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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Armenien Cher, Aznavour, Agassi, Kasparow

 ·  Armenien ist ein Land voller Stolz mit einer Geschichte voller Schmerzen. Doch die Menschen sind es leid zu trauern. Stattdessen suchen sie lieber ein neues Lebensgefühl.

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Ob es bekannte Armenier gibt? Anna Gagarjahs rechte Augenbraue schnellt in die Höhe, das internationale Zeichen für Missbilligung gilt auch hier, in Eriwan: Wir Armenier sind in der ganzen Welt erfolgreich, sagt die Dame, die uns durch das Historische Museum der armenischen Hauptstadt führt. Der amerikanische Tennisspieler André Agassi, der amerikanische Schriftsteller William Saroyan, der französische Chansonnier Charles Aznavour, der amerikanische Astronaut Jim Bagian, die amerikanische Sängerin Cher, der kanadische Regisseur Atom Egoyan, der brasilianische Verleger Fernando Gasparian, der russische Schachspieler Garri Kasparow, der deutsche Boxer Arthur Abraham, der amerikanische Milliardär Kirk Kerkorian - das alles sind Armenier. Stellen Sie sich vor, diese Menschen wären hiergeblieben. Dann hätten Sie vielleicht nicht erst durch das Erdbeben im Jahr 1988 erfahren, dass es unser Land gibt, sagt Anna Gagarjah. Sie stößt ihr kleines Zeigestöckchen wie einen Degen in die Luft, als wolle sie damit die ganze Welt für ihre Ignoranz bestrafen.

Wir schweigen betreten, Anna Gagarjah dagegen gerät in Fahrt: Auf der Welt gibt es vier verschiedene Weizensorten, eine von ihnen stammt aus der armenischen Hochebene. Und erkennen Sie diese Teppiche? Wir bleiben vor zwei wunderschönen Kelims stehen, wie man sie in den Bazaren von Istanbul kaufen kann. Doch das wagt in diesem Augenblick niemand zu sagen. Genau, von den Gemälden Holbeins!, triumphiert Anna Gagarjah in unsere ratlosen Gesichter: Der Maler habe in seinen Bildern oft Heilige auf armenischen Kelims plaziert. In der Türkei behaupten sie zwar, die Teppiche seien eine Erfindung der Turkvölker. Aber ha! Das hier sind alles christliche Symbole, sagt Anna Gagarjah, und ihr Zeigestöckchen fliegt die Teppiche entlang: Das Rot symbolisiert das Opferblut Christi, das Vogelköpfchen in der Ecke ist ein stilisiertes D, der vierte Buchstabe des Alphabets, und steht für die vier Evangelisten, genauso wie das vierbeinige Tier darunter. Und der Vogel, der in der Mitte seine Flügel ausbreitet, ist nicht etwa ein anatolischer Bergadler, sondern ein Phönix, das christliche Symbol der Auferstehung.

Auf der Welt verstreutes Volk

Zufrieden mit unseren staunenden Blicken trippelt Anna Gagarjah weiter, wir folgen. Es geht vorbei an prächtigen Trachten und mächtigen steinernen Kreuzen, die so fein gemeißelt sind, als habe der Künstler sich belgische Spitze zum Vorbild genommen - etwa zehntausend solcher Kreuze soll es in Armenien geben. Vor einem riesigen Bergkristall bleibt Anna Gagarjah stehen. Der Stein ist ein Geschenk der armenischen Diaspora aus Uruguay, dem Land, das als erstes den Genozid an den Armeniern anerkannte, sagt sie und sieht auf einmal müde aus. Die jahrtausendealten christlichen Traditionen, die Sehnsucht eines auf der ganzen Welt verstreuten Volkes und der Schmerz des Völkermords wiegen schwer.

Etwa zehn Millionen Armenier gibt es auf der Welt, weniger als ein Drittel von ihnen hat die armenische Staatsangehörigkeit und lebt in Armenien. Seit Jahrhunderten gibt es armenische Gemeinschaften in Iran und in Georgien. Nach dem Völkermord wuchsen vor allem jene im Libanon, in Frankreich und in den Vereinigten Staaten. Um ihre Sehnsucht nach Heimat zu stillen, haben sich in den vergangenen Jahren viele Diaspora-Armenier ein Haus in ihrem Mutterland gebaut. Im Stadtzentrum von Eriwan ist auf diese Weise ein ganzer Straßenzug neu entstanden: Die alten Häuser wurden abgerissen und klassizistische Neubauten hingestellt, die sich wenig in das Stadtbild einfügen. Licht sieht man in den Fenstern der mehrstöckigen Häuser kaum. Wenn überhaupt, dann halten sich die Besitzer nur wenige Wochen im Jahr in Armenien auf. Eines aber wollen die Bewohner von Eriwan ganz gewiss nicht: eine leere Stadt. Da mögen die Besitzer der Stadt noch so berühmt sein.

Schwalbennest über Fußballstadion

Fast jeder in Armenien hat ein Familienmitglied durch den Genozid verloren, den das Osmanische Reich in den Jahren 1915 bis 1917 auf dem Gebiet der heutigen Türkei an der armenischen Bevölkerung verübte, sagt Ara Hayatan, der eigentlich Künstler ist und sich als Fremdenführer nur ein Zubrot verdient. Seine Familie konnte damals flüchten. Einen nationalen Gedenkort gestand Moskau seinem Sowjetstaat aber erst im Jahr 1969 zu. "Tsinakaberd" - "Schwalbennest" heißt die Gedenkstätte, die ihrem Namen alle Ehre macht und wie ein solches auf einem Hügel über den Dächern Eriwans schwebt. Der graue Basaltobelisk soll die Wiedererstehung des armenischen Volkes symbolisieren - wie eine Lanze sticht er in den Himmel. Daneben schließen sich kreisförmig angeordnete Stelen über dem Ewigen Feuer wie die Finger einer schützenden Hand. Jedes Jahr am 24. April gedenken Tausende von Armeniern hier der Opfer des Völkermords. Schätzungen sprechen von anderthalb Millionen Toten. Von den Fotos in der Gedenkstätte blicken einen die traurigen Gesichter von Frauen an. Man verschonte ihr Leben, zerstörte es jedoch auf andere Weise: mit der erzwungenen Konvertierung zum Islam. Ihre Wangen und die Stirn sind frisch tätowiert, so sollte die Flucht aus den Harems, in die man sie steckte, verhindert werden. Dass der am vergangenen Wochenende von der türkischen und armenischen Regierung unterzeichnete Vertrag zur Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen auch in eine Anerkennung des Völkermords münden könnte, bezweifeln viele Armenier. Als Abdullah Gül im vergangenen Jahr als erster türkischer Staatspräsident für ein Fußballspiel der Nationalmannschaft nach Armenien reiste, erwähnte er den Genozid mit keinem Wort. Von der Tribüne des Fußballstadions aus ist der Obelisk von "Tisnakaberd" gut zu erkennen.

Wir wollen wissen, wie der Blick zum türkischen Nachbarn ist, und verlassen Eriwan, diese Stadt, in der es nur zwei Buchläden und ein Kino, aber ein weltbekanntes Musikkonservatorium und einen Springbrunnen gibt, der jeden Abend zu Rhythmen populärer Titel buntbeleuchtete Kaskaden Wasser speit, in der die riesige Leninstatue, die einst diesen Platz zierte, noch heute wie ein gefallener Riese zwischen den Mülltonnen eines Hinterhofs liegt und in der ein Drittel der Einwohner des Landes leben. Unser Ziel ist das südöstlich gelegene Kloster Chor Virap. Denn nirgendwo sonst schmerze der Anblick des Ararats so sehr wie dort, unmittelbar an der türkischen Grenze, sagen die Menschen hier. Der Berg ist zum Greifen nah und dennoch unerreichbar, da er auf türkischem Territorium liegt.

Der Ararat hinter Stacheldraht

Die Klosteranlage wurde im siebzehnten Jahrhundert erbaut, über jenem Loch, in dem der heidnische König Trdat III. im Jahr 298 nach Christus den heiligen Grigor als Strafe für seine Missionierungsversuche fünfzehn Jahre lang schmoren ließ. Seine Dickköpfigkeit hat sich gelohnt - Armenien, das so groß wie Brandenburg ist, gilt heute als das älteste christliche Land der Welt. Von außen sieht Chor Virap wie eine Miniaturfestung aus, bewacht von der dunklen Wand des Ararats. Im Innenhof aber empfangen uns ein sanfter Wind und Männer mit weißen Tauben. Für ein paar Dram kam man die Tiere fliegen lassen, die Erfüllung eines Wunsches ist einem dann gewiss, behaupten sie. Wir aber halten uns lieber an die Wirklichkeit. Mit einem Fernglas tasten wir das Gegenüber ab: Da ist der Grenzfluss Arax, dann Stacheldraht, zwei Wachtürme, ein Traktor und Bauern auf einem Feld. Bis auf die Minarette, die hinter einem Wäldchen in den Himmel wachsen, sieht es auf der türkischen Seite genauso friedlich aus wie hier. Nur der Ararat zeigt sich grimmig und verhüllt seinen Gipfel mit dunklen Wolken

Von Eriwan aus kann man an klaren Tagen den mythenumrankten Berg sehen, den ein ganzes Volk zu seinem Symbol erhoben hat, obwohl er diesem schon lang nicht mehr gehört. Die Hügel der Stadt öffnen sich dem Ararat wie ein Amphitheater seiner Bühne. Ist der Himmel verhangen, muss man nur in eine Amtsstube, ein Café oder in einen Friseursalon gehen - garantiert wird man dort ein Foto des Berges finden. Auch im Staatswappen ist der Erhabene abgebildet. Die Bibel machte den Ararat zum Landeplatz von Noahs Arche, die Legende will, dass der armenische Stammvater Hajik an seinem Fuße wohnte. Einmal auf dem Gipfel des Ararat zu stehen ist für viele Armenier ein Lebenstraum. Doch nur jene können ihn sich erfüllen, die in der Diaspora leben - für Menschen armenischer Nationalität ist der Zutritt zum Berg verboten.

Schwarz und weiß

Ara Hayatan erzählt von armenischstämmigen Freunden, die sich einer Reisegruppe anschlossen, um in Begleitung des türkischen Militärs - nur so war es erlaubt - eine Bergtour auf den Gipfel zu machen. Irgendwann war jedem der Teilnehmer klar, dass auch der andere armenische Wurzeln hat. Doch in der gemeinsamen Sprache unterhalten konnten sie sich nicht. In den Augen türkischer Soldaten macht einen das schnell zum feindlichen Spion.

In Eriwan hatte Ara Hayatan uns Fotos seiner Gemälde gezeigt, die in Galerien in Tokio und Paris hängen. Er malt mit bunten Farben, die man im kargen Armenien selbst im Frühling und Sommer selten sieht. Wissen Sie, sagt er jetzt, für die meisten Armenier gibt es nur Schwarz oder Weiß, entweder ist etwas schön oder schrecklich - das hat uns die Geschichte gelehrt. Doch unter der Oberfläche, da brodelt in jedem Armenier ein Vulkan, der immer wieder Sehnsucht speit.

Wein in Coca-Cola Flaschen

Wir kehren dem Sehnsuchtsberg den Rücken zu und wählen den Weg ins armenische Gebirge. Die sowjetischen Plattenbauten rund um Eriwan, die rauchenden Fabrikschornsteine bleiben hinter uns. An der Straße stehen Männer und bieten Fünfliterflaschen feil, deren Etiketten dem ahnungslosen Käufer Coca-Cola versprechen - sie sind jedoch mit Wein gefüllt. Iranische Lastwagenfahrer schmuggeln so den Alkohol über die Grenze. Ein verrostetes Riesenrad balanciert seine schief in den Angeln hängenden Gondeln, die Straße verengt sich zu einer schmalen Serpentine. Felswände türmen sich auf, fein geriffelt wie Blätterteig. Wie ein Zug von Pilgern ziehen Strommasten durch das Land, verfolgt von überirdisch verlaufenden Gasleitungen. Es gibt keine Stadt, kein Dorf, kein Haus, an dem das Auge sich festhalten kann. Um uns ist nur nebelgetränkte, bergige Weite. Unser Bus klettert an Autos vorbei, die aussehen, wie Kinder sie zeichnen würden. Am Straßenrand taucht aus dem Nichts eine Frau mit einem Kräuterkorb auf. Dann, auf einer Anhöhe, zwei Soldaten, sie machen Liegestütze. Der Himmel berührt das Land, hinter einer Kurve reißt er plötzlich auf und wirft Sonnenstrahlen auf die Erde. Schwarze Felsen schälen sich aus störrischem Gras und Flechtenwerk, die zwischen dem ersten Schnee wie gestrandete Orcas aussehen. In einem Dorf halten wir. Das Hochland von Karabach, zu dessen Seiten sich die wilden Gipfel des Zangezurgebirges und die der Meghrikette türmen, ist nur noch wenige Kilometer entfernt. Die Sommer hier oben sind kühl, im Winter sinkt das Thermometer auf minus fünfundzwanzig Grad.

Am Straßenrand haben sich Kinder in dicken Parkas vor Eimern mit Pilzen postiert. Wie Spatzen stürzen sie sich auf jedes anhaltende Auto. Ein Herr im Anzug entsteigt einem Mercedes. Das Autokennzeichen weist ihn als Eriwaner aus. Fluchend weicht er einem Fohlen aus, das einem Pferd mit Reiter hinterhergaloppiert. Laut schlägt er die Wagentür zu. Diesen feinen Leuten sind wir egal, selbst wenn sie anhalten, ignorieren sie uns, kräht ein altes Mütterchen mit Kopftuch von seinem Plastikschemel. Wir kaufen ihr getrockneten Sauerampfer ab, angeblich lässt sich daraus eine Suppe zubereiten. Achtzig Jahre sei sie alt, erzählt die zahnlose Alte, und ja, auch wenn man ihr das heute nicht mehr ansehe, sie habe in Moskau Literatur studiert. Später arbeitete sie als Sekretärin beim KGB. Und jetzt ist die Sowjetunion futsch, und ich sitze hier und verkaufe dieses Zeug, ruft sie und lacht, dass die Falten in ihrem Gesicht tanzen. Fünfzigtausend Dram Pension bekomme sie, das sind umgerechnet siebenundachtzig Euro. Der Ehemann ist tot, der Sohn starb Anfang der neunziger Jahre im Krieg um Nagornyi Karabach.

Kandidieren für das Bürgermeisteramt

Am Eingang der Kleinstadt Goris werden wir von einem Polizeiposten begrüßt. Die Polizisten tragen tellergroße Mützen. Sie sind von jener Art, die man sich wunderbar in den Nacken schieben kann, wenn es darum geht, gelangweilte Überlegenheit zu demonstrieren. Die Grenze zu Nagornyi Karabach liegt nur einen Steinwurf von hier entfernt. Seit der blutigen Auseinandersetzung ist die zu Aserbaidschan gehörende Enklave von Armenien besetzt. In unserer Pension dagegen regieren die Gäste einer Geburtstagsfeier. Französische Wortfetzen fliegen durch die Luft und vermischen sich mit den lauten Klängen armenischer Popmusik zu einem unverständlichen Geschwirre. Kellner tragen riesige Tabletts mit Vorspeisen auf: Bastúrma, in feine Streifen geschnittenes, zartes Rindfleisch; Ththu, in Essig eingelegte Auberginen; Tolma, gefüllte Weinblätter, Lavash, das hauchzarte armenische Brot; und Kanatschner, Halme von Kräutern wie Petersilie, Basilikum, Minze, Dill und Lauch, die roh gegessen werden. Stoßen Sie mit uns an!, ruft das Geburtstagskind, ein dicker Franzose, und schon schwappt zentimeterhoch Aprikosenlikör in unseren Gläsern. Seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1991 komme er mehrmals im Jahr hierher, habe Geld für ein Krankenhaus gespendet und investiere jetzt in eine Stiftung, sagt er: Armenien ist das Land seiner Väter. Unser Land ist immer besetzt gewesen, erst von Türken, dann von Russen. Einen eigenen Staat zu haben war immer unser Traum, ruft er und hebt sein Glas. Dann zählt er auf, was die armenische Regierung alles machen sollte: erstens, nicht mit den Türken verhandeln, zweitens: nicht mit den Türken verhandeln, und drittens: nicht mit den Türken verhandeln. Im vergangenen Jahr hat er hier sogar für das Amt des Bürgermeisters kandidiert, bekam jedoch nicht genügend Stimmen.

Nicht jeder in Armenien freut sich über das Engagement der armenischen Diaspora. Zwar bringen sie Devisen in das Land, sorgen aber auch für eine politische Unruhe, an der sich vor allem die junge Generation stört: Sie wollen Armenien voranbringen, sind jedoch kaum noch mit der Denkweise ihres Mutterlandes vertraut. Anders als in Armenien selbst, kann man in der Diaspora offenbar auch nur schwer vergessen, wie groß Armenien einmal war. Im Norden erstreckte sich das Reich bis zum südlichen Kaukasus, im Osten fast bis an das Kaspische Meer, im Süden bis an den iranischen Urmia-See und im Westen bis zum Taurusgebirge. „Sie brauchen den Kampf“, sagt Ara Hayatan. „Wir jedoch nicht. Denn wir haben unser Land und leben auch darin. Vielleicht ist es an der Zeit, ein neues Lebensgefühl zu finden.“

Elegante Soutane

Nicht nur im Kloster von Tatev würde man gerne die Kirche in dessen Zentrum sehen. Am Eingang hängt ein Schild, was alles in den ehrwürdigen Mauern verboten ist: Rauchen, Essen, Trainingshosen, Sonnenbrillen, offene Haare, kurze Kleidung, Telefonieren. Pater Michael kommt uns entgegen: gepflegter Bart, eine Soutane, so elegant, als hätte sie ein Mailänder Designer geschneidert. An seinem Ohr klebt ein Mobiltelefon. Also schauen wir uns zunächst alleine zwischen den mehr als zweitausend Jahre alten Mauern um. Die Anlage ist riesig, wie überall in Armenien ist die Hauptkirche nach Osten ausgerichtet - Jesus soll aus dieser Himmelsrichtung gekommen sein. Und wie alle Kloster Armeniens fügt sich Tatev so harmonisch in die Landschaft, als sei es ihr entwachsen: Der Geist Gottes ist in der Natur enthalten, macht man sich beim Klosterbau ihre Begebenheiten zu eigen, dann ruht es auch in Gottes Hand, lautete die Maxime der Architekten. Das Kloster ruht hoch über einer Schlucht auf einem Felsvorsprung, unter dem der Fluss Vorotan rauscht. Bis ins achtzehnte Jahrhundert war Tatev eines der spirituellen Zentren des Landes und beherbergte eine riesige Universität, an der mehrere hundert Mönche studierten. Dann kamen die Russen, und die Blütezeit des Klosters war vorbei. Viele der kostbar verzierten Handschriften, die damals gerettet werden konnten, werden im Matenadran-Museum in Eriwan aufbewahrt. Fast jedes armenische Kind ist schon einmal dort gewesen: Wenn sie in der Grundschule den letzten Buchstaben des Alphabets gelernt haben, besuchen sie gemeinsam die Forschungseinrichtung. Danach geht es zum Grab von Mesrop Maschtoz, dem Schöpfer des armenischen Alphabets.

Drei Männer in ballonseidenen Trainingsanzügen, denen man auf den ersten Blick nicht das Vaterunser zutrauen würde, kommen über den Hof gestapft. Sie ziehen an einem Strick ein blökendes Schaf hinter sich her. Als es stehen bleibt, bekommt es einen Tritt. Pater Michael eilt herbei, um die seltsame Prozession zu erklären. Sie ist ihm irgendwie unangenehm. Nein, nein, sagt er, das ist kein richtiges Opfertier, wir sind ja keine Heiden. Er setzt sich auf die Bank vor der Kirche und erklärt: Die Tradition des Matagh geht auf einen paganistischen Brauch zurück. Wenn jemand krank ist oder einen Unfall hatte, dann gelobt die Familie, ein Schaf zu schlachten, dessen Fleisch sie an andere Menschen verteilt. Zuvor bekommt das Tier Salz zu fressen, das von einem Priester gesegnet worden ist. Pater Michael seufzt: Es sei eigentlich verboten, die Schafe in die Kirche zu bringen. Aber manchmal drücke er ein Auge zu. Die Generation der Sowjetzeit sei ohnehin nur schwer in die Kirche zu bringen - die christlichen Wurzeln des Landes wurden damals gekappt. Achthunderneunundachtzig Mönche zählte das Land. Stalin schickte sie alle nach Sibirien. Nur drei von ihnen kehrten zurück.

Anreise: Die Fluggesellschaft Chzech Airlines fliegt mehrmals wöchentlich von Frankfurt aus über Prag nach Eriwan. Deutsche benötigen bei der Einreise ein Visum, das man am Flughafen von Eriwan für umgerechnet dreißig Euro bekommt. Wer mit dem Zug anreist, kann sich vor der Abreise ein Visum ausstellen lassen bei der Botschaft der Republik Armenien, Nussbaumallee 4, 14050 Berlin, Telefon: 030/4050910.

Organisierte Reisen: Kultur-, Trekking- und Skireisen nach Armenien, bei denen auch die abgelegenen Klöster des Landes besucht werden, bietet unter anderem Hauser Exkursionen International, Spiegelstraße 9, 81241 München, Telefon: 089/23500628, im Internet unter www.hauser-excursionen.de.

Literatur: "Armenien, 3000 Jahre Kultur zwischen Ost und West", von Jasmine Dum-Tragut, Trescher Verlag, Berlin 2008.

Informationen: Über Hotels, Pensionen und Gästehäuser sowie über Sehenswürdigkeiten in Armenien gibt die Internetseite www.armeniainfo.am Auskunft.

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Jahrgang 1975. Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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