28.06.2005 · Sie kennen keine Hufeisen, keine Zuckerstückchen und keine kleinen Mädchen, die sie striegeln wollen: In Colorado leben noch wilde Mustangs. Werden die Tiere eingefangen, reiten Häftlinge sie zu.
Das Drama einer Herde im Aufgalopp. Wie ein Stahlseil, das abreißt. Die Mähnen und der Staub, das stumpfe Prasseln der Hufe auf trockener Steppe. Die Pferde bremsen so abrupt, wie sie losgesprengt sind, traben aus, schnauben, rucken die Köpfe, schauen herüber, grasen, riskieren noch einen Blick, grasen wieder, und so geht das eine ganze Zeit. Diese Neugierde! Diese Hochspannung, die sich in der Übersprungshandlung löst, irgend etwas zu fressen.
Jetzt sind Gunsmoke und seine Gruppe gut zweihundert Meter entfernt; aber ist dieser Sicherheitsabstand wirklich groß genug? Mal kurz nachschauen. Oder besser doch nicht? Gunsmoke geht ein paar unschlüssige Schritte auf die Eindringlinge zu. Bleibt stehen, während seine beiden Begleiterinnen Shoshonee und Kika sich zieren oder sich fürchten oder fressen.
„Gunsmoke, komm`doch mal her“
Dafür gehen jetzt die Eindringlinge ein paar Schritte auf die Wildpferde zu. "Hey, Gunsmoke", ruft Marty Felix leise, "Gunsmoke, komm' doch mal her, los, trau dich, ich bin's doch nur, Marty." Aber der rauchbraune Gunsmoke reagiert nicht, und warum sollte er auch, denn er weiß ja gar nicht, daß er gemeint ist und daß er Gunsmoke heißt. Er ist ja schließlich ein Wildpferd.
Ein paar Schritte nach vorn, da werden die drei Pferde wieder so nervös und rucken die Köpfe, daß wir stehenbleiben. Um Fotos zu machen und zu beobachten, zehn, zwanzig Minuten lang, ohne daß jemand etwas sagt. Die drei Wildpferde grasen friedlich im Wüstenbeifuß, der hier in den Bergen im westlichen Colorado überall wächst. Gewöhnen sich langsam an unseren Anblick. Verlieren bald das Interesse. Stille senkt sich auf die Wildwiese zwischen den Round Mountains, der Himmel bewölkt sich, ein Wind weht auf, es wird kühl, wir packen die Kameras ein und gehen zurück zum Auto.
Echte Wildpferde im ungebändigten Aufgalopp
Ganze 37 Wildpferde haben wir an diesem einen Tag in den Bergen bei Grand Junction gezählt. Ein paar todtraurige Einzelgänger, die von ihrer Gruppe verstoßen wurden, Beckys Gruppe und auch Bottermelks Gruppe, in die wir praktisch hineingestolpert sind, sehr nah bei dem Gatter, das den Eingang zum Reich der Wildpferde in den Little Book Cliffs markiert. "Zwischen zwanzig und dreißig Sichtungen an einem Tag sind gut", sagt Marty Felix. Auf dem Beifahrersitz ihres Toyotas liegt ein Kissen, mit Pferden bestickt. "Dreißig Tiere sind außergewöhnlich, mehr als vierzig überirdisch, mein eigener Rekord ist dreiundfünfzig." Es war also rein statistisch gesehen ein fast galaktischer Tag, aber um das zu erkennen, hätte es keine Zahlen gebraucht. Denn in freier Natur Wildpferde zu sehen, echte Wildpferde im ungebändigten Aufgalopp, die noch nie einen Sattel getragen haben und nicht wissen, was Zuckerstückchen sind oder Hufeisen, und auch noch nie von Mädchen mit langen, glatten Haaren gehört haben, die sie striegeln wollen: Das ist sensationell. Nicht nur für Ponymädchen.
Marty Felix ist pensionierte High-school-Lehrerin und das Faktotum der "Friends of the Mustangs", einer Gruppe Freiwilliger, die sich um die geschätzten 150 Wildpferde kümmert, die in den Canyons von Grand Junction frei leben. Das klingt wie ein Widerspruch - denn wenn diese Mustangs hier wirklich frei lebten, dann dürfte sich doch eigentlich kein Mensch um sie scheren. Da aber den Wildpferden inzwischen dank der Menschen die natürlichen Feinde fehlen, Berglöwen etwa, die schwache oder kranke Tiere erbeuten würden, ist eine Bestandskontrolle nötig, um die Gesundheit der Herde zu gewährleisten. Mitarbeiter des "Bureau of Land Management" (BLM), das seit 1971 gesetzlich zum Schutz der Wildpferde verpflichtet ist, zählen die Mustangs, sie spritzen den Stuten ein zeitlich begrenztes Verhütungsmittel, sie tränken und füttern die Wildpferde in Dürrezeiten.
Mit Pfeifen, Rasseln und Platzpatronen
Alle paar Jahre halten Mustang-Freunde und BLM allerdings auch einen "Round-up" ab: Dann treibt ein Hubschrauber so viele Wildpferde wie möglich zu getarnten Gattern. Dort werden sie mit Pfeifen, Rasseln und Platzpatronen in die Falle gescheucht. Ein zahmes, sogenanntes Judas-Pferd rast ins Gatter voran, die Mustangs rasen in ihrem Herdentrieb hinterher. Judas ist das erste Pferd, das wieder freigelassen wird, sonst überlebt es nämlich nicht lange.
Und dann sortieren die Helfer einige Wildpferde zur Adoption aus. Das geschieht, wenn die Population so groß zu werden droht, daß nicht mehr genug Futter in den Canyons vorhanden ist. In Amerika kann jeder ein Wildpferd adoptieren, der alt genug und nicht vorbestraft ist und das Tier artgerecht beherbergt. Mehr als 200.000 Wildpferde und "Burros", wilde Esel, hat das BLM seit 1973 vermittelt. Die Adoption kostet zwischen 125 und 200 Dollar.
Freibrief für Schlachthöfe
Zur Zeit ist ein heftiger Streit entbrannt, weil ein neues Gesetz, das Präsident Bush ohne Anhörung im Kongreß unterzeichnete, anordnet, ältere Pferde, die dreimal erfolglos zur Adoption angeboten worden sind, "ohne Einschränkung" zu verkaufen. Tierschützer lesen aus dieser Formel einen Freibrief für Schlachthöfe. Den Viehzüchtern in den Weiten von Kalifornien, Montana und Wyoming sind die Wildpferde schon immer eher lästig. Das BLM beteuert, weiterhin zu kontrollieren, daß adoptierte Pferde nicht geschlachtet werden. Zwei demokratische Abgeordnete haben inzwischen einen Gesetzentwurf eingereicht, um den Schutz der Pferde neu zu stärken. Doch es ist teurer, Wildpferde zu zähmen als sie zu schlachten. Weil sie mutig sind, hart im Nehmen und äußerst mißtrauisch, braucht man Zeit und Geduld, ihr Vertrauen zu gewinnen. Man kann das in professionelle Hände legen und für mehrere tausend Dollar einen Pferdeflüsterer engagieren. Man kann die Wildpferde aber auch ins Gefängnis stecken.
In Canon City, eine Tagesfahrt nach Südosten entfernt, steht am Ortsausgang das "Alcatraz der Rockies": Der "East Canon Correctional Complex" besteht aus mehreren einzelnen Gefängnissen und einem Todestrakt. Ein riesiges Areal. Hier sitzen 19600 Gefangene ein. Und neunhundert Wildpferde.
Am Zügel ein Mustang
An der Einfahrt wehen die amerikanische Flagge und die von Colorado. Es ist Freitag früh, das Autoradio kündigt einen Flohmarkt am Highway 50 an, der sich von Canon City aus über Gunnison immer weiter nach Westen bis Montrose schlängelt, wo man nach Norden Richtung Grand Junction abzweigt: eine Strecke von erstaunlicher Ödnis und mit atemberaubenden Steilfahrten, ständig wechselndem Wetter und dauernder christlicher Country-Music-Beschallung.
Eine Dame holt einen an der Pforte mit dem Auto ab, Erklärungen werden unterschrieben, die Kameratasche auf der Motorhaube kurz gefilzt, und dann geht es an Hochsicherheitstrakten und einer Molkerei vorbei zu den Ställen des "Wild Horse Inmate Program".
Ein großer junger Mann, mit rötlichem Haar und einem Anflug von Sonnenbrand, kommt einen staubigen Weg entlang, am Zügel hält er einen Mustang. Mr. Davis, wie ihn das Wachpersonal nennt, sitzt seit dreieinhalb Jahren ein, und beinah genausolang nimmt er mit vierzig anderen Insassen am "Wild Horse Inmate Program" teil: Davis reitet die wilden Pferde zu, die aus der Freiheit in den Canyons hierherkommen oder die ihre Besitzer ins Gefängnis nach Canon City gegeben haben, weil sie nicht mehr mit ihnen klarkamen.
„Ein ausgelasteter Gefangener macht keine Probleme“
James Davis gewöhnt die Wildpferde an den Sattel. Zeigt ihnen die Gangarten. Bricht ihren Willen.
Das Programm wurde 1986 vom BLM und dem "Department of Corrections" ins Leben gerufen: Die einen wollten ihre eingefangenen Mustangs für die Adoption zähmen lassen, die anderen suchten nach innovativen Wegen, die Gefangenen zu beschäftigen. "Ein ausgelasteter, müder Gefangener macht keine Probleme", sagt die Dame von der Verwaltung ungerührt. "Wer hier mitmacht, lernt Verantwortung, Geduld, Menschlichkeit und Selbstbestätigung." Die Rückfallquote der Freigelassenen sei deutlich niedriger. "In der Molkerei stinkt's, hier bist du den ganzen Tag draußen, also habe ich mich beworben", sagt Mr. Davis. Vier Dollar verdient er am Tag.
Auf seinem ausgewaschenen Polohemd steht: "Davis, James, 85 044, 10/03, F-0071". Den Wildpferden wird ihre Kennung ins Fell geeist. Sein Mustang heißt demnach "UI, 1", aber Davis hat ihn lieber "Rebel" getauft. "Er war wild, als er reinkam, aber nicht aggressiv", sagt er. "Die Tiere sind nicht aggressiv, solange du sie nicht aggressiv machst." James Davis sitzt hier vierzehn Jahre ab, weil er, wie die Dame vom Gefängnis durch die Zähne sagt, in Denver "jemandem die Scheiße aus dem Leib geprügelt hat". Davis wurde am 24. Dezember 1972 geboren und hat seit Jahren keinen Besuch mehr gehabt. Jedesmal, wenn man auf ihn zu tritt, weicht er leicht zurück. Mit Pferden hatte er nie zu schaffen, bevor er hier anfing. Dann haben sie ihm etwas Unterricht gegeben, der Rest kam von selbst. Es dauert fünf Tage, um ein Pferd an den Sattel zu gewöhnen, fünfzig Tage, bis es eingeritten ist. "Du mußt das im Gefühl haben", sagt Davis. Zureiten sei eine Frage von pressure und release, von Druck und Entlastung.
In Jeanskluft und Cowboystiefeln
An diesem Morgen kommen Käufer und Besitzer in Jeanskluft und Cowboystiefeln mit ihren Pferdeanhängern zur Gefängniskoppel, mustern die Mustangs, die von den Gefangenen in einem Gatter präsentiert werden. Davis sitzt auf, legt Rebel eine Fahne um, dreht ein paar Runden, schnalzt mit der Zunge, klopft ihm auf den Hals und sagt zum Publikum: "Er ist vier Jahre alt und wirklich sanftmütig, und er liebt andere Pferde." - "Ist mir egal, wie sanftmütig er ist", sagt eine Käuferin, "Pferde sind Pferde, man geht immer Risiken ein." Rebel wird für tausend Dollar verkauft, ein Festpreis. Auch Cisco ist verkauft - der mexikanische Gefangene mit Pferdeschwanz, der ihn zugeritten hat, führt den Mustang in den Anhänger, verriegelt ihn, flüstert ihm zum Abschied durch den Fensterschlitz zu.
Wenn die Wildpferde das Gefängnis verlassen, geht es in ein neues Zuhause, nicht in die Freiheit. Die haben sie ein paar Tagesritte entfernt in den Canyons von Grand Junction lassen müssen, bei Gunsmoke und all den schönen Pferden, die wir gezählt haben. Eines von den 37 Wildpferden war ein neugeborenes Fohlen, das Marty Felix "Sonne" getauft hat. Nicht "Sun", sondern Sonne. Etwas später wurde das Fohlen beim "Round-up" eingefangen und adoptiert. Und bestimmt umgetauft.
Vor ein paar Tagen kam eine E-Mail aus Colorado: "Mr. Davis ist nicht mehr im Programm. Er wurde im Dezember in eine betreute Wohngemeinschaft versetzt. Er war nicht erfolgreich in dieser Gemeinschaft und wurde im April ins Gefängnis zurückgebracht."
Anreise: Lufthansa fliegt täglich ab Frankfurt/Main direkt nach Denver (Information und Buchung unter 0180/ 58384267 oder www.lufthansa.de). Von Denver fährt man am besten mit dem Mietwagen auf der Interstate 70 nach Grand Junction. Das dauert etwa fünf Stunden, führt aber malerisch durch die Rocky Mountains und Vail.
Unterkunft: Das Stadtzentrum von Grand Junction ist für amerikanische Verhältnisse fein herausgeputzt. Wer komfortabel übernachten möchte, geht ins "Doubletree Hotel" (743 Horizon Drive, Grand Junction, Colorado 81506, Telefon 001/800/4601488, www.grandjunction.doubletree.com). Bed and Breakfast bietet das "Los Altos B & B" (375 Hillview Drive, Grand Junction, Colorado 81503, Tel. 001/888/7740982, www.colorado-bnb.com/losaltos).
Wildpferde: Es gibt in Grand Junction nur ein Unternehmen, das Besucher zu Wildpferden führt, denn Tourismus wird bewußt eingeschränkt: Rimrock Adventures bietet einen Ausritt in die Berge, zum "Little Book Cliffs Wild Horse Area" für 80 Dollar pro Person (Rimrock Adventures, P.O. Box 608, Fruita, Colorado 81521, Telefon 001/ 888/7129555, www.rradventures. com).
Über Adoptionen und das "Wild Horse Inmate Program" informiert das Bureau of Land Management (2815 H Road, Grand Junction, Colorado 81506, Telefon 001/970/2443000, www.wildhorseandburro.blm.gov).
Information: Über Grand Junction unter www.visitgrandjunction.com, über Colorado allgemein beim Fremdenverkehrsamt Colorado, c/o Get It Across Marketing, Neumarkt 33, 50667 Köln, Telefon 0221/2336407, www.colorado.com. tob