Stalin bekannten Bolschewikin: ein zum Islam konvertierter jüdischer Intellektueller, der ein schillerndes Leben zwischen Baku und Berlin führte. Vielleicht sollte Aserbaidschan nicht nur dem Präsidentenvater, sondern auch diesem Meister der multiplen Identität ein paar Denkmäler widmen. Für die Touristen wäre es ein guter Schlüssel zum Verständnis des Landes. Und für die Bildhauer eine willkommene Abwechslung.