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Europäische Kulturhauptstadt 2014: Umeå : So jung werden wir nie wieder sein

Wer braucht schon Geschichte? Umeå denkt lieber an seine Zukunft. Bild: Archiv

Umeå ist die unbekannteste Kulturhauptstadt aller Zeiten, aber gewiss nicht die uninteressanteste. Denn dort gibt Erstaunliches wie acht Jahreszeiten, feministische Punkrocker und Babys, die sich in der Kunst des Action Painting üben.

          Die persönliche Tragödie der Europäischen Kulturhauptstadt Umeå ist, dass ihr berühmtester Sohn zu viel rauchte, zu wenig Sport trieb und kein Lokalpatriot war. Andernfalls wäre Stieg Larsson, Schöpfer der dreiundsechzigmillionenfach verkauften „Millennium-Trilogie“, zum einen nicht mit fünfzig Jahren an einem Herzinfarkt gestorben, sondern würde in diesem Jubeljahr 2014 als berühmtester Botschafter seines Heimatortes segensreich wirken. Und zum anderen hätte er ihm durch die eine oder andere freundliche Erwähnung in seinen Büchern literarischen Weltruhm beschert, so wie es Kollege Mankell mit seinem Kommissar Wallander vorgemacht hat. Aus Umeå aber ist kein zweites Ystad geworden und aus Västerbotten kein schöneres Schonen, und am erstaunlichsten ist, dass die Menschen hier oben in Schwedens hohem Norden Herrn Larsson noch nicht einmal böse sind.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Wir sitzen in Larssons Lieblingscafé im Herzen von Umeå und versuchen, aus dieser Stadt schlau zu werden, die uns bisher einzig und allein dank ihres ruhmreichen Frauenfußballvereins Umeå IK damfotboll ein Begriff war. Das Lokal orientiert sich grob am Wiener Kaffeehausstil, verbreitet allerdings eher egalitäre Gemütlichkeit als imperialen Glanz. Von der Decke baumeln Kupferteekessel statt Kristalllüster. Das Geschirr lässt man nicht von blasierten Oberkellnern abräumen, sondern bringt es selbst zurück zur Theke. Und zur Stunde der „Fika“, der heiligen schwedischen Institution des nachmittäglichen Kaffee- und Kuchenklatsches, versammeln sich neben den einschlägigen Tortentanten auch sämtliche Werktätigen aus den umliegenden Büros zur besten Arbeitszeit am Büfett - und schon sind wir einen Schritt weiter, denn „Larssons Café“ ist für uns wie ein Guckloch in Umeås Seele: Unprätentiös und unkompliziert geht es hier zu, antihierarchisch und antisnobistisch, harmonie- und nicht streitsüchtig, also durch und durch brüderlich und schwesterlich.

          Die Stadt der dreitausend Birken

          Das ist kein Wunder, denn in der Einsamkeit Nordschwedens kann man nur als Schicksalssolidargemeinschaft überleben. Jahrhundertelang war es allerdings eine winzige Truppe, die sich am „Ort des rauschenden Flusses“, wie Umeå in der Sprache der samischen Ureinwohner heißt, um ein hölzernes Kirchlein zusammenrottete. Die 1622 gegründete Stadt blieb im Grunde ein größeres Dorf und war es auch in jener verheerenden Mittsommernacht des Jahres 1888 noch, als es vollständig niederbrannte und die Uhren auf null gedreht werden mussten. Wenigstens kam niemand zu Schaden, weil sich damals die gesamte Einwohnerschaft zum Feiern an der frischen Luft befand. Trotzig bauten die Menschen ihre Heimat wieder auf, pflanzten dreitausend Birken als Feuerschutz, ließen sich von der Natur nicht kleinkriegen und wurden 1965 von der Schicksalsgöttin für ihre Beharrlichkeit belohnt: In diesem Jahr schenkte man ihnen eine Universität, die ein geradezu rauschhaftes Wachstum auslöste. Inzwischen ist Umeå die größte Stadt Schwedens nördlich von Uppsala und hat 120000 Einwohner, darunter fast ein Drittel Studenten. Bis zum Jahr 2050 soll die Bevölkerung sogar auf zweihunderttausend steigen und Västerbottens Hauptstadt zur unumstrittenen Metropole des skandinavischen Nordens machen.

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