http://www.faz.net/-gxh-8s71m
© SSRS

Die Schatzinsel

Von BARBARA LIEPERT

25.01.2017 · Die touristische Landkarte der Seychellen ist um eine Insel reicher: Félicité. Die Sehnsucht, zu diesem Logenplatz im Garten Eden zurückzukehren, vergeht nie.

Vom schönsten Moment dieser Reise gibt es kein Foto: Die Sonne war gerade im Begriff, hinter einer himbeerrot leuchtenden Kumuluswolkenkette in den Indischen Ozean zu gleiten, als neun frisch geschlüpfte Meeresschildkröten zum ersten Mal das Meer entdeckten. Erstaunlich genug, dass sich diese Tiere, die klein sind wie Kartoffelchips, mit ihren Paddelbeinen überhaupt im Sand fortbewegen konnten, aber sie taten es mit der Effizienz eines Duracell-Hasen. Alle neun schienen ganz genau zu wissen, wo sie hinwollten – auf dem direkten Weg ins Wasser. Kein Stein, kein Ast, keine Felsfurche konnte sie aufhalten, wenn sie strauchelten oder umkippten, ruderten sie so lange, bis sie wieder auf dem Bauch lagen, und es ging weiter, der untergehenden Sonne entgegen.

Sie waren die einzigen Überlebenden von einem viel größeren Gelege. Krabben hatten es im Morgengrauen gefunden und sich sofort darüber hergemacht, aber Vanessa und Ryan, die sich eigentlich um den Wassersport auf der Insel kümmern, hatten es bemerkt. Neun konnten sie retten: In einer wassergefüllten Styroporschachtel im Schatten der Anlegestelle ließen sie die Jungtiere, die den Scheren der Krebse entkommen waren, ausruhen. Dort haben wir sie eher zufällig entdeckt und gefragt, ob wir mitkommen dürften, wenn die Kleinen ins Meer gebracht würden. Wir durften, allerdings ohne elektronische Geräte, denn auf dem Dinghi wurde es nass, und die letzten Meter zum Strand mussten wir schwimmen, mit der Schachtel. Die neun Überlebenden sollten sich dann ins Meer kämpfen, alleine, „und zwar von der Stelle des Nests bis zum Wasser, denn sonst finden sie später ihren Strand nicht, an dem sie Eier legen“, sagte Vanessa.

© SSRS Privatsphäre ist, wenn nur die Flughunde sehen können, was der Besucher auf seiner Poolterrasse tut. Interessiert sind die Tiere nur an den Mangobäumen der Insel Félicité.

Félicité, der Geburtsort der kleinen Schildkröten, ist eine von 115 Inseln der Seychellen, die heute mit 90.000 Einwohnern der kleinste afrikanische Staat sind. Die Inseln sind vor etwa 75 Millionen Jahren südlich des Äquators mitten im Indischen Ozean aufgetaucht – weit weg von allen anderen Landmassen, weshalb der Archipel auch relativ spät von den Hasardeuren der Weltmeere entdeckt wurde. Die Kolonialherren interessierten sich hier zunächst einmal vor allem für die Riesenschildkröten, die sie als lebende Fleischkonserven an Bord nahmen, und für die Bäume, aus denen sich Schiffe zimmern ließen. Den Handelsschiffen folgten Piraten, die wiederum die Abgeschiedenheit der Inseln schätzten, denn hier konnte man in Ruhe Beute verbuddeln. Noch heute geistern Schatzsucher über die Inseln, gefunden wurde aber bisher nichts – oder jedenfalls wurde nichts bekannt von einem Fund.

Das, wonach die meisten Besucher heute auf den Seychellen suchen, sind aber auch gar keine vergrabenen, sondern die offensichtlichen Schätze: Einsamkeit, Ruhe und Abgeschiedenheit, Strände, die man mit wenigen anderen teilen muss, ein Logenplatz im Garten Eden, allerdings mit Wifi und all den anderen Annehmlichkeiten des modernen Lebens.

© Barbara Liepert Den Ort für das Spa haben die Hotelplaner als erstes ausgesucht: Blick von der Yogaplattform zur Insel Marianne.

Bisher gab es zwei Orte, die das Versprechen von höchster Exklusivität und beeindruckender Granitfelsenkulisse mit Palmen und Traumstrand einlösten: Frégate und North Island (Île du Nord). Beide sind Privatinseln mit wenigen Gästevillen, wobei Frégate zuerst eröffnet war und noch immer mit einem der schönsten Strände der Welt, der Anse Victorin, angeben kann, während Île du Nord vieles – vor allem das Umweltkonzept – kopiert hat und ein paar andere Sachen, wie etwa das Design, noch schicker und ungewöhnlicher gemacht hat. Das war wohl einer der Gründe, warum Prinz William und Kate wiederkamen, um ihren Honeymoon dort in relativer Heimlichkeit zu verbringen.

Seit ein paar Wochen gibt es nun eine dritte Insel, die nur den Gästen eines einzigen Hotels vorbehalten ist: Die Six-Senses-Hotelgruppe hat die Insel Félicité aus ihrem Dornröschenschlaf erlöst. Nach der Finanzkrise hatte jahrelang keiner gewusst, wie es mit der Insel und den Überresten eines dortigen privaten Hideaways weitergehen würde. Jetzt thront hier das neunte Resort der Gruppe, es heißt „Zil Pasyon“ und empfängt seit kurzem Gäste. Das Spa wird erst im Verlauf des Februars eröffnen.

© SSRS Es gibt nur ein Hotel, und das hat nur dreißig Bungalows, dafür Badezimmer mit Schaukel und großen Fenstern, ausgezeichnet für ornithologische Betrachtungen im Urlaub.

Aber schon bei Inaugenscheinnahme der Pavillons, an denen noch gebaut wurde, war klar: Es gibt vermutlich keinen aufregenderen Ort im Indischen Ozean, um Yoga zu machen, als auf dieser Plattform, die, zwischen gigantischen Granitformationen eingebettet, den Blick auf Île Cocos, Petite Sœur, Grande Sœur und Marianne freigibt. Die dreißig Gästevillen sind großzügig über das Areal verteilt und allesamt nicht für andere Säugetiere einzusehen, außer für die Flughunde, die sich jeden Abend auf den Weg zu den Mangobäumen des Nationalparks machen, der etwa zwei Drittel der relativ großen Insel einnimmt.

© Barbara Liepert Steve Hill erklärt die Flora Félicités, einer Insel mit großem ökologischem Potential.

„Diese Insel hat sogar noch mehr Potential als Frégate, nicht nur, weil sie viel größer ist“, sagt Steve Hill, der als Ökologe und Berater jetzt hier das macht, was er schon in den neunziger Jahren erfolgreich auf Frégate getan hat: die Zeit zurückdrehen, die aggressivsten eingeschleppten Pflanzen entfernen, um Platz für endemische Arten zu schaffen. Ratten und die Katzen beseitigen, damit sich auch die einheimischen Vögel der Seychellen hier wieder zu Hause fühlen und nicht gleich gefressen werden. Wir hatten ihn vor vielen Jahren auf Frégate kennengelernt, als er dort erfolgreich an dem Aufzuchtprogramm des Seychellen-Dajal mitarbeitete, der quasi vor dem Aussterben stand (F.A.S. vom 25.7.2004). Seit vielen Monaten arbeiten Hill und sein Team jetzt auf Félicité. Sie haben einen kleinen Pfad durch das Dickicht geschlagen, durch den er uns nun führt, um zu einem botanischen Schatz der Insel vorzudringen: zur Coco de Mer. Bisher wähnte man diese majestätische Palme, die den größten Samen der Welt hervorbringt und die es nur auf den Seychellen gibt, auf Praslin zu Hause, im Vallée de Mai. Dass es sie auch auf Curieuse gibt, war zwar auch einigen bekannt – aber dass sie auf Félicité wächst, gleicht einer Sensation.

© Barbara Liepert Die majestätische Palme „Coco de Mer“ gibt es nur auf den Seychellen. Sie bringt den größten Samen der Welt hervor.

Gleich sechs Exemplare, männliche und weibliche, stehen auf dem hügeligen Gelände, und wenn eine der Nüsse, die bis zu zwanzig Kilogramm schwer sein kann und die charakteristische Form eines Hinterns hat, zu Boden fällt, hat nicht nur Hill ein Auge darauf, sondern auch die nationale Umweltbehörde. Wenn sie befruchtet ist, wird sie eingepflanzt, und zwar so, dass sie auch groß werden kann – etwa hundert Jahre dauert es, bis die Palme ausgewachsen ist. Von den ältesten Exemplaren auf Praslin nimmt man an, dass sie über 800 Jahre alt sind. Es ist höchst illegal, eine Nuss ohne Stempel und Papiere auszuführen, nur etwa tausend Stück jährlich dürfen verkauft werden, leer, ohne Inhalt. Der Nuss wurden früher sagenhafte Kräfte zugesprochen: Portugiesische Seefahrer berichteten im 16. Jahrhundert, dass die Coco de Mer gegen Vergiftungen helfe, beim Sultan der Malediven musste jede angetriebene Nuss abgeliefert werden, sonst drohte die Todesstrafe, wie in Wolfgang Därrs Seychellenhandbuch nachzulesen ist. Ausbreiten konnte sich die Palme nicht, da immer das männliche beziehungsweise weibliche Pendant in unmittelbarer Nähe wachsen muss, damit es zu einer Befruchtung kommt.

© Frank Gindler Grüner Lurch. Diese Eidechse sonnt sich sehr gerne auf den Holzplanken der Gästevilla.

Man muss auf Félicité aber nicht einmal durch den Dschungel laufen, um Flora und Fauna zu studieren, sie wird einem schon beim Blick aus der Dusche von Villa Nummer 50 geboten: Geckos nutzen das Licht hinter der Fensterscheibe, um auf Jagd nach Insekten zu gehen, ein Indischer Mynah, groß wie eine Amsel, mit braunschwarzem Gefieder und einer gelben Sonnenbrille, füttert seinen Nachwuchs, den er in der Krone einer Palme untergebracht hat und der sehr hungrig ist; beide Elternteile fliegen nonstop Nahrung herbei, als sei das hier die Luftbrücke. Draußen sieht man das türkisblaue Wasser und einen kardinalroten Madagaskarweber, der am Pool herumhüpft.

Die zwei häufigsten Eidechsenarten der Insel – die eine strahlend grün und klein, die andere etwas größer und kupferfarben – lassen sich wiederum von der Außendusche, die auf einem kleinen Granitplateau hinter der Villa versteckt ist, vortrefflich beobachten. Geht man an der Hängematte, die im Schatten aufgespannt ist, vorbei, erreicht man eine weitere natürliche Terrasse, einen schwarzen, hubschrauberlandeplatzgroßen Granitfelsen mit Blick auf das Meer und zur anderen Seite, auf eine der Privatresidenzen. Wie bei fast allen großen Hotelprojekten wird auch auf Félicité der Bau des Hotels durch den Verkauf von Privatgemächern gegenfinanziert. Doch Preise ab fünf Millionen Euro dürften es noch ein bisschen hinauszögern, bis alle der geplanten 17 Residenzen wirklich Gestalt annehmen.

© Barbara Liepert Ein paar Paddelschläge mit dem Kanu entfernt, liegt das Inselchen Île Cocos.

Wem schon das zu viel Rummel ist, der schnappt sich ein Kanu oder ein Stand-up-Board und paddelt zur Île Cocos. Die Überfahrt dauert zehn Minuten, und die Illusion der einsamen Insel mit Sandstrand ist perfekt (wenn nicht gerade eine Yacht davor parkt und Leute von Bord gehen, die auch ganz alleine sein wollen). Andererseits: Von Ruhe kann man sowieso nicht sprechen auf dieser Insel mit einem Durchmesser von gerade mal fünfzig Metern, denn die Flughunde in den Bäumen zetern und kreischen, als würden sie die Wahl des amerikanischen Präsidenten kommentieren (Obama war übrigens vor seinem Amtsantritt auf Frégate).

© Barbara Liepert Auf Curieuse sind 160 Aldabra-Riesenschildkröten beheimatet.

Ein Katamaran bringt uns wenig später nach Curieuse, wo neben der Coco de Mer acht Mangrovenarten, zwölf Menschen und 160 Aldabra-Riesenschildkröten beheimatet sind. Die mächtigen Schildkröten sind auf dieser naturgeschützten Insel wiederangesiedelt worden, „viele wurden von der Bevölkerung abgegeben“, erzählt Jimmy von der Naturschutzverwaltung. Weil sie zu groß geworden waren als Haustier im Hinterhof, aber auch, weil sich das Bewusstsein verändert hat – früher schenkten sich die Seychellois zur Geburt einer Tochter eine handliche kleine Babyriesenschildkröte, die dann zur Hochzeit in den Topf kam. Begehrt sind die Tiere noch immer, auf dem Schwarzmarkt gibt es ein paar hundert Euro pro Stück. In einer Nacht im vergangenen Juli wurden 25 Riesenschildkröten geklaut, im Alter von bis vier Jahren, ideale Hosentaschengröße. So viele wurden noch nie geklaut. Jimmy deutet auf die herausgebrochenen Zaunlatten in dem Gehege für die Jungtiere. Eine stattliche Riesenschildkröte schleppt sich breitbeinig heran, ihr Panzer hat zwei ordentliche Dellen. Wer greift denn so ein Meisterwerk der Panzerung an? Niemand, sagt Jimmy. Das hat er – es ist ein „er“ –, weil er zum Fressen in den Bergen war. Dort wachsen Pflanzen, die die Tiere brauchen, deswegen kletterten sie manchmal bis ganz nach oben, und weil es zu mühsam sei, herunterzubalancieren, „ziehen sie Kopf und Füße ein und lassen sich vom Berg kullern“, und dabei entstünden schon mal tiefe Verletzungen im Panzer.

© SSRS Unter Wasser verteidigt sich jeder auf seine Weise: der blaugelbe Doktorfisch hat scharfe Klingen an der Schwanzflosse, der Seeigel Stacheln.

Als wir zurück zum Schiff schwimmen, kribbelt es plötzlich auf der Haut, als würde das Meer einen zwicken, um zu sagen: du träumst nicht, das ist alles echt, schwimm weiter! Zu manchen Jahreszeiten spürt man das Prickeln des Planktons, des lebendigen Stoffs, dessentwegen auch die größten Fische der Welt, die Walhaie, sich so gern in den Gewässern der Seychellen herumtreiben. Die Unterwasserwelt der Seychellen gilt als nicht so spektakulär wie auf den Malediven, aber ein Tauchgang vor Ave Maria, einem palmungekrönten Granithaufen vor La Digue, straft dieses Vorurteil Lügen: Sogar die Korallen scheinen sich langsam vom El Niño, der hier 1998 alles ausgebleicht hat, zu erholen, es wird wieder bunter unter Wasser. In zwölf Metern Tiefe gleiten Rochen, orientalische Süßlippenfische mit ihren typischen Grunzermäulern und Riffhaie um uns herum, kurz vor dem Auftauchen entdecken wir neben der Karettschildkröte, die uns begleitet hat, sogar die seltene Suppenschildkröte – der Name erklärt das Problem.

Ob unsere Jungtiere von Félicité es schaffen, ins reproduktionsfähige Alter zu kommen, steht in den Sternen. Statistisch gesehen schafft es nur ein Ei von tausend. Aber wer weiß, vielleicht taucht eines Tages auch eine der neuen Schildkröten, die wir am ersten Tag auf Félicité ins Wasser begleitet hatten, vor Ave Maria zwischen den Tauchern und Schnorchlern auf und wundert sich, warum diesen seltsamen Wesen neben ihr ein Schlauch aus dem Mund hängt. Die Sehnsucht, eines Tages wieder an einem Stand von Félicité zu krabbeln, trägt auch der Mensch für den Rest seines Lebens in sich.

© F.A.Z.-Karte sie.

Der Weg nach Félicité auf den Seychellen

Anreise: Condor fliegt zweimal pro Woche ab Frankfurt nach Mahé, Air Seychelles hat ab April ebenfalls zwei Direktverbindungen ab Düsseldorf, Preis ab etwa 900 Euro (www.condor.de; www.airseychelles.com). Zur Insel Félicité geht es weiter mit dem Hubschrauber (20 Minuten) oder, etwas zeitaufwendiger, mit dem Boot. Transfers arrangiert das Hotel. Vor wenigen Wochen hat auf Félicité das neueste Haus der Six-Senses-Gruppe eröffnet, es heißt „Zil Pasyon“ und hat übersichtliche dreißig Villen mit Pool und jeweils spektakulärem Blick. Außer dem Hotelresort gibt es nur noch „private residences“, die später auch durch das Hotel vermietet werden, ansonsten ist man alleine auf Félicité. Preis ab 1200 Euro/Villa, www.sixsenses.com

Segeln: Wer von Inseln nicht genug bekommen kann, nimmt sich am besten (mit vielen Mitzahlern) ein Boot. Auf den Seychellen gibt es viele Inseln, sehr kleine zum Schnorcheln oder Eidechsenstudieren (St. Pierre oder Île Cocos), größere wie Curieuse, dort empfangen einen Riesenschildkröten. Der Katamaran „MS Gaugin“ beispielsweise kostet ab 4000 Euro pro Tag, eine dreiköpfige Crew ist an Bord, 24 Gäste haben Platz auf der Yacht mit zwölf Kabinen; mehr unter www.vpm-yachtcharter.com, Telefon 07 61/38 06 30.

Weitere Informationen: unter 0 69/29 72 07 89, www.seychelles.travel

Zum Teil wurden die Recherchereisen für diesen Artikel von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Fremdenverkehrsämtern unterstützt. Dies hat keinen Einfluss auf den Inhalt der Texte.

Inhalte werden geladen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 25.01.2017 11:08 Uhr