14.12.2011 · Früher schlugen Goldschürfer ihre Zelte in Quartzsite auf, heute sind es fliegende Händler. Einmal im Jahr wird die Wüstenstadt zum größten Flohmarkt der Welt.
Von Nina RehfeldWenn man auf der Interstate 10 von Phoenix nach Los Angeles unterwegs ist, bietet sich dem Auge, sobald man die letzten Bauruinen des Immobilienbooms in den Außenbezirken hinter sich gelassen hat, nichts als die rauhe Einsamkeit der Wüste Sonora. Schnurgerade zieht sich die Straße über einhundert Meilen dahin, vorbei an majestätischen Saguaro-Kakteen und giftgrünen Palo-Verde-Büschen, eingerahmt am Horizont von schroffen vulkanischen Bergzügen. Hin und wieder kreuzt ein Kojote oder ein Tumbleweed die Fahrbahn. Im Radio laufen Oldies. Dann, hinter einer Hügelkuppe, öffnet sich der Blick auf eine Siedlung in der Ferne, die wie eine arabische Medina wirkt: Weiße Quadrate drängen sich dicht an dicht links und rechts des Highways. Es ist eine Oase, zwanzig Meilen östlich vom Colorado, und doch nur eine Fata Morgana.
Denn dieses Wüstenkaff ist gar keine richtige Stadt, sondern eine Ansammlung von Wohnwagenparks, mehreren Tankstellen und einer Handvoll Fastfood-Restaurants. Es ist die Raststatt zahlloser Reisenden, und Heimat von einigen tausend sogenannten Snowbirds: Rentner. In ihren rollenden Heimen überwintern sie hier. Willkommen in Quartzsite, einem trostlosen Flecken inmitten der Wüste - sonnengegerbt, staubig, steinig, öd.
Jeden Januar aber blüht das gottverlassene Nest auf. Dann versammelt sich eine Karawane aus Schürfern, Mineralienhändlern, Werkzeugmachern, Kunsthandwerkern, Antiquitätensammlern und Juwelieren, Gimmickverkäufern und Imbissbetreibern entlang des Highways. Für einige Wochen wird Quartzsite zum größten Flohmarkt der Welt. Das Camperstädtchen, das etwa tausendzweihundert Einwohner zählt, schwillt auf ein paar hunderttausend Menschen an. Sie kommen zum Kaufen, Verkaufen, Tauschen, Handeln.
Es ist noch früh am Morgen, doch kaum haben die ersten Sonnenstrahlen die Berggipfel im Osten überwunden, schälen sich die ersten Händler in Tyson Wells aus ihren Zelten und Campern. Mit Wasserschläuchen bekämpfen sie den Staub an ihren Ständen, mit der Kaffeetasse in der Hand lassen sie die letzten Schleier des Schlafs verwehen. Tyson Wells auf der Südseite des Highways ist einer von einem Dutzend Veranstaltungsorten in Quartzsite, und wie in jedem Jahr sind die Flächen bis auf den letzten Platz vermietet. Das laufende "Sell-O-Rama" gilt als eine der beliebtesten Shows, und bald füllen sich die Gänge zwischen den Ausstellungsflächen mit Schnäppchenjägern und Bummlern, Neugierigen und alteingesessenen Shoppern. Ein findiger Händler verkauft kleine quadratische Einkaufswagen, die zahlreiche Leute hinter sich herziehen. Ein anderer vermietet offenbar mit großem Erfolg Plastikbollerwagen, die Kindern und Haustieren als Kutsche dienen.
Eine Gruppe älterer Damen mit gelben Glitzerkäppchen und dazu passenden T-Shirts bummelt schnatternd zwischen Indianerschmuckständen und Schaukelstuhlhändlern hin und her. "The Quartzsite Gang" ist auf die kanariengelben Shirts gedruckt. "Wir kommen schon seit sechzehn Jahren", sagt Maureen, die aus dem fernen Michigan stammt und sich hier mit Freunden aus allen Landesteilen trifft. Die Damengang klappert die verschiedenen Shows nach allerlei brauchbarem Krimskrams ab - der Renner in diesem Jahr sei eine faltbare Rückenstütze - bevor sie sich am Nachmittag zur Happy Hour auf den Campingplatz zurückzieht: "Da sitzen wir am Lagerfeuer, singen und machen Musik auf Flaschenhälsen." Es sei eine Stimmung wie in den alten Wagenburgen des Wilden Westens - nur eben die moderne Version davon.
Als der Westen tatsächlich noch wild war, grub hier am Rande eines trockenen Flusslaufs im Jahr 1856 ein deutscher Auswanderer namens Karl Theissen einen Brunnen. Unter dem Namen Charley Tyson war er in die Wüste gekommen, um nach Gold und Mineralien zu schürfen. Zum Schutz vor den Mojave-Indianern errichtete er eine kleine Festung an der alten Wegstrecke zwischen Ehrenburg am Colorado und Prescott im Nordosten. Tyson's Well, auch Fort Tyson genannt, wurde ein beliebter Anlaufpunkt für Reisende, die auf dem Weg nach Westen die Wüste durchquerten. Im Jahr 1866 baute Tyson deshalb eine Kutschenstation, heute beherbergt sie das winzige Museum des Ortes an der Main Street. Viele der Durchreisenden waren Schürfer und Abenteurer in den Nachwehen des kalifornischen Goldrausches, und als einige von ihnen nahe dem alten Fort Quarz fanden, gewann das kleine Nest neue Bedeutung. Es wurden Minen gegraben, deren Ruinen bis heute geisterhaft aus steinigen Hügeln ragen. Das Städtchen Quartzsite wuchs und gedieh. Bevor der Schürferboom verebbte, gab es dort zehn Saloons.
Erst 1967 gründeten ein paar Mineralienfreaks die "Quartzsite Improvement Association" und belebten die alte Schürfertradition mit dem "Pow-Wow" wieder, einer Mineralienmesse im alten Schulhaus, die zunächst nur Enthusiasten anzog. Doch über die Jahre entstand rund um die Schürferzelte ein gigantischer Flohmarkt. Zuerst gruppierten sich Werkzeugmacher und Campinganbieter um die Edelsteinliebhaber, dann erschlossen sich immer mehr Händler das wachsende Publikum. Heute kann man hier Babydecken und Kristallschnitzereien, Fitnessgeräte und Antiquitäten, Gürtel aus Leder oder aus Holz, Massageöle und mexikanische Kinderkleidchen, Lochzangen und Energiearmbänder, Redwood-Tische und Schaukelstühle, Goldketten und Indianerschmuck kaufen. An einer Ecke bietet ein Mann "Doggie Dental Cleaning" an, Zahnreinigung für Hunde. "Da wirst du aber ein schönes Lächeln haben, Gracie!", sagt eine Dame um die sechzig und händigt ihren Golden Retriever aus. Ein Stück weiter verkauft jemand Taser-Pistolen für den Hausgebrauch - die sich aber, wie der Mann sagt, wegen des Preises von sechshundert Dollar nur schleppend verkauften. Besser gehen dagegen die kleine Elektroschocker mit zwei Millionen Volt für etwa neunzig Dollar. Gegenüber des Standes, an dem eine sportliche Frau Mitte Vierzig "Tomboy Tools" verkauft - Damenwerkzeug mit rosafarbenen Griffen und in rosafarbenen Kästen - haben Mitglieder einer Bibelgruppe einen jungen Navajo umzingelt, der gemeinsam mit seinem Cousin Sandsteinmalereien und Traumfänger feilbietet. "Hilfe!", ruft er seinem Cousin zu, "man will mich retten!"
In Quartzsite findet der urtypische amerikanische Unternehmergeist eine Heimstatt. Wie in den guten alten Tagen sind hier Schlangenölhändler unterwegs, die magische Diätmaschinen und Entgiftungssohlen verhökern, verkaufen hier Menschen Kunsthandwerk, Gebrauchsgegenstände und Produkte, die vielleicht die Welt revolutionieren könnten. Aber sie alle sind Neuzugänge. Die Traditionalisten findet man in Desert Gardens in der südwestlichen Ecke von Quartzsite.
Kenny Myers sitzt dort mit einer Zigarette im Mundwinkel und einer Katze namens Beans auf dem Schoß. Um ihn herum sind vierzig Tonnen Gestein. Auf langen, teils bedrohlich durchhängenden Tischen lagern rohe Gesteinsbrocken und geschliffene Mineralienscheiben, Fossilien und gemaserte Sandsteinplatten. Mit seinem Filzhut und dem grauen Bart sieht Myers aus, als durchkämme er schon seit dem neunzehnten Jahrhundert die Wüste nach Schätzen. Doch er stammt aus Utah im Norden und kommt seit mehr als einem Jahrzehnt jeden Dezember für ein paar Wochen hierher, um mit anderen "Rockhounds" zu handeln - so nennen sich die Schürfer und Mineralienliebhaber aus aller Welt. Die Australier gegenüber bieten Opale im Pfund an, der Afghane auf der anderen Seite verkauft Lapis Lazuli aus seiner Mine bei Kabul, und an der Ecke staubt ein chinesischer Händler seine Jadeschnitzereien ab. Kenny gräbt noch per Hand nach fünfhundert Millionen Jahre alten Trilobiten und anderen Schätzen, ganz wie die alten Schürfer des Wilden Westens. Schweres Gerät verlange hingegen komplizierte Genehmigungsverfahren: "Ich verbringe die meiste Zeit des Jahres damit, durch trockene Flussläufe zu streifen. Nur dass ich statt auf einem Esel auf einem Fourwheeler sitze." Eine ältere Dame nimmt einen seiner Steine unter die Lupe: "Kann man mit Ihnen feilschen?" fragt sie. Kenny setzt Katze Bean auf den Boden. "Kann man, Ma'am."
Später, wenn die Sonne sich über den Colorado neigt und die Berge pfirsichrot erstrahlen lässt, wenn die Snowbirds zur Happy Hour rufen und die Durchreisenden nach Phoenix oder Los Angeles weitergezogen sind, werden Händlerzelte wie das von Kenny zum Treffpunkt der Rockhounds. Auf Grillen schmoren Hamburger und Würste, bei Bier und Whiskey wird über die Wirtschaftslage, das Wetter und über Steine gefachsimpelt, und hin und wieder greift einer zur Gitarre und spielt Bradley Stauners Quartzsite-Song, eine Ballade über das romantische Leben der fliegenden Händler in der Wüste.
Sogar ein wenig Kultur bietet Quartzsite. Im Quartzsite Yachtclub, der örtlichen Kneipe auf der Nordseite vom Highway, gibt ein ehemaliger Bestattungsunternehmer mit geflochtenen Zöpfen und Stirnband Willie-Nelson-Songs zum Besten. Einen Kilometer weiter östlich lädt der Betreiber der örtlichen Shell-Station, Paul Carnevale, jeden Samstag Oldtimer-Enthusiasten zu Cruise-Ins an die Tankstelle an der Kreuzung Main Street und Highway 95. Und noch ein Stück weiter, im Buchladen Reader's Oasis, spielt der nach seiner Aversion gegen Kleidungsstücke benannte Besitzer "Naked Paul" auf Wunsch Boogie-Woogie-Stücke auf dem Klavier.
Beim Spaziergang über den Friedhof von Quartzsite staunt man über ein alle anderen Grabstätten überragendes pyramidenförmiges Monument. Es ist das letzte Camp eines syrischen Kameltreibers, der hier im neunzehnten Jahrhundert zur Kultfigur avancierte: Haji Ali, amerikanisiert Hi Jolly, begleitete im Jahr 1856 siebzig nordafrikanische Kamele nach Texas, wo die amerikanische Armee ein skurriles Experiment startete. Mit den Tieren hoffte man, die Wüste des Südwestens besser durchqueren zu können als mit Pferd oder Maultier. Doch die weichen Fußsohlen der Kamele waren Dornen und steinigem Boden nicht gewachsen. Als im Jahr 1861 der Bürgerkrieg ausbrach, wurde der Kamelkorps deshalb aufgegeben. Die meisten Tiere ließ man in der Wüste frei. Hi Jolly aber setzte sich mit einer kleinen verbliebenen Herde in Quartzsite zur Ruhe und lebte dort bis zu seinem Tod im Jahr 1902 als Schürfer.
Viel hat sich nicht verändert in Quartzsite, seit Charley Theissen und Hi Jolly hier ihre Lager aufschlugen. Noch immer kommen die Leute in Kutschen, wenn auch in denen der modernen Automobilindustrie. Noch immer erzählen sich hier Menschen aus aller Herren Länder am Lagerfeuer Geschichten, und noch immer hängt man hier dem Traum vom selbstgemachten, unabhängigen Unternehmertum nach. Und wenn im Februar zweihundertfünfzig Meilen weiter östlich die Tucson Gem and Mineral Show beginnt, eine der größten Mineralienmessen der Welt, dann packen die Händler und Schürfer ihre sieben Sachen zusammen und ziehen weiter. Quartzsite verfällt dann wieder in seinen Dornröschenschlaf. Bis zum nächsten Jahr.
Anreise: Quartzsite im amerikanischen Bundesstaat Arizona liegt etwa 400 Kilometer östlich von Los Angeles und etwa 210 Kilometer westlich von Phoenix. Die nächstgrößere Stadt ist Blythe am Colorado River. - Unterkunft: Übernachten kann man etwa im Super 8 Motel, 2050 Dome Rock Road, US-Quartzsite, AZ, Telefon: 001/928/927/8080; oder im Wohnwagen-Motel Quartzsite Yacht Club Motel, 090 West Main Street, US-Quartzsite, AZ 85346, Telefon: 001/928/927/ 6331. Auskunft über weitere Übernachtungsmöglichkeiten gibt die Internetseite www.qzchamber.com/town.html - Informationen: Über Reisemöglichkeiten in Arizona informiert das Arizona Office of Tourism, c/o Kaus Media Services, Luisenstr. 4, 30159 Hannover, Telefon: 0511/8998900