21.05.2009 · Wenn man Äthiopien kennenlernen möchte, dann muss man mit den Menschen Kaffee trinken. Denn nichts ist ihnen so wichtig wie der Genuss der gerösteten Bohnen.
Von Uwe SchmidtTerefe hat am Nachmittag geschlafen, eine Kleinigkeit gegessen und macht sich nun auf den Weg zur Arbeit. Wie so viele in Addis Abeba hat er mehrere Jobs, einen als Nachtwächter, einen als Pförtner, außerdem hilft er gelegentlich in der kleinen Schreinerei seines Bruders aus. Heute Nacht wird Terefe ein Bürogebäude im alten Zentrum von Addis Abeba bewachen. Er ist früh dran, als er im Quartier Piazza ankommt, viel zu früh, denn die Sonne geht gerade erst unter. "Sollen wir noch einen Kaffee trinken?" fragt er. Wir laufen los, es geht durch überfüllte Gassen, durch einen Innenhof, einen langen Flur entlang. Dann öffnet Terefe eine Tür, hinter der sich ein Saal verbirgt. Duft von Weihrauch durchzieht den Raum, in der Mitte knistert ein kleines Feuer. Zehn Männer und Frauen haben sich hier zur Kaffeezeremonie versammelt.
Kaffee wird überall auf der Welt getrunken, doch nirgendwo sonst kosten die Menschen den Genuss so aus wie in Äthiopien - das Land am Horn von Afrika hat eine einmalig reiche Kaffeekultur. Die Liebe zum rituellen Kaffeegenuss gehört zu den wenigen Dingen, die fast alle Äthiopier verbindet, egal ob sie arm oder reich sind, ob sie in Addis Abeba leben oder fernab der Stadt in den Bergen. So gut wie jede äthiopische Familie trifft sich einmal am Tag zum gemeinsamen Kaffeegenuss. Die Kaffeezeremonie ist die aufwendigste Form, daneben aber pflegen die Äthiopier je nach sozialer Stellung weitere Varianten des gemeinsamen Kaffeetrinkens. Die zu erkunden lohnt sich, denn in Äthiopien sind die Menschen nicht grundlos davon überzeugt, die besten Bohnen der Welt zu haben. Darüber hinaus kann das Kaffeetrinken Einblicke in die eher verschlossene äthiopische Gesellschaft gewähren. "Wenn du die Menschen hier wirklich kennenlernen willst, dann musst du mit ihnen Kaffee trinken", sagt Terefe. Trinken wir also Kaffee mit den Äthiopiern - mit Großstadtmenschen ebenso wie mit Kaffeebauern auf dem Land, im Kollegen- wie im Familienkreis.
Der Hirtenjunge Kaldi
Die jüngste der anwesenden Frauen übernimmt die Rolle der Zeremonienmeisterin. Zur Einstimmung hat sie schon etwas Weihrauch verbrannt. Nun röstet sie die Bohnen auf dem offenem Feuer und schwenkt den Duft jeder einzelnen Nase zu. Dann stampft sie die Bohnen mit einem Mörser und brüht in einer runden Tonkanne dreimal frischen Kaffee auf. Den serviert sie in kleinen Tassen. Ohne Löffel, aber mit einer Menge Zucker. Es ist ein sehr guter, sehr kräftiger Kaffee aus ungemischten Arabica-Bohnen. Dreimal werden die Tassen ausgeteilt, nach einer Weile wieder eingesammelt und in einer Wasserschüssel ausgewaschen. Nachdem die dritte Tasse bis auf das Gemisch aus Zuckerrest und schwarzem Satz geleert ist, löst sich die Veranstaltung auf, ganz wie es die Regeln verlangen. Am Horn von Afrika gilt es als Beleidigung des Gastgebers, nach der letzten sitzen zu bleiben oder - noch schlimmer - schon früher aufzustehen. Die Kaffeezeremonie kennt eine Reihe solcher ungeschriebener Gesetze, an die sich die Äthiopier mal mehr, mal weniger streng halten. Dazu gehört auch, dass auf jedem Tablett dreizehn Tassen stehen sollten, ungeachtet wie viele Gäste da sind. Und dass die dreizehnte Tasse leer bleiben muss.
"Sie werden Ihnen sagen, dass es uralt ist, was sie da machen. Aber das stimmt nicht." Rita Pankhurst spricht über die Kaffeezeremonie und serviert dazu Tee, so viel britischen Lebensstil hat sich die Historikerin auch nach fast fünfzig Jahren in Afrika erhalten. Rita und ihr Mann Richard erforschen die Kulturgeschichte Äthiopiens. Das geht natürlich nicht ohne das Thema Kaffee, schließlich waren es Hirten im äthiopischen Hochland, die als Erste das Aroma der Kaffeebohne entdeckten. Der Legende zufolge fiel dem Hirtenjungen Kaldi auf, dass die Ziegen stundenlang herumtollten, wenn sie von den Früchten des Kaffeestrauches gefressen hatten. Weil die Hirten nachts wach bleiben mussten, kochten sie die Früchte in Ziegenmilch. Das war noch nicht das Richtige. Erst die Araber auf der anderen Seite des Roten Meeres fanden den Dreh: Sie schälten das Fruchtfleisch und rösteten den Kern. In dieser Form verbreitete sich der Kaffeegenuss über die Welt, und so kehrte er auch in sein Heimatland zurück.
Leuchtend rote Erde
Äthiopiens orthodoxe Christen sträubten sich bis in die zwanziger Jahre gegen den vermeintlich schädlichen Muselmanenbrauch. Vergeblich. Die Kaffeelust ließ sich nicht bremsen, erzählt Rita Pankhurst, die Kirche gab den Widerstand schließlich auf. Im Reich des damaligen Kaisers Haile Selassie entwickelte sich aus ganz unterschiedlichen Einflüssen ein Ritual. Die Kaffeezeremonie ist ein Gemisch wie ein Blended Coffee, es finden sich darin Spuren von arabischen Bräuchen und denen der südäthiopischen Oromos. Rita Pankhurst nennt noch einen dritten Einfluss: den Geisterkult der Zar. In den Zar-Exorzismen spielen Kaffee und Weihrauch eine Rolle. Der Kult wird zwar immer seltener praktiziert, die beiden Elemente haben aber Eingang in die Kaffeezeremonie gefunden. Aus dem Zar-Glauben stammt auch die Vorschrift, dass ein Kaffeetablett nicht flach sein darf, sondern eine nach oben gewölbte Kante haben muss. Und dass niemand aus der dreizehnten Tasse trinken darf - sie ist für den Geist bestimmt.
Die Fahrt zum besten Kaffee der Welt beginnt im Morgengrauen in Awassa, der Hauptstadt der südlichen Provinzen. Kinder in lila Schuluniformen laufen in großen Gruppen entlang der Straße nach Yirga Chefe. Nachzügler trotten hinterher. Nebel steigt aus den Tälern und gibt den Blick auf eine Landschaft frei, die wenig gemein hat mit dem Bild vom trockenen Hungerland Äthiopien. Tropisch-üppig ist die Natur in dieser Region, die Erde leuchtet rot, dunkelgrüne Stauden wachsen bis an den Rand der Fahrbahn. Falsche Bananen nennen die Äthiopier die Pflanze, deren große Blätter die darunter wachsenden Kaffeesträucher vor Regen und vor Hitze schützen. Guter Kaffee benötigt zwar beides, Sonne und Regen, jedoch nur im rechten Maß. "Es ist wie mit dem Wein, der nur dann sehr gut wird, wenn er die richtige Temperatur hat, die richtigen Niederschläge, den richtigen Boden", sagt Feleke Haile-Mariam, der für das regionale Landwirtschaftsministerium die Kaffeebauern rund um den kleinen Ort Yirga Chefe berät. In Yirga Chefe stimmen die Bedingungen, darum zählt der Kaffee von hier zu den besten der Welt.
Geröstete Kichererbsen statt Zucker
Die Erntezeit endet, die gepflückten Kaffeekirschen trocknen in der Sonne. Das rote Fruchtfleisch färbt sich dunkel; wenn es schließlich schwarz geworden ist, wird es abgewaschen. Mit der Wäsche verwandeln sich Kirschen zu Bohnen. Vor allem Kleinbauern pflanzen den Kaffee an und pflegen die Sträucher über das Jahr, in Äthiopien gibt es wenige Plantagen. Es sind Menschen wie Ato Kefele, der an diesem Nachmittag auf einem Schemel vor seiner Hütte in Yirga Chefe sitzt. Kefele kostet den ersten Kaffee der neuen Ernte. Seine Frau Alamitu brüht für die Familie und Nachbarn im traditionellen Stil Kaffee auf. Zucker gibt es keinen, aber geröstete Kichererbsen zum Knabbern. Yirga Chefe liegt fernab der Welt, durch den Ort führt keine geteerte Straße, für Gäste findet sich kein Hotel - doch einen Kaffee, der köstlicher als Alamitus ist, kann man sich nur schwer vorstellen.
Kefele und seine Nachbarn treffen sich dreimal am Tag zur Zeremonie. Es ist die Gelegenheit der Bauern, sich auszutauschen, es ist der Moment für die Frauen zum Verschnaufen, denn sie müssen in Äthiopien die schweren Arbeiten leisten, Brennholz und Wasser schleppen. Kefele erntet im Jahr fast dreitausend Kilo Kaffee, für jedes erhält er etwa sechs Birr. Das ist ein wenig mehr, als die Bauern in den anderen Regionen bekommen, umgerechnet in Euro ist es fast nichts. Knapp achtzehntausend Birr im Jahr reichen nicht für das Schulgeld seiner fünf Kinder, darum arbeitet Kefele zusätzlich als Tagelöhner in einer Kaffeewaschstation. Äthiopiens Regierung hat im Jahr 2007 die internationalen Handelsrechte an den äthiopischen Spitzenkaffees schützen lassen, damit die Bauern einen größeren Anteil an den Verkaufspreisen in Europa und Amerika abbekommen. Bisher aber ist noch nicht mehr Geld bei ihnen angelangt.
Filiale der globalen Kaffeekultur
Von Yirga Chefe nach Addis Abeba sind es etwa neun Autostunden, die Lebenswelten von Kefele und dem Regisseur Tatek Tadesse liegen indes noch weiter voneinander entfernt. Tatek spricht tadelloses Englisch, er reist regelmäßig nach Amerika und hat schon zwei Spielfilme gedreht. Seit dem Ende des Eritrea-Krieges im Jahr 2001 öffnet sich Äthiopien nach und nach der Globalisierung, die Wirtschaft wächst kräftig, sogar ohne eigene Rohstoffe. Äthiopien robbt sich an den afrikanischen Standard heran. So ist eine urbane Schicht entstanden, die internationale Gepflogenheiten kennt, aber alte Bräuche weiter schätzt: Großstädter wie Tatek, der wenig Zeit hat und trotzdem an den Traditionen seines Landes hängt.
Der Regisseur lenkt seinen schwarzen BMW in den Süden von Addis Abeba. Er fährt durch das Zentrum der Stadt, vorbei am Kaldi's, einer Starbucks-Kopie, in der jene Äthiopier ihre Latte macchiato schlürfen, die vom Aufschwung der vergangenen Jahre profitiert haben. Das Kaldi's gilt als einer der angesagtesten Orte der Stadt, doch der Regisseur schätzt es nicht allzu sehr. Was soll er in einer Filiale der globalen Kaffeekultur, wenn er einen solchen Reichtum vor der eigenen Tür hat? Tatek steuert das Café Robera an. Das Robera kommt seiner Vorstellung von der richtigen Lebensweise - modern, aber äthiopisch - sehr nahe. Vor der Tür ist es staubig und heiß, drinnen aber befindet sich eine kleine Oase. Bunte Sitzkissen aus Leder, heller Holzboden und in der Mitte des Raumes große Gläser mit Äthiopiens Spitzenprodukten: grüne Bohnen aus den Regionen Harare, Sidamo und natürlich Yirga Chefe. Im Robera werden sie auf offenem Feuer zubereitet, Mokkaduft zieht durch den Raum. Tatek ordert einen Buna, einen kleinen Schwarzen, und auch wenn er nur einen nimmt: Er schmeckt wie bei einer privaten Zeremonie.
Macchiato am Morgen
Die Kaffeezeremonie ist eine Melange vieler Einflüsse, ebenso wie die gesamte Kaffeekultur des Landes. Heimatbewusste wie Tatek Tadesse halten das Traditionelle hoch, in die Trinkgewohnheiten der meisten Städter mischen sich dennoch europäische Elemente. Am besten beobachten lässt sich das in Piazza, dem alten Zentrum von Addis Abeba. Jeden Morgen durchqueren Tausende und Abertausende das Viertel auf dem Weg zur Arbeit, oft mit einem Zwischenstopp für ein kleines Frühstück. Im Enricos etwa schlürfen morgens um acht Uhr Anzugträger noch einen raschen Macchiato - so nennen die Äthiopier einen Kaffee mit wenigen Tropfen Milch. Die Einrichtung des Enricos ist schlicht, hinter dem gläsernen Tresen faucht eine alte Espressomaschine, die aus den vierziger Jahren stammt.
Alles wirkt wie in einer Caffè-Bar in Bologna oder Rom. Selbst die Uhr an der Wand gibt die italienische Zeit an. Tatsächlich ist das Enricos eine italienische Bar. Der Gründer Enrico Lunini kam nach Mussolinis brutalem Krieg im Jahr 1936 nach Addis Abeba. Doch wie so viele der jungen Italiener, die zu jener Zeit ans Horn von Afrika geschickt wurden, hatte er wenig im Sinn mit den imperialen Ambitionen der Faschisten. Er eröffnete in Addis Abeba eine Caffè-Bar und stellte fest, dass die Äthiopier bereit waren, ihre Kaffeekultur zu bereichern. Enrico blieb, nachdem britische Soldaten das Besatzungsregime vertrieben hatten, und er blieb auch, als ihm die äthiopische Militärdiktatur später das Haus abnahm und er bloß das Café behalten durfte. Weil er nicht mehr in seine ebenfalls arme Heimat Sizilien zurück mochte, erzählt sein Neffe Alberto, der sich heute um die Bar kümmert. Vielleicht aber auch, weil der Italiener einen Sinn für guten Kaffee hatte und sich deshalb in diesem Land einfach zu Hause fühlen musste.
Anreise: Nach Addis Abeba fliegen von Deutschland aus Lufthansa und Ethiopian Airlines.
Reisezeit: Die beste Reisezeit sind die Monate Oktober bis April. Während der Regenzeit von Juli bis Anfang September sind viele Straßen im Landesinneren kaum passierbar. Es gibt in Addis Abeba zahlreiche Reiseagenturen, die Jeeps für Ausflüge anbieten. Es ist ratsam, auch einen Fahrer zu engagieren.
Unterkunft: Hotels gibt es in Addis Abeba in allen Preisklassen. Zentral gelegen sind die Hotels an der Bole Road und im Piazza-Viertel.
Reiseliteratur: Eine Erzählung über den Untergang des äthiopischen Kaiserreichs ist "König der Könige: Eine Parabel der Macht" von Ryszard Kapuscinski, Eichborn Verlag, Frankfurt; "Äthiopien" von Katrin Hildemann und Martin Fitzenreiter, Reise Know-How Verlag, Bielefeld 2007.