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Amerika Aufrechter Gang auf zwei Rädern

 ·  Man kann eine Stadt zu Fuß erkunden, muss man aber nicht. Vor allem nicht, seit ein Tüftler den Segway erfunden hat - das Gefährt ist eine Revolution auf zwei Rädern.

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Für diesen Stadtspaziergang muss erst geübt werden. Auf einem asphaltierten Platz am Rande von Chicagos Millennium Park machen wir uns mit dem fremdartig anmutenden Gefährt vertraut. Als wir auf das Trittbrett des Zweirads steigen, stehen wir zunächst unsicher und fühlen uns ein wenig deplaziert. Doch langsam finden wir die Balance, stehen dann fest, wenn auch noch etwas steif in den Knien und mit einem verkrampften Griff an der Lenkstange. Doch innerhalb von Minuten haben wir das Fahren gelernt: Gewicht auf den Ballen verlagern, und schon geht es automatisch vorwärts - Gewicht auf die Ferse, und wir rollen rückwärts. Gebremst wird einfach durch die entsprechende Gegenbewegung mit dem Körper. Das Steuern und Kurvenfahren ist noch einfacher, man muss lediglich den Lenker leicht nach links oder rechts in die gewünschte Richtung bewegen. So kann man sich mit dem Gefährt sogar auf der Stelle drehen.

Wir sind unterwegs mit dem Segway, einem von Computerprogrammen gesteuerten und ausbalancierten Roller, bei dem der Fahrer aufrecht auf einer kleinen Plattform zwischen den Rädern steht und sich mit den Händen an einer Lenkstange festhalten muss. Die Räder werden von unabhängigen Elektromotoren angetrieben. Deren unterschiedliche Drehzahl ermöglicht das Fahren von Kurven und das Wenden auf der Stelle. Allein durch die Gewichtsverlagerung erhält der Computer die Signale, die für die Beschleunigung, das Bremsen und die Balance nötig sind - der Segway ist der aufrechte Gang auf Rädern. Zwanzig Stundenkilometer ist die maximale Geschwindigkeit, die man mit ihm erreichen kann. Kontrolliert wird ihre Einhaltung, indem sich bei zu schneller Fahrt die Plattform unter dem Fahrer nach vorn schiebt, so dass er, um das Gleichgewicht zu halten, sich automatisch zurücklehnen und damit bremsen muss.

George W. Bush im freien Fall

Dean Kamen, der Erfinder des Segway, hatte das Fahrzeug, das er erstmals im Jahr 2001 im amerikanischen Fernsehen vorstellte, eigentlich als Entlastung für verkehrsverstopfte Innenstädte gedacht. Einige prominente Computerspezialisten sahen schon die Zukunft des Stadtverkehrs durch den Segway revolutioniert. Doch der geplante Siegeszug im öffentlichen Nahverkehr ist bisher ausgeblieben. Hohe Produktionskosten und Fragen der Verkehrssicherheit sind die größten Hindernisse. In Deutschland dürfen Segways in den meisten Bundesländern nur mit Ausnahmegenehmigungen gefahren werden, auch wenn es technisch eigentlich keine ernsthaften Einwände gibt. In den Vereinigten Staaten hingegen ist das Gefährt weit verbreitet und wird auf Flughäfen, von Wachdiensten und auf Golfplätzen genutzt.

Auch Stadtführungen sind inzwischen ein beliebtes Einsatzgebiet des Segways. Vor allem in Städten wie Chicago, San Francisco oder Washington, in denen es genügend Park- und Freiflächen ohne Autoverkehr gibt, die eine freie Sicht auf Architektur, Monumente und auf die Stadtkulisse ermöglichen, ist die Nutzung von Segways sinnvoll und schenkt den Gästen abwechslungsreiche City-Touren. Im innerstädtischen Verkehrsgewühl und in Hochhausschluchten dagegen macht die Fahrt zwischen Ampeln, Bordsteinkanten und geparkten Autos keinen Spaß. Dort ist sie zudem gefährlich. Im kontrollierten Fußgänger- und Radfahrerbereich hingegen kommen Unfälle kaum vor, auch wenn es ein spektakuläres Foto von George W. Bush gibt, wie er an seinem Urlaubsort von einem Segway stürzt. Wahrscheinlich hatte der Präsident nur die Warnung vergessen, die uns unser Stadtführer mit auf den Weg gegeben hat: "Der Segway dient der kontrollierten Vorwärtsbewegung; Schnellfahren und irgendwelche Kunststückchen auf zwei Rädern sollten Sie tunlichst vermeiden."

Von wegen ältere Kunden

So beginnen wir unsere Chicago-Tour am Ufer des Michigansees zunächst auch erst einmal im sogenannten Schildkröten-Modus, der auf einem kleinen Display angezeigt wird. Dieser erlaubt nur eine äußerst reduzierte Geschwindigkeit, so dass wir uns ganz entspannt an das Rollen zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern gewöhnen können. Bei Zwischenstopps darf der Blick dann nach oben wandern, während unser Stadtführer uns Erklärungen zur Architektur und zur Geschichte der Stadt gibt. Von Station zu Station haben wir die imposante Skyline in immer neuen Perspektiven vor Augen und können uns die Denkmäler, Brunnen und Bauwerke im riesigen Millennium Park aus der Nähe ansehen. So kommen wir auf bequeme Weise voran, und mit der Zeit funktioniert die Handhabung unseres Segway völlig intuitiv. Irgendwann dürfen wir den Schildkröten-Modus schließlich abschalten und auf geraden Passagen mit fast zwanzig Stundenkilometern vorwärtsrollen.

Segway-Touren in Chicago und einigen anderen amerikanischen Metropolen sind inzwischen fast immer ausgebucht. Der neue Trend bei Stadtrundfahrten verdankt sich dort nicht etwa, wie man vermuten könnte, der Nachfrage von bequemen, älteren oder übergewichtigen Kunden. Die wagen sich bisher nämlich kaum auf das ungewohnte Fahrzeug. Vielmehr sind es sportliche und unternehmungslustige Menschen, die diese neue Art der Besichtigungstour erproben möchten. Und deshalb darf man dem Fahrzeug auch in Europa eine entsprechende Zukunft prophezeien. In Paris, Wien und Budapest sowie in Hamburg, Berlin und in einigen schleswig-holsteinischen Ostseebädern kann man sich jedenfalls schon jetzt für Segway-Touren anmelden.

Information: Auskunft über Stadttouren mit dem Segway in Chicago, Atlanta, Washington, New Orleans, Paris, Wien und Budapest gibt die Internetseite www.CitySegwayTours.com. Die Internetseite www.segway-citytour.de informiert über entsprechende Angebote in Hamburg, Berlin, Travemünde und Timmendorf.

Korrektur: In Deutschland ist die Nutzung des Segways seit Ende Juli 2009 offiziell erlaubt. In einigen Städten werden auch Stadttouren angeboten.

Quelle: F.A.Z.
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