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Russland : Fenster der Freiheit

Ein heiliger Ort bleibt niemals leer, weiß ein russisches Sprichwort. Darin klingt auch an, dass die alles verdrängende politische Macht in diesem Land beansprucht, etwas beinahe Sakrales zu sein. Deswegen sind die neunziger Jahre so unvergesslich als ein Zeitfenster, in dem viele Russen glaubten, sie gestalteten die Zukunft ihrer Heimat mit. Michail Gorbatschow, der durch Glasnost und Perestroika das Sowjetsystem modernisieren und dynamischer machen wollte, delegitimierte es und brachte es zum Einsturz. Seine Politik des Die-Zügel-hängen-Lassens setzte jedoch auch Erfindergeist und einen Wagemut frei, mit dem eine ganze Gesellschaft sich völlig neu definierte. Dabei betrachtete sie sich selbst so ehrlich und offen wie nie zuvor oder danach. Bild: Daniel Biskup/www.salzundsilber.de

Daniel Biskup hat die wilden neunziger Jahre in Russland fotografiert, die Wladimir Putin an die Macht brachten.

          Ein heiliger Ort bleibt niemals leer, weiß ein russisches Sprichwort. Darin klingt auch an, dass die alles verdrängende politische Macht in diesem Land beansprucht, etwas beinahe Sakrales zu sein. Deswegen sind die neunziger Jahre so unvergesslich als ein Zeitfenster, in dem viele Russen glaubten, sie gestalteten die Zukunft ihrer Heimat mit. Michail Gorbatschow, der durch Glasnost und Perestroika das Sowjetsystem modernisieren und dynamischer machen wollte, delegitimierte es und brachte es zum Einsturz. Seine Politik des Die-Zügel-hängen-Lassens setzte jedoch auch Erfindergeist und einen Wagemut frei, mit dem eine ganze Gesellschaft sich völlig neu definierte. Dabei betrachtete sie sich selbst so ehrlich und offen wie nie zuvor oder danach.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Fotograf Daniel Biskup hat über elf Jahre hinweg diese Umbrüche festgehalten. Anfang der neunziger Jahre war Russland auf dem Weg nach Europa, es glaubte sich nur zwei, drei Minuten von ihm entfernt. Der Putschversuch einer Clique von Altkommunisten im August 1991 scheiterte auch, weil die Elite längst Geschmack an der Marktwirtschaft gefunden hatte. Das besiegelte die friedliche Demontage des Denkmals von Felix Dserschinski, des Begründers der Unterdrückungsmaschinerie der Geheimpolizei KGB, vor dessen Hauptquartier auf dem Lubjanka-Platz. Der leere Sockel, auf dem jemand mit roter Farbe geschrieben hatte, Dserschinski sei ein Faschist, vergegenwärtigte die Freiheit, aber auch ein Macht- und Wertevakuum, in dem die Ressourcen neu verteilt wurden. Die marktwirtschaftliche Schocktherapie verwandelte viele Plätze, Metrostationen und auch die Lubjanka in Trödelmärkte, auf denen man von fliegenden Händlern oder Babuschkas einfach alles kaufen konnte, ob Waffen, ob Privatisierungsscheine, ob Wodka, Strumpfhosen oder einzelne Zigaretten. Der Staat erfüllte seine Aufgaben nur bedingt. Löhne und Renten wurden nicht gezahlt, alte Leute verscherbelten ihre letzte Habe. Dafür waren die Ordnungshüter freundlich und bescheiden.

          Die neue Armut machte die Kommunisten wieder populär

          Alles Westliche wurde zum Hit. In Kulturpalästen fanden Schönheitswettbewerbe statt, im Moskauer Lenin-Museum Modenschauen. Vor dem ersten McDonalds-Restaurant der Hauptstadt standen täglich lange Schlangen. Im Traditionskaufhaus GUM am Roten Platz eröffneten europäische Geschäfte, in denen man nur mit westlicher Währung bezahlen konnte. Die späteren Oligarchen verdienten mit Handel und Geldgeschäften ihre ersten Vermögen. Da die Spielregeln erst ausgehandelt wurden, waren Beziehungen ein Schlüsselkapital. Findige Unternehmer gründeten Restaurants und Werkstätten, sie importierten westliche Gebrauchtwagen oder stellten Parkwächter an den Straßenrand. Doch Vorsicht, gut organisierte Gruppen kräftiger Männer witterten ebenso ihre Chance. Auch die Mafia war in diesen Jahren eine Wachstumsbranche – so sehr, dass laut Umfragen unter Schulkindern eine Mehrzahl der Jungen Banditen werden wollte.

          Doch die neue Armut machte die Kommunisten wieder populär. Die Absicht des demokratischen Präsidenten Boris Jelzin, über eine neue Verfassung, die ihm mehr Vollmachten gab, abstimmen zu lassen und das noch zu Sowjetzeiten gewählte Parlament, den Obersten Sowjet, aufzulösen, versuchte ebendieser zu verhindern. Im Oktober 1993 ließ Jelzin vor dem Parlamentsgebäude, in dem sich Abgeordnete und Bewaffnete verbarrikadiert hatten, Panzer auffahren, die das Parlament beschossen. Eine nie geklärte Zahl von Menschen starb, während im sonnigen Herbstwetter die Moskowiter, Eis schleckend und Kinder an der Hand führend, zuschauten. Doch die neue Armut machte die Kommunisten wieder populär. Die Absicht des demokratischen Präsidenten Boris Jelzin, über eine neue Verfassung, die ihm mehr Vollmachten gab, abstimmen zu lassen und das noch zu Sowjetzeiten gewählte Parlament, den Obersten Sowjet, aufzulösen, versuchte ebendieser zu verhindern. Im Oktober 1993 ließ Jelzin vor dem Parlamentsgebäude, in dem sich Abgeordnete und Bewaffnete verbarrikadiert hatten, Panzer auffahren, die das Parlament beschossen. Eine nie geklärte Zahl von Menschen starb, während im sonnigen Herbstwetter die Moskowiter, Eis schleckend und Kinder an der Hand führend, zuschauten.

          Perestroika bis Putin

          „Russland – Perestroika bis Putin“ von Daniel Biskup. Verlag Salz und Silber, Augsburg 2016. 288 Seiten, zahlreiche Fotos. Gebunden, 44,50 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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