09.02.2006 · Wohnen wie am Anfang der Welt: Die Kunst des Bauens mit Lehm wird im Sahel seit Jahrhunderten von einer Generation an die nächste weitergegeben.
Von Andreas ObstAfrika als Wiege der Zivilisation, als Beispiel für den Rest der Welt, ist eine schöne, folgenlose Idee von Afrika-Enthusiasten geblieben. Der Rest der Welt hat anderes zu tun, als nach Afrika zu schauen. Und wenn es doch geschieht, dann beschränkt sich die Wahrnehmung gewöhnlich auf Krisen, Kriege und Krankheiten. In den Köpfen der Menschen im Rest der Welt ist Afrika ein finsterer Kontinent geblieben, faszinierend vielleicht, aber eben auch zum Fürchten. Warum es so wenig Literatur über die Architektur Westafrikas gebe, fragt der englische Fotograf James Morris im Vorwort seines wunderbaren Buchs „Butabu: Adobe Architecture of West Africa“*. Vor drei Jahren erschienen, ist es das überfällige Standardwerk über die Lehmarchitektur Westafrikas. Morris weiß auch eine Antwort auf seine rhetorische Frage: Dem Westen falle es deshalb so schwer, das Bauen mit Lehm als künstlerisch ambitionierte Architektur zu erkennen, diese Art des Häuserbauens mit Naturmaterialien überhaupt als Architektur ernst zu nehmen, weil es einer fremden Kultur entstammt, die allen Wohnerfahrungen des Westens fern ist wie ein fremdes Universum.
Die Lehmarchitektur Westafrikas führt zurück in die Anfänge der Menschheit. Und so führt eine Reise durch den Sahel, der sich quer durch Afrika zieht, vom Atlantik bis zum Roten Meer, auch zu Begegnungen mit Urformen der Architektur - als Ausdruck der natürlichen Anpassung des Menschen an Umwelt und Klima. Lehmarchitektur, wie sie seit je im Übergangsgebiet zwischen Wüste und Savanne entsteht, ist ein früher Ausdruck „ökologischen Bauens“.
Sand aus der Sahara
In den Blick der Welt geriet die Sahelzone in der Vergangenheit stets dann, wenn der jährliche Regen ausblieb. Der Begriff Sahel - arabisch für Ufer oder Küste - wurde zum Synonym für Elend auf dem Schwarzen Kontinent: verdurstetes Vieh, verdorrte Ernte, rissige, trockene Erde, hungernde Menschen. Einfach war das Leben im Sahel nie. Glühend heiß sind die Tage dort, eiskalt die Nächte, und während der neun Monate langen Trockenzeit weht fast unablässig der heiße Wüstenwind Harmattan. Er bläst den Sand aus der Sahara in den Süden, zerrt an Kleidern, Haaren und Nerven, dringt in Augen, Ohren und Nase. In der Zeit des Harmattan scheint es, als bestehe die heiße Luft aus rotem Sand, und die Sonne glüht als fahle Scheibe vom ockerfarbenen Himmel.
Aus dem Staub der Länder Mali, Burkina Faso und Niger, Ghana, Togo, Benin und Nigeria ragen eigentümliche Gebilde aus Lehm: Mauern, Bögen und Zinnen, Säulen und Terrassen, Häuser und Türme. Von Menschen errichtet, erscheinen sie doch als Teil der Natur, wie von allein aus dem Boden gewachsen. Die Erde des Sahel besteht aus Lehm, es ist seit je das Baumaterial der Völker, die dort leben. Lehm kostet nichts, ist leicht zu verarbeiten und ideal im wüsten Klima. Wer im Lehm lebt, hat es kühl während des Tages, und nachts geben die Mauern von der Wärme ab, die sie gespeichert haben. Allein der Kraft des Wassers kann Lehm auf Dauer nicht widerstehen. Deshalb müssen die Gebäude nach jeder Regenzeit ausgebessert werden. Es ist auch die Gelegenheit, sie den Bedürfnissen der Menschen neu anzupassen. Wände und Decken werden versetzt, Bögen und Treppen neu eingezogen, Räume vergrößert oder verkleinert. Bauen mit Lehm ist Architektur im stetigen Wandel. Doch überläßt man ein Lehmgebäude ganz sich selbst und der Natur, verfällt es unweigerlich. Und bald ist davon nichts mehr übrig als ein Hügel aus Erde.
Argumente für das Leben im Lehm
Arroganz und Ignoranz ist es geschuldet, daß der Westen Afrikas Lehmarchitektur bis heute nicht zur Kenntnis nimmt - und sei es allein als Ausdruck der Bedingungen einer fremden Kultur. Dabei ist doch auf Anhieb zu erkennen, welche architektonische Meisterschaft etwa die Freitagsmoschee von Djenne schuf, den größten Lehmbau südlich der Sahara. Jedes Jahr nach der Regenzeit muß das Gebäude neu verputzt werden. Dabei dienen die Holzbalken, die wie Stacheln aus den Wänden ragen, als Trittbretter für die Maurer. Nach jeder Renovierung strahlt die Moschee in neuem Glanz. Bis zur nächsten Regenzeit.
Doch inzwischen gerät die Kunst der Vorfahren auch im Sahel in Gefahr, vergessen zu werden. Als Sehnsuchtsprojektion hat die Moderne nach westlichem Bild längst auch in Afrika Einzug gehalten. Dort, wo man heute Zement und Wellblech für Zeichen von Fortschritt und Wohlstand hält, ist es schwer, neue Argumente für das jahrhundertealte Leben im Lehm zu finden.
Anmeldung beim Dorfchef obligatorisch
Aber noch stehen bewohnbare Lehmkunstwerke des Sahel dort, wo sie schon immer standen. Im Süden von Burkina Faso, an der Grenze zu Ghana siedelt das Volk der Kassena. Ihre Dörfer sind Ensembles kunstvoll bemalter Häuser aus Lehm, deren weitläufige Dachterrassen man über afrikanische Leitern erreicht - Baumstämme mit Kerben. Besucher sind willkommen, wenn sie sich vorher beim Dorfchef angemeldet haben.
Jede Großfamilie lebt in einem eigenen Komplex ineinander verschachtelter Höfe und fensterloser Gebäude. Einen halben Meter hinter dem hüfthohen Eingang ragt drinnen eine blanke Wand auf. Wer das Haus im Halbdunkel zum ersten Mal betritt, stößt unweigerlich dagegen - das Hindernis hat sich von alters her als Schutz bewährt. Und während sich der Eindringling benommen den Kopf halte, bekomme er von den Bewohnern gleich noch einen Schlag mit dem Knüppel übergezogen, erläutert der Hausherr und vollführt die Geste des Halsabschneidens. Zum Abschied lächelt er freundlich.