08.03.2010 · Die Ureinwohner von Patagonien, die Mapuche, besinnen sich immer mehr auf ihre alten Werte. Der Tourismus ist dabei ein wichtiges Vehikel für die Eigenständigkeit.
Von Anna LollZuerst sieht man nur Staub. Wie eine braune Wolke hängt er zwischen den heiligen Pehuenes-Bäumen. Dann tauchen plötzlich die Schemen einer Herde Kühe auf. Sie brechen einen steilen Hang herunter; fliehen vor zwei Reitern auf Pferden. Schreie und Pfiffe gellen durch die Luft, vermischen sich mit dem Lärm eines Motorrads, das ausbrechende Rinder zu ihrer Herde zurücktreibt. In einem eingezäunten Pferch kommen die Tiere schweratmend zum Stehen. Sand wirbelt auf, er glitzert gelb in der sinkenden Sonne. Dann fällt das Gatter zu - Feierabend für Koel, Juan Abel und Hugo.
Koel fächelt sich mit seinem Hut Luft zu. Er lächelt stolz. Ja, eine Art Cowboy sei er schon, sagt er, nachdem wir ihm den Begriff erklärt haben. Hugo mit seinem Motorrad natürlich auch, aber ein etwas modernerer. Er selbst würde nie auf sein Reittier verzichten wollen, sagt Koel und klopft dem Pferd an seiner Seite liebevoll den Hals. Der Mapuche hat sich für die Gäste extra den dreifarbigen Pullunder angezogen, den seine Mutter vor vielen Jahren für ihn gestrickt hat: Grün stehe für die Erde, Rot für das Feuer und Weiß für den Geist, erklärt er uns. Ganz sicher ist er sich aber nicht. Von dem jahrtausendealten Wissen der Mapuche, den Ureinwohnern Patagoniens, dieses Land mit seinen endlosen Steppen und verwachsenen Wäldern, seinen Gletschern und glasklaren Seen, ist vieles verlorengegangen.
Name mit Persönlichkeit
An einem der Seen stehen wir am nächsten Tag im Nationalpark Lanín in der Provinz Neuquén. Der Morgen ist klar und still, das Wasser kräuselt sich in sanften Wellen. Der See ist ein riesiger Spiegel, der uns den sich am Horizont erhebenden Vulkan zu Füßen legt. Sein schneebedeckter Gipfel ist von Wolken verhangen. Es ist ein schöner, ein atemberaubender Anblick. Wir folgen Koel, reiten hinter ihm auf steilen Pfaden den Berg hinauf. Trockene Gräser und stachelige Büsche bedecken die Hänge, die Täler liegen bald weit unter uns. Am Horizont erhebt sich die Gebirgskette Cordillera. Sie markiert die Grenze zu Chile. Dann ist der Gipfel des Vulkans erreicht. Koel hat dort eine kleine Holzhütte errichtet. Bisher, sagt er und lächelt, habe er nur Menschen seines Volkes eingeladen, ihn dorthin zu begleiten. Schnell ist ein Feuer entfacht, und der süßliche Duft von gebratenem Schaffleisch steigt uns in die Nase. Das Tier ist zu Ehren der Gäste geschlachtet worden, wir bekommen es mit Zitrone beträufelt und mit frischem Brot serviert. Wie ein König fühlt man sich hier oben im Schatten der uralten Pehuenes. Und gleichzeitig ganz klein inmitten der Natur. Kein Mensch ist uns unterwegs begegnet. Nur Schafe und ein paar grasende Kühe auf dem schier unendlich wirkenden Land. Es ist viel Blut auf ihm geflossen.
Wie bei Hugo und Juan Abel zeugen schon die spanischen Namen vieler Mapuche vom leidvollen Schicksal ihres Volkes. Die Tradition will eigentlich, dass ein Neugeborenes einen Namen erhält, den die Mutter während der Schwangerschaft geträumt hat. Er soll auf Charaktereigenschaften und auf die Stammeszugehörigkeit des Kindes verweisen - stellt sich ein Mapuche vor, dann präsentiert er sich auf diese Weise gleich als Persönlichkeit. Doch die Namen in Mapudungun, der Sprache der Mapuche, waren Ende des neunzehnten Jahrhunderts den frisch gebackenen Argentinier aus dem Norden fremd. Genauso wie die Eingeborenen selbst sollten sie deshalb ausgelöscht werden. Den Mapuche, die überlebten, wurden bei der Registrierung Namen gegeben, die Spanier und später Italiener, Deutsche und Russen in das Land gebracht hatten.
Die Gesetze des Walmapu
"Campaña del Desierto" - "Wüstenkampagne" wird der große Eroberungsfeldzug gegen die indigene Bevölkerung Patagoniens in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts genannt. Doch das Land, um das es der argentinischen Regierung ging, war fruchtbar und wurde bewirtschaftet. Mit und von ihm lebten "die Menschen der Erde", wie die Mapuche sich nennen. Organisiert in Stämmen und angeführt von Clan-Chefs, den "Lonocs", lebten sie nach den Gesetzen des "Walmapu": einem Universum, in dem jedes Element einen individuellen Charakter und eine besondere Kraft besitzt und dennoch untrennbar mit allen anderen Elementen verbunden ist - der reißende Fluss oder die dornige Pflanze, der tiefe Schnee im Winter genauso wie der am Wegesrand liegende Stein. Und natürlich auch die Mapuche. Ihre Schamanen kannten die Geschichten und die Gesetze dieses Allumfassenden. Sie konnten Veränderungen in den Sternen und in den Winden lesen. Doch das alles half nichts, als die Weißen kamen. "Winkas" nennen die Mapuche sie, was wörtlich übersetzt so viel bedeutet wie "Menschen anderer Bräuche". Gemeint aber sind damit Personen, die gekommen sind, um zu rauben, zu lügen und zu töten.
Wie damals die Mapuche gegen die Eindringlinge kämpften, hat Hugo von seinen Großeltern erzählt bekommen. "Die Mapuche versteckten sich. Einer, der Spanisch sprechen konnte, ging zu den Weißen und verhandelte mit ihnen. Sie garantierten, dass niemandem etwas geschehen würde", sagt er und nimmt durch seinen Blechstrohhalm einen Schluck Mate-Tee. "Als die Menschen aus ihren Verstecken kamen, töteten die Winkas sie. Die Überlebenden wurden verschleppt."
Volkshelden der Mapuche
Schätzungen sprechen von mehr als tausend Eingeborenen, die im Zuge der "Campaña del Desierto" umgebracht worden sind. Etwa dreizehntausend führten die argentinischen Eindringlinge in die Gefangenschaft. Heute wohnen nur noch wenige Mapuche auf dem Land. Die meisten versuchen ihr Glück in den Städten. Durch die jahrzehntelange Unterdrückung haben sie das Selbstbewusstsein verloren, ihrer Kultur würdevoll zu begegnen. Etwa die Hälfte ist zum Christentum konvertiert, und nur noch etwa vierhundertvierzigtausend Menschen sollen Mapudungun sprechen. In Neuquén, einer Provinz, in der die meisten Mapuche-Gemeinschaften Argentiniens leben, sind es gerade mal eine Handvoll.
Es ist die kollektive Erfahrung der Diskriminierung und Vernichtung, die alle Mapuche teilen. Genaue Zahlen, wie viele Mapuche es gibt, existieren nicht. Etwa dreihunderttausend von ihnen sollen in Argentinien leben, etwas weniger als eine Million in Chile. In Argentinien haben die Mapuche seit den späten achtziger Jahren ihre Position stärken können. Der Provinz Neuquén und einer dort ansässigen Mapuche-Konföderation kam dabei eine Vorreiterrolle zu. Sie wurde in den sechziger Jahren von einer Gruppe von Loncos gegründet. Als Vorbild diente eine Vereinigung, die der Mapuche-Führer Calfucurá um das Jahr 1850 ins Leben gerufen hatte - die Mapuche verehren ihn als Volkshelden. Die Kirche half bei ihrer Gründung, wollte jedoch ihren Einfluss unter den Eingeborenen geltend machen. Auch der Provinzpolitik entging nicht die wachsende Macht der Konföderation. Sie begann diese zu kontrollieren. Erst eine Gruppe um den Mapuche Tino Nahuel sollte dies wieder ändern.
Aus dem Nationalpark vertrieben
Die Gruppe hatte sich formiert, um gegen die soziale Not zu kämpfen. Tino Nahuel, der sich gern als militant mit friedlichen Mitteln bezeichnet, stieß mit seinem Bruder Mitte der achtziger Jahre dazu. Die beiden bekamen ein Auto gestellt und besuchten damit Mapuche-Gemeinden auf dem Land. Überall begegnete ihnen Armut und ein sehr geringer Bildungsstand. Aber auch auf Wurzeln ihrer Kultur stießen sie, auf lebendige Spuren des Lebens mit dem Walmapu, über das sich das Volk der Mapuche so lange definiert hatte. Tino Nahuel und seine ,Brüder', wie man sich untereinander in der Gruppe nennt, fassten den Entschluss, sich all das wieder zurückzuerobern.
Mit ihrer Unterstützung gewann die Konföderation im Jahr 1990 ihre Entscheidungsmacht zurück. Als vier Jahre später ein Unternehmer mitten in der Ortschaft Calfucurá den Boden aufriss, um mit der Erlaubnis der Provinzregierung dort Tonerde zu fördern, begann eine neue Etappe des Kampfes. "Wir haben der Regierung einen Protestbrief geschickt", sagt Tino Nahuel. "Er blieb natürlich unbeantwortet." Die Konföderation besetzte deshalb den Förderplatz und stellte die Maschinen ab. Ein Gerichtsprozess wurde angestrengt, den die Mapuche für sich entscheiden konnten. Nach diesem Erfolg wuchs der Mut der Mapuche. Immer offener wurde diskutiert, wie sie ihr einstiges Land zurückgewinnen könnten. Im Jahr 1995 besetzten sie ein einhundertzwanzigtausend Hektar großes ehemaliges Militärgebiet in der Region Pulmarí, von dem den Mapuche schließlich fünfundvierzigtausend Hektar zugestanden wurden. Im Jahr 2001 fand in der Region Aluminé die vorerst letzte Besetzungsaktion statt. Auch sie wurde vor Gericht für die Mapuche entschieden. Neue Gesetze der Vereinten Nationen und des argentinischen Staates unterstützen inzwischen die territorialen Ansprüche der Mapuche. Einen Wendepunkt bedeutete auch die in Neuquén beschlossene Neuregelung für den Nationalpark Lanín. Auf dem Territorium des im Jahr 1937 gegründeten Naturschutzgebietes hatten immer Mapuche gelebt. Dann aber erlaubte ein Gesetz nur noch Parkwächtern, dort zu wohnen. Lange ging es hin und her, bis im Jahr 2000 dann eine Einigung gefunden wurde: Die Mapuche und die Nationalparkverwaltung bestimmen jetzt gemeinsam über das Land. Zusammen suchen sie nach neuen Zukunftsperspektiven - und die werden vor allem im Tourismus gesehen.
Hohes Dienstleistungsniveau
An zehn der Campingplätze im Nationalpark sind die Mapuche inzwischen beteiligt. Die Anlagen liegen malerisch versteckt in der wilden Natur und sind selbst Argentiniern nicht immer bekannt. Einige verwalten die Mapuche auch selbst, so etwa jene in Villa Pehueña: Die Sandwege sind gepflegt, einige der Parzellen säuberlich abgezäunt, denn die Touristen sollen nicht überall hingehen können. "Am liebsten sind uns Gäste, die Respekt vor der Natur haben", sagt Rosalía Puel, die stellvertretende Lonco der Gemeinde, die den Campingplatz betreibt. Sie ist froh, dass die jungen Mapuche nun auch Verdienstmöglichkeiten haben, die nicht in der Viehzucht liegen und ihnen dennoch erlaubten, auf dem Land zu bleiben. Allerdings kämen mit den Touristen auch ganz neue Werte hierher, die neue Probleme schaffen. Dass etwa Geld viel bewegen kann, hätten die Mapuche schnell gelernt, sagt Rosalía Puel.
Tino Nahuel sieht die Entwicklung vor allem optimistisch. "Je mehr wir die Kontrolle über unser Land zurückerobern, desto besser können wir auch unseren traditionellen Lebensstil wieder pflegen", sagt er. Die Begegnungen zwischen Weißen und Mapuche auf den Campingplätzen bauten seiner Ansicht nach Vorurteile ab. Die meisten der Besucher seien nicht nur von der Schönheit der Natur begeistert, sondern auch von dem hohen Dienstleistungsniveaú, das die Mapuche ihnen bieten. Tino Nahuel ist überzeugt: Der Weg für die Mapuche weist nach vorn - auch wenn noch weitere Landbesetzungen dazugehören sollten. Wie viel Territorium werden die Mapuche noch für sich in Anspruch nehmen? Rein theoretisch könnten sie ganz Patagonien für sich beanspruchen - laut einer Verfassungsänderung aus dem Jahr 1994 haben sie das Recht auf Eigentum und Nutzung der von ihnen traditionell bewohnten Gebiete. Tino Nahunel lacht. Nein, so weit würde es sicherlich nicht kommen. Sein Volk würde das Land ja nicht aus historischen Gründen reklamieren, sondern aus Not. "Wir wollen nicht, dass die Regierung weiterhin denkt, mit Sozialhilfe für die Mapuche sei das Problem gelöst", sagt er. Die Mapuche sollen stattdessen als eigenständige Bürger behandelt werden, denen man mit Anerkennung und Respekt begegnet. Ohne Gleichmacherei. Denn die könnte für die Mapuche nur die Anpassung an eine Kultur bedeuten, die nicht die ihre ist. Was die Mapuche in Neuquén deswegen fordern, ist Autonomie.
Anreise: Zunächst nach Buenos Aires mit zum Beispiel Lufthansa oder Iberia. Vom nationalen Flughafen Jorge Newberyn aus weiter mit der Fluggesellschaft Aerolíneas Argentinas nach Neuquén Capital oder San Martín de los Andes. Eine andere Möglichkeit ist die Weiterreise von Buenos Aires aus mit dem Bus. Der Busbahnhof Retiro liegt im Stadtzentrum, die Busse nach Neuquén Capital fahren über Nacht und sind komfortabel. In Neuquén Capital oder San Martín de los Andes geht es weiter mit einem Mietauto. Kartenmaterial halten die Touristeninformationen bereit.
Reisezeit: Ideal sind die Monate November bis März. Anfang November und im März kann es nachts und morgens sehr kühl werden.
Campingplätze: Die etwa fünfzehn Campingplätze in der Region des Nationalparks Lanín gelten selbst unter Argentiniern als Geheimtipp. Auch deshalb, weil sie schlecht ausgeschildert sind. Ein bisschen Abenteuerlust muss man auf jeden Fall mitbringen. Der Aufenthalt kostet umgerechnet 1,80 Euro pro Tag und Person. Sanitäre Anlagen mit heißem Wasser sind vorhanden, meistens auch ein Kiosk.
Informationen: Touristeninformation San Martín de los Andes, Perito Moreno y Elordi, Telefon: 0054/2972427233; Touristeninformation Junin de los Andes, Pedro Milanesio 570, Telefon: 0054/ 2972 492748; Touristeninformation Aluminé, Pasto Verde y los Abedules, Telefon: 0054/2942496599. Über den Nationalpark Lanin informiert die spanischsprachige Internetseite http://tresparques.com.ar/lanín/. Auskünfte sind außerdem erhältlich bei der Botschaft der Republik Argentinien, Presse und Tourismus, Kleiststraße 23-26, 10787 Berlin, Telefon: 030/22668920.