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Entenhausen Ein Duck geht durchs Land

06.06.2004 ·  Klatsch, klatsch! Der Wandervogel und sanfte Tourist Donald Duck wird siebzig.

Von Andreas Platthaus
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Er hätte gewarnt sein müssen: Die Reisegruppe, die Donald Duck und seine drei Neffen nach Venedig bringt, trägt die Nummer 13. Ihr Motto lautet: Fünf Tage Europa unter kundiger Führung. Also hetzen die Entenhausener Weltenbummler im Eilschritt dem kundigen Führer nach, links der Dogenpalast, rechts die Markussäule, in der Mitte die weltberühmten Tauben (die einzige Sensation auf dem Platz, die dieses Epitheton verliehen bekommt) und einen Kanal weiter das Denkmal von... na, ist ja auch egal. Die Reisenden haben keine Zeit mehr. Urlaubswochen sind keine Herrenwochen, und Reisen bildet nicht: Wer nicht schon an den Beinschienen den berühmten Krieger auf dem Sockel zu erkennen weiß, wird mit seinem Namen auch nichts anfangen können. Weiter, weiter, die nächste Sensation wartet schon.

Den Anschluß verloren

Nun ist Donald Duck ein Mann des Auges, ein Ästhet, dessen Reiseaufnahmen in Fachkreisen großen Ruf genießen, etwa seine Dias von den Gunnar-Geysiren. Reisen schafft Bilder. So fotografiert Duck also auch in Venedig eifrig, verpaßt deshalb die Bootsabfahrt seiner Gruppe und hat nun die wenigen Sekunden Verspätung wieder aufzuholen, denn der enge Zeitplan der Besichtigungen läßt das Warten auf Zurückgebliebene nicht zu. Schließlich erreicht Duck den Flughafen in Mestre und bittet die Wartenden, ihn doch bitte schnell vorbeizulassen, damit er seine Gruppe vor dem Abflug nach Genf noch erreichen könne. Doch die gesamte Schlange besteht aus Touristen, die ebenfalls den Anschluß verloren haben: an die Reisegruppen 6, 9, 10 und 12, und alle sind auf dem Weg nach Genf. Da hat die 13 nichts mehr verschlimmern können.

Die Teilnahme an Pauschalreisen wie diesem Europatrip mit der seltsamen Stationenfolge Venedig-Genf-Paris-London-Zürich ist untypisch für Familie Duck. Mag sein, daß die hohe Verschuldung, die der Familienvorstand für seine Reise nach Island zu den bereits genannten Geysiren eingehen mußte, spätere finanzielle Zugeständnisse erzwang. Das Resultat der Europatour aber wird die Ducks wieder zu strikten Verfechtern des Individualtourismus gemacht haben, zumal Donald Duck nicht einmal Zeit gefunden haben dürfte, seine Leidenschaft für Souvenirs zu befriedigen. Was ihm andererseits den üblichen Ärger erspart haben wird, den er sich beim Abmontieren von Artefakten, die er daheim dem Anglerklub vorführen will, einhandelt. Reisen mißbildet. Die Begründung "Ich will ja nur damit angeben, das ist ja wohl erlaubt" hatte die Polizei in Pocopausa seinerzeit nicht überzeugt; sie hätte wohl auch in Venedig nicht verfangen.

Der notorisch Beschäftigungslose

Am kommenden Mittwoch feiert der manische Reisende Donald Duck seinen siebzigsten Geburtstag. Aller Voraussicht nach tut er dies im heimischen Entenhausen, an dem er denn doch mehr hängt als an allen Schönheiten der übrigen Welt. Trotzdem treibt es den notorisch Beschäftigungslosen immer wieder in die Ferien, und die Abenteuer, die er samt seinen Neffen dort erlebt, lassen, wie Henner Löffler in seiner jüngst erschienenen Studie "Wie Enten hausen" (Verlag C.H.Beck) feststellt, "rationale Fragen der Art, warum Donald überhaupt Urlaub benötigt, verstummen".

Im Jahreskreis von Familie Duck spielen die Ferien eine zentrale Rolle, aber wenn es nach Donald Duck selbst geht, reist man durchaus lieber in die nähere Umgebung von Entenhausen: im Sommer gerne auf ein gemietetes Hausboot auf dem Erpelsee, im Winter zum Skifahren nach Oberlawinenbrunn. Wasser in flüssigem oder gefrorenem Aggregatzustand erweist sich als Elementarelement für die Ducks, und wenn die Wahl zwischen Bergen und Meer besteht, ist die Entscheidung klar.

Das Vertraute in der Fremde

Donald Ducks Mitgliedschaft im Anglerklub ist dementsprechend kein Zufall. Wie überhaupt die liebste Beschäftigung im Urlaub auch wieder das Angeln ist, das sogar von Entenhausener Ärzten bei schweren Herzkrankheiten als Kurmittel empfohlen wird. Ob Duck in Florida weilt oder um das Kap der Guten Hoffnung fährt, immer ist seine Angel mit dabei. In der Fremde sucht er derart das Vertraute. Und so kommt der schöne Satz von Löffler zustande, der das Kapitel zum Thema Reisen einleitet: "Die Enten hausen nicht nur, sie reisen auch, viel und gerne."

"Familie Duck auf Ferienfahrt" lautet auch der Titel des schönsten Berichts, den der vor vier Jahren gestorbene Zeichner Carl Barks uns hinterlassen hat. Löffler nennt ihn "die Geschichte eines Traumes (für kurze Zeit auch eines Albtraumes) von Ferien in der freien Natur, die Verkörperung von Sommer, Sonne, blauem Himmel, Wärme, Freiheit, Lust am Leben, Erholung". Und wenn es noch etwas sein darf: vom Leben an sich, denn in keiner anderen Geschichte sind die Ducks so nahe am Tod. Nur die Erinnerungen Donald Ducks an seine Jugendzeit in der Wandervogelbewegung rettet sie vor einem Waldbrand. Reisen bildet doch.

Sanfter Tourismus

Familie Duck ist durch das gemeinsame Interesse an der Natur auf bestimmte Werte eingeschworen und pflegt einen sanften Tourismus, der nur gelegentlich in die beschriebenen Exzesse von Gruppenreisen und Souvenirdiebstahl ausartet. Ihre Sensibilität lehrt die Ducks, daß man etwa in den Blauen Bergen kein Auto fahren darf, das farblich nicht zur Landschaft paßt. Und daß man Schönheiten der Natur bewundert, aber nicht besteigt, ist ästhetische Erfahrung Donald Ducks beim Anblick schneebedeckter Gipfel.

So ist denn auch die Einsamkeit Voraussetzung wahren Naturerlebnisses: "Na, was sagt ihr jetzt?" schwärmt Donald Duck seinen Neffen vor: "Der reinste Urwald. Stunden und Stunden keine Spur eines Menschen." Und die Neffen antworten: "Ist es nicht wie im Paradies?" Das ist der wahre Antrieb der Ducks, eine Ursprungssehnsucht, die ihre Erfüllung in der Stille und besonders eben im und auf dem Wasser findet. Wenn Donald Duck auf dem Landungssteg versonnen einem Dreimaster hinterherblickt, bricht es aus ihm heraus: "Ich möchte wie Kolumbus die Ozeane durchpflügen und zu neuen Kontinenten aufbrechen."

Das Idyll ist immer in Gefahr

Dieser Reisetrieb ist bei seinem Onkel Dagobert, dem reichsten Mann der Welt, sublimiert zum Geschäftsreisetrieb. Wenn er in fernen Landen verkündet: "Ich bin gewissermaßen Kolumbus, und ihr seid entdeckt", dann freut er sich an den potentiellen neuen Kunden oder Arbeitskräften. Zwergindianer in Nordkanada taugen ihm bloß zum Rohrreiniger, während die Neffen sich an der Naturgemeinschaft freuen, die die Winzlinge pflegen. Das Idyll, das wir durch die Reisen der Ducks erleben dürfen, ist stets gefährdet. Reisen wildert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.06.2004, Nr. 23 / Seite V1
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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