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Ägypten Das Prinzip Inschallah

22.04.2011 ·  Für die Urlauber hat sich in Ägypten nichts geändert. Dennoch sorgen die politischen Umwälzungen im Land für Verunsicherung. So sind die meisten Hotels fast leer, und die Sehenswürdigkeiten stehen verlassen und allein in der Wüste.

Von Andrea Diener
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Von dem Wüstensand, der durch Kairo weht und auf allem eine Staubschicht hinterlässt, von dem Verkehr, der trotz des ständigen Gehupes nicht vorankommt, von röhrenden Vespas, die sich nicht immer schrammenfrei durch das zähfließende Chaos schlängeln, von den vielen Menschen, den Händlern und den Muezzinen - von alledem hört man nichts im Al-Azhar-Park. Hier oben auf einem Hügel über der Stadt ist alles grün und friedlich, der Rasen golftauglich gestutzt und die Rabatten so gepflegt wie ein Vorgarten in einer deutschen Stadtrandsiedlung. Hier picknicken Familien, junge Pärchen treffen sich, Mädchen spielen Frisbee, und Jungen lassen Papierdrachen steigen.

Hier treffe ich Mohammed und seine Freunde Mehmed und Hossein. Mohammed hat sein Englisch in Vancouver gelernt und sein Italienisch in Mailand. Nun liegt er mit seinen Freunden im Schatten einer Hecke und raucht, zumindest so lange, bis der gestrenge Parkwächter kommt, denn Zigarettenkippen sind auf dem Rasen nicht gern gesehen. Thema Nummer eins ist die Revolution, natürlich, jeder spricht darüber und darüber, wo und wie er die Zeit verbracht hat. Mehmed hat auf dem Tahrir-Platz protestiert, die ganzen Tage und Wochen bis zu Mubaraks Sturz. Hossein auch, er hat dort gesungen, an dem Abend, als alle friedlich feierten. Ob er etwas vorsingen dürfe? Schon setzt er an zu einem Lied von Tamer Hosny, dem berühmten ägyptischen Popsänger. Ausgerechnet Hosny, der im mubaraktreuen Staatsfernsehen die Demonstranten dazu aufgerufen hatte, den Tahrir-Platz zu räumen. Ausgerechnet Hosny, der zwei Wochen später selbst auf dem Tahrir-Platz gestanden hatte und ausgebuht wurde. Der daraufhin in eine Kamera heulte, niemand verstehe ihn, und der dafür vom gesamten ägyptischen Internet verspottet wurde.

Hossein singt ein langsames Lied voller melodischer Arabesken. Es geht um ein Mädchen, um einen Kuss, um Feuer, das man spürt, um eine Liebe mit glücklichem Ende. Es sind hoffnungsfrohe Zeiten, die in Ägypten anbrechen, auch wenn momentan das Militär regiert und die Touristen ausbleiben. Niemand möchte Mubarak zurück, endlich fühle man sich menschlich, endlich könne man frei seine Meinung äußern, das sagt jeder, den man fragt. "Ägypten ist ein reiches Land", sagt Mohammed, und dass man das spätestens wisse, seit die Höhe von Mubaraks Privatvermögen bekannt wurde. Mohammed denkt da ökonomisch, wie seine beiden Freunde, mit denen er in Kairo Wirtschaftswissenschaften studiert. Nun ist die korrupte Regierung weg, man kann mit dem Geld Gutes tun, dann geht es bergauf, inschallah. An diesem friedlichen Abend im Al-Azhar-Park möchte man unbedingt daran glauben.

Und wo war Mohammed während der Revolution?

"In Scharm al Scheich am Roten Meer", er jobbe dort als Tauchlehrer.

"Kommen denn überhaupt Touristen?"

"Ein paar", sagt er.

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Der Tourismusminister ist einer der wichtigsten Männer Ägyptens. Jeder seiner Schritte wird genau beobachtet, denn am Tourismus hängt viel, zwanzig Prozent des Landeseinkommens und indirekt einiges mehr. Sofort nach der Revolution wurde das Amt mit einem der bekanntesten Oppositionspolitiker besetzt.

Monir Fakhri Abdel Nour stammt aus einer alten Politikerfamilie und hat sein Vermögen als Unternehmer mit Marmeladen und Fruchtsäften gemacht. Jeden Tag habe er auf dem Tahrir-Platz gestanden, von Beginn an, sagt er. Bis zum glücklichen Ende am 11. Februar. Denn jeder, der fortan ein öffentliches Amt bekleidet, wird auch daran gemessen werden, was er in den Tagen seit dem 25. Januar getan hat. Es entscheidet darüber, ob er akzeptiert wird oder ausgebuht.

Auf Abdel Nour ruhen große Hoffnungen, und er hat große Pläne. Die Hotelkapazität am Roten Meer soll innerhalb der nächsten drei Jahre verdoppelt werden, und Sharm al Sheich wird mit Hilfe deutscher Umwelttechniker zu einer grünen Stadt ausgebaut. Ein Kulturfestival in Kairo und Alexandria soll im Juni die junge, kreative Seite des Landes zeigen, und auf dem Tahrir-Platz wird die Revolution bald mit einer Gedenktafel dokumentiert sein. "Die Menschen, die jetzt kommen", sagt Abdel Nour, "suchen nach diesem Geist" - und nach etwas, vor dem sie sich gegenseitig fotografieren können.

Momentan sind Touristen eine seltene Spezies in Ägypten. Die Fähnchen, die Aufkleber, die T-Shirts, die auf dem Tahrir-Platz verkauft werden und Aufschriften wie "Egypt - yes we can" und "Tahrir Sqare - Freedom - Facebook" tragen und an eisernen Geländern baumeln, finden vor allem ägyptische Käufer. Auf der Fahrbahn verkaufen fliegende Händler an die eingekeilten Stauopfer Sonnenblenden in den Nationalfarben für deren Autofenster. Stellt man sich mit Fähnchen auf den Platz und fotografiert sich gegenseitig, ist man sofort von neugierigen Einheimischen umringt, die wissen wollen, woher man komme und was man von ihrer großartigen Revolution halte. Buntgekleidete Mädchen fragen, ob man sich mit ihnen fähnchenschwingend fotografieren lasse. Der Geist ist da, aber nicht allzu viele, die nach ihm suchen.

"Auf kurze Sicht werden wir Schwierigkeiten haben", gesteht der Tourismusminister. Nun gehe es darum, den Ball wieder ins Rollen zu bringen, die Reisewarnungen in den Herkunftsländern der Touristen müssen zurückgenommen werden. Am schwierigsten sei das in Russland gewesen, erst Anfang April hob man dort die Warnung vor Reisen nach Ägypten auf. Fast drei Millionen Russen reisten jedes Jahr vor allem in die Badeorte am Roten Meer, dort stellen sie die wichtigste Klientel, nun meiden sie Ägypten. Die Europäer seien sehr viel zuversichtlicher, und die Deutschen hätten durch die Wiedervereinigung ohnehin eine besondere Sicht der Dinge, sagt Abdel Nour. Unser Tahrir-Platz heiße Nikolaikirche, unser Freitagsprotest sei eine Montagsdemonstration gewesen. Die Deutschen kommen als Erste wieder, inschallah.

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Hurgada, das Tourismuszentrum am Roten Meer, ist dieser Tage eine Totenstadt. Die Belegungsrate liegt bei zwanzig Prozent, und das mitten in der Hauptsaison, eigentlich müssten es annähernd hundert Prozent sein. Und es ist ja alles da, das Klima ist angenehm, das Meer ist perfekt temperiert, der Strand ist sauber, hier findet weder eine Revolution statt, noch wird für oder gegen etwas demonstriert. Dabei hätten die Hotelangestellten guten Grund, sich zu beklagen. Ein Wäschereiarbeiter, der den ganzen Tag Touristenlaken faltet, verdient vierhundert ägyptische Pfund im Monat, das sind gut fünfundvierzig Euro. Er wohnt in einer kleinen Dienstwohnung fernab seiner Familie. Ernähren kann er sie mit diesem Gehalt kaum, einen gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn gibt es nicht, noch nicht. Immerhin dürfen die Arbeiter seit der Revolution Gewerkschaften gründen. Doch ihnen geht es mit ihrem bescheidenen, aber sicheren Einkommen im Moment noch besser als den kleinen Wirten, die ihre Stühle bereitgestellt haben für Gäste, die nicht kommen, und die Kellner bezahlen müssen, für die es nichts zu tun gibt.

Hurghada hat etwa hundertsechzigtausend Einwohner, und alle leben vom Tourismus, es gibt hier nichts sonst. Einst ein kleines Fischerdorf in der Wüste, wurde der Ort seit den achtziger Jahren konsequent zur Hotelstadt ausgebaut. Inzwischen ziehen sich die Resorts vierzig Kilometer an der Küste entlang, nicht eingerechnet die umliegenden Orte wie El Gouna oder Soma Bay, in denen sich vor allem Deutsche, Italiener und Engländer einquartieren. Nichts weist hier darauf hin, dass das Land gerade einen Diktator abgeschüttelt hat. Alle Ägypter tragen Livree, sie tragen einem die Koffer aufs Zimmer oder das Bier an den Tisch, sie verneigen sich und lächeln professionell, sie sagen "thank you, Madam" oder "bitte schön, die Dame", während sie durch das großzügig gestaltete Foyer laufen, in dem ein Brunnen nicht zu aufdringlich plätschert und in Wasserschüsseln makellos frische Rosenblütenblätter treiben. Hier ist Ägypten klimatisiert, aufgeräumt, staubfrei. Hier ist alles darauf ausgerichtet, gestressten Europäern den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, koste es, was es wolle. Und wenn das bedeutet, den gestressten Europäern in der Wüste einen künstlich bewässerten Golfrasen auszulegen, so wird auch das getan.

Niemand spricht über Entlassungen. Das Geschäft zieht wieder an, sagen die Hotelmanager. Alle Sehenswürdigkeiten sind geöffnet, sagt der Tourismusminister. "Es geht jetzt ums Überleben", sagt Urs Umbricht. Der Schweizer ist Geschäftsführer des Maritim Jolie Ville Resort auf King's Island, einer Nilinsel bei Luxor. Von hier aus hat man jeden Abend den wahrscheinlich schönsten Blick auf den Sonnenuntergang über dem Fluss, auf der Terrasse werden dazu Cocktails gereicht, und aus Lautsprechern dringt leise klassische Musik. Auch hier herrscht kein Gedränge, die Auslastung beträgt, wie überall momentan, zwischen achtzehn und dreißig Prozent. Umbrichts Situation ist dennoch besonders, denn das Resort gehört Hussein Salem, einem Investor aus dem Umfeld Mubaraks. Ein leutseliger Mann sei das gewesen, mit viel Verständnis für die Angestellten. Doch nun habe Umbricht seit neun Wochen nichts mehr von ihm gehört. Salem gehe nicht ans Telefon, beantworte keine Mails, niemand wisse, wo er sei, und die Geschäftskonten habe er vorsorglich auch leer geräumt. Sein Privatvermögen, das vor einigen Jahren auf siebenhundert Millionen Dollar geschätzt wurde, ist eingefroren.

Salem ist eine ziemlich bunte Figur des vorrevolutionären Ägypten und hängt tief drin im Filz der Vetternwirtschaft. Neben King's Island gehört ihm auch ein Resort in Scharm al Scheich, bis vor kurzem noch Zufluchtsort seines gestürzten Freundes Mubarak, daneben Ölraffinerien und Beteiligungen an zahlreichen Konzernen, er hatte mit der amerikanischen Regierung und mit Waffenlieferungen zu tun und lieferte exklusiv ägyptisches Gas in einer mittlerweile gekappten Pipeline nach Israel. Ab und zu fuhr er zum Kuraufenthalt nach Wiesbaden. Nun ist Salem abgetaucht, und Umbricht muss den Mangel verwalten: Renovierungs- und Neubauprojekte wurden bis auf weiteres gestoppt, die Fluktuation der Gäste ist unberechenbar, und die Flugzeugkapazitäten sind heruntergefahren. Egyptair fliegt mit kleineren Maschinen, alle proppenvoll, Direktflüge nach Luxor sind rar. Aber Umbricht sieht es gelassen: "Ich habe schon Erdbeben und Tsunamis erlebt, jetzt halt auch noch eine Revolution." Die habe er ungläubig am Fernseher verfolgt: "Das hätte ich den Ägyptern gar nicht zugetraut." Nun gilt es, sechshundert Angestellte zu halten, und wenn das Geld ausgeht, muss ein Übergangskredit her, bis die Zeiten besser werden. Das ist vielleicht im Juli der Fall, vielleicht auch erst nach den Wahlen im September. Bis dahin baut er auf seine Stammgäste aus Deutschland, England, Benelux.

Es sind vor allem die Einzelreisenden, die noch kommen. Die unverdrossenen Europäer, die gern länger bleiben und Erholung und Kultur suchen. Die trifft man auch jetzt vereinzelt am Hatschepsut-Tempel oberhalb von Luxor, im Tal der Könige oder im Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz, wo die einheimischen Schüler auf Klassenausflug die Mehrzahl der Besucher stellen. Und an den Pyramiden. Normalerweise drängen sich die Busse auf dem Parkplatz oberhalb von Gizeh, doch in diesen Zeiten kann man mit etwas Glück die Cheops-Pyramide ganz für sich allein haben. Ebenso die fünfzig Souvenirhändler, die einem ihre Waren hinhalten und Sätze entgegenrufen, die deutsche Touristen aufhorchen lassen: „Sommerschlussverkauf! Billiger als bei Aldi!“ Diese kleinen Händler trifft das Ausbleiben der Touristen direkt und hart, deshalb betreiben sie ihr Geschäft noch vehementer als sonst schon.

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Im Al-Azahr-Park dämmert es. Mohammed besteht darauf, mich zum Ausgang zu begleiten. Was er sich für die Zukunft wünsche, frage ich. Sich zu verlieben, eine Frau zu finden, zu heiraten, inschallah. Nicht irgendwen, sondern eine richtige Love Story, das wünsche er sich. Wie in dem Lied von Tamer Hosny. Dann schauen wir hinunter nach Kairo, in die lärmige, staubige, zusammenimprovisierte Stadt, die von hier oben, wenn man nicht in ihr feststeckt, auf ruhige Art schön ist. Mohammed deutet auf eine Palme, ob ich wisse, was das sei?

„Eine Palme“, sage ich.

Nein, das sei ein Sendemast von Vodafone. Seine Landsleute seien so abergläubisch, dass sie glauben, Handymasten würden gefährliche Strahlen aussenden, deshalb müsse Vodafone sie als Plastikpalmen tarnen. Verrückt, oder?

Nein, sage ich, das sei gar nicht verrückt, in Deutschland glauben das auch viele. Und das wiederum will Mohammed mir jetzt nicht abnehmen: In diesem fortschrittlichen, aufgeklärten, technisch so modernen Deutschland sollen die Menschen Angst vor strahlenden Sendemasten haben?

Ja, sage ich. Denn die Menschen haben Angst vor den irrsten Dingen.

An der Hotelbar im zehnten Stock des Kempinski Nile, wo die Kairoer Jugend sich trifft und mit Blick auf den nächtlichen Nil feiert, stehen zwei Amerikaner und halten sich an ihren Bourbons on the Rocks fest. Sie stehen dort jeden Tag rund um die Uhr und verlassen das Hotel nie. Sie arbeiten für die Innenbehörde, das Department of Justice, und haben Ausgangssperre. Ihre Regierung hält die Situation in der Stadt für zu gefährlich. An diesem Abend ließ das Hotelmanagement einen Zettel unter allen Zimmertüren hindurchschieben: Am nächsten Tag finde eine friedliche Demonstration auf dem Tahrir-Platz statt, man tue alles, um die Sicherheit der Gäste zu gewährleisten. Husni Mubarak, so die Forderung der Demonstranten, solle endlich vor Gericht gestellt werden. Später erfahren wir, dass es die größte Demonstration seit der Revolution war. Und am Samstag gab es einen Toten, ungefähr zu dem Zeitpunkt, als uns von einem lächelnden, livrierten Kellner die Pistaziencreme zum Nachtisch gereicht wurde: „Bitte schön, die Dame.“

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