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Eisenbahn-Nostalgie : In den letzten Zügen

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So stilvoll wie damals (um 1930) sind die Liegewagen nicht mehr. Und nach Geschlecht sortiert sind sie auch nicht mehr. Kuschelig ist es trotzdem. Bild: INTERFOTO

Streik ist nicht genug: Weil sie sich nicht mehr rentieren, stellt die Bahn viele ihrer Nachtzüge für immer ein. Eine Abschiedsfahrt von Berlin nach Paris, bevor im Dezember alles vorüber ist.

          Meine erste Fahrt mit dem Nachtzug nach Paris machte ich mit sieben. Damals fuhren wir mehrmals im Jahr dorthin, um meine Großeltern zu besuchen, und meistens nahmen wir das Auto. Ich war es also gewohnt, stundenlang auf dem Rücksitz eines Renaults aus dem Fenster zu gucken oder meine Mutter mit Bibi-und-Tina-Dauerschleifen zu quälen, nur machte das irgendwann keinen Spaß mehr, weshalb wir beschlossen hatten, einmal etwas besonders Lustiges zu machen: mit dem Nachtzug fahren. Liegend durch die kühle Dunkelheit über den Rhein rattern und zusehen, wie der Frühnebel sich über dem Elsass hebt, das stellte ich mir ungeheuer aufregend und wunderschön vor.

          Heute erinnere ich mich nur noch daran, dass auf der Liege unter mir ein sehr dicker, sehr laut schnarchender Mann lag, vor dem ich mich schrecklich ekelte. Und dass meine Großmutter, die am nächsten Morgen in einem ihrer perfekt sitzenden Kostümchen an der Gare de l’Est wartete, uns entsetzt anstarrte, als wir ihr so ungekämmt und ungewaschen entgegenkamen. Sie zischte ein pikiertes „Ma chérie, voyons!“ und fragte sich wahrscheinlich, was nur aus uns geworden war, dort drüben in diesem Deutschland.

          Zwanzig Jahre später ist alles anders. Diesmal fahre ich alleine, meine Großmutter lebt nicht mehr in Paris, und Bibi und Tina habe ich seit vielen Jahren nicht gehört. Außerdem habe ich nicht vor, mich mit dicken Schnarchern zu quälen, und deshalb eine Einzelkabine gebucht. Die Erwartung an die Bahnreise hat sich trotzdem nicht verändert. Ich wittere der Sache genauso freudig entgegen wie damals, vor allem da ich weiß, dass ich sie so wahrscheinlich niemals wieder machen kann.

          Es ist vorbei

          Nach vielen Jahrzehnten des treuen Hin- und Herfahrens wird die City Night Line von Berlin nach Paris, so wie einige andere Nachtzugverbindungen aus der Hauptstadt (zum Beispiel nach Kopenhagen), ab Mitte Dezember eingestellt. Nicht, weil sie keiner mehr bucht, im Gegenteil, die Zahl der Passagiere ist zwischen 2003 und 2013 um 60 000 auf 1,5 Millionen jährlich gestiegen, und wer einmal versucht hat, einen solchen Zug zu buchen, weiß, wie schwierig es ist, einen ordentlichen Platz zu bekommen.

          Nur hilft das scheinbar nichts. Im Großen und Ganzen, so sieht es zumindest die Bahn, sind die City Night Liner ein Verlustgeschäft, eines, das man nicht mehr tragen möchte. Klugen Buchhaltern mag das richtig erscheinen, allerdings geht mit den Nachtzügen und all ihren Unbequemlichkeiten (dem Ruckeln, der längeren Fahrzeit, dem engen Raum, den anderen Menschen und so weiter) auch eine ganze Reisekultur verloren.

          Ein Abenteuer ohne großes Tamtam

          Denn mit dem Nachtzug fahren, das bedeutet nicht einfach von A nach B kommen und dazwischen zu schlafen, und auch nicht, wie es auf der Website der Deutschen Bahn heißt, sich eine Nacht im Hotel zu sparen. Es ist vielmehr eine Idee des Reisens, der man in unserem Zeitalter des Immer-schneller-Ankommens oder des Kontrolliert-im-Yogamodus-langsam-Reisens nur noch selten nachgehen kann. Denken Sie nur einmal daran, was in einer Nacht zwischen Berlin und Paris alles passieren kann, wenn so viele Menschen für so viele Stunden so intime Momente teilen (in Socken rumlaufen, sich die Zähne putzen, sich hinlegen, vor fremden Leuten schlafen).

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