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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Elektrisch unterwegs Viel Watt und wenig Muskelkraft

 ·  E-Bikes ermöglichen auch untrainierten Radlern alpine Ausflüge, und Almen werden zu Hightech-Ladestationen. Das Radfahren in den Bergen steht vor einem massiven Umbruch.

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Während das urbane Leben von Innovationen und Effizienz getrieben ist, kann sich der geplagte Mensch darauf verlassen, dass wenigstens in den Bergen die Dinge so sind, wie sie schon immer waren. Die Häuser sehen seit Generationen gleich aus, in den Lokalen pflegt man eine Bauernstubenromantik, die es sonst nur in Heimatfilmen gibt, und auf den Tisch kommen Speckknödel und Schweinshaxen.

Derzeit häufen sich jedoch die Indizien, dass auch auf Almen und Gipfeln technische Neuerungen Einzug halten. Wanderer und Mountainbiker haben neuerdings Begegnungen, die ausgesprochen gewöhnungsbedürftig sind. Eine Bikerin kämpfte sich gerade im Tiroler Windautal, einem unscheinbaren Seitental zwischen Wörgl und Kitzbühel, mit ihrem Mountainbike bergauf. An einem kurzen, etwas steileren Anstieg wurde sie von einem hochgewachsenen weißhaarigen Herrn überholt - und zwar mit einem solchen Geschwindigkeitsüberschuss, dass die junge Frau nur noch den Kopf schütteln konnte, während der Radler mit guten zwanzig Kilometern pro Stunde hinter der nächsten Kehre verschwand.

Auf der Hütte gibts Brettljause und Tauschakku

Oben bei der Gamskogelhütte kennt man solche Episoden zur Genüge. „Am Wochenende sind hier so viele Biker unterwegs, dass du mit dem Auto schon gar nicht mehr durchkommst“, sagt Kellnerin Renate mit kernigem Tiroler Dialekt. Seit letztem Jahr kämen immer mehr mit den elektrisch angetriebenen Mountainbikes, und das seien vornehmlich ältere Radler. Auf der Hütte finden die E-Biker alles, was sie brauchen. Neben der Brettljause gibt es eine Ladestation und Tauschakkus fürs Pedelec.

In den Kitzbüheler Alpen hat man die große E-Mountainbike-Offensive gestartet und schmückt sich mit dem Titel der größten zusammenhängenden E-Bike-Region der Welt mit 275 Elektrofahrrädern und 75 Verleih- und Akkuwechselstationen. Im benachbarten Hochköniggebiet wurde in diesem Sommer eine weitere Innovation präsentiert. Dort fand man eine Lösung für das Problem der unterschiedlichen Systeme der Ladestationen und installierte ein System, mit dem alle marktüblichen E-Bikes aufgeladen werden können. Dass solche Pionierleistungen nicht ganz unwichtig sind, versteht man als E-Bike-Neuling spätestens dann, wenn man einmal mit leerem Akku ein fünfundzwanzig Kilogramm schweres Rad bergauf wuchten musste.

Mit dem E-Bike über die Alpen

Innerhalb weniger Jahre hat sich das Bad Reichenhaller Unternehmen Movelo zu Europas größtem Anbieter von touristischer Elektromobilität entwickelt. Movelo unterhält fünftausend Räder und tausendfünfhundert Verleihstationen in achtzig Regionen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Belgien. Bei Movelo registriert man auch eine stark wachsende Nachfrage nach alpinen Ausflügen. Vor allem in Österreich und dem südbayerischen Raum wollen immer mehr Urlauber mit elektrischer Unterstützung bergauf radeln. Aber es gibt bei Movelo auch eine wachsende Zahl von Gästen aus dem norddeutschen Raum, die alternative Ausflugsmöglichkeiten suchen.

Die alpinen E-Biker sind eine ziemlich neue und derzeit noch schwer einzuordnende Zielgruppe. Derzeit wagen sich eher die Gelegenheitsbiker mit dem E-Bike auf die Berge, die bislang die Strapazen scheuten und lieber in der Ebene blieben. Der Erfolg des E-Bikes basiert vor allem darauf, dass viele Menschen nun Touren unternehmen können, die ihnen vorher versagt blieben oder vor denen sie zu viel Respekt hatten. Dazu passt auch, dass mittlerweile die ersten Alpenüberquerungen mit E-Bikes angeboten werden. Ein Bikeverleih in Garmisch-Partenkirchen offeriert seinen Kunden eine solche einwöchige Tour mit 420 Kilometern Länge und sechstausend Höhenmetern. In Alta Badia in den Dolomiten können Bergradler beim Bikesharing mit der Seilbahn auf zweitausend Meter Höhe fahren und dort ein E-Bike ausleihen, um sich leichte und aussichtsreiche Ausflüge zu gönnen. Runter kommt man wieder mit der Seilbahn und vermeidet so riskante Bergabfahrten.

Fortschritt mit Downhill, Freeride, Allradantrieb

E-Mountainbikes sorgen vor allem in den Alpenregionen für Optimismus. Im Jahr 2011 wurden in Deutschland rund 310000 E-Bikes verkauft, 55 Prozent mehr als im Vorjahr. Dieser Boom dürfte noch nicht zu Ende sein, denn die Technik wird ständig verbessert, die Räder werden leichter und leistungsfähiger. Der optische Unterschied zwischen dem muskelbetriebenen Klassiker und dem neuen Elektrorad schmilzt rasch dahin. Vor kurzem hat ein österreichischer Hersteller ein E-Mountainbike präsentiert, das mit dem Motor im Sattelrohr und dem Akku in der Satteltasche optisch nicht mehr als solches zu erkennen ist und nur noch 13,3 Kilogramm wiegen soll. Derartiger technischer Fortschritt hat seinen Preis. Knapp viertausend Euro kostet das Modell Vivax Alpha. Den Bestwert setzt derzeit aber ein E-Bike in Mountainbike-Optik, das weniger als zehn Kilogramm wiegt. Diese Leichtgewichte haben allerdings aus technischen Gründen relativ kleine Akkus mit geringerer Reichweite. Kompensieren können das die neuen BionX-Systeme, bei denen die Akkus beim Bergabfahren wiederaufgeladen werden.

Es gibt E-Bikes, die aussehen wie Harley-Davidson-Motorräder ohne Motor, es gibt E-Mountainbikes speziell für Damen. Und man kann sich mittlerweile Räder kaufen, die vom Image des biederen Elektrorads für Senioren so weit entfernt sind wie Mike Tyson von einem Volkshochschulkurs in Ikebana. Der Tiroler Hersteller EH Line bietet alpine E-Bikes an, die mit 1200 Watt die mehr als vierfache Leistung üblicher Räder besitzen und bis zu achtzig Stundenkilometer schnell sind. Dass diese Räder keine Straßenzulassung haben, stört die Käufer ebenso wenig wie der Preis von rund 7500 Euro. Im kommenden Jahr werden Downhill- und Freeride-Modelle das Sortiment ergänzen. Und Biketronic, ein oberösterreichischer Hersteller, hat mehrere E-Mountainbikes im Sortiment, die mit Allradantrieb ausgestattet sind, an jedem Rad ein eigener Nabenmotor.

Trainingsparcours mit künstlichen Hindernissen

Das Gros der E-Mountainbike-Kunden sind ganz offensichtlich Gelegenheitsfahrer. „Wir haben Kunden, bei denen zum Beispiel die Frau nicht ganz mit dem Tempo des Mannes mithalten kann und das nun mit dem E-Bike ausgleicht, oder Männer, die in die Jahre gekommen sind und nun wieder die Touren wie früher in Angriff nehmen“, erklärt Ewald Stieger von Biketronic. Aber es gibt auch die ambitionierten Freizeitsportler, die nun vermehrt zum E-Bike wechseln. „Gerade unsere Allrad-Bikes werden gerne von sportlichen Fahrern gekauft, die damit Unterstützung in anspruchsvollen Passagen abrufen können“, ergänzt Stieger.

Dass auf diese Art nun mehr Menschen mit mehr Tempo in den Bergen unterwegs sein werden, stößt nicht nur auf Begeisterung. Selbst fahrradaffine Menschen wie der Inhaber der Bikeschule Ötztal in Tirol warnt vor Selbstüberschätzung. „Beim E-Bike“, sagt Urban Gstrein, „ist es wie beim Motorradfahren. Da meint man, dass alles von selbst geht, und dann wird es beim Kurvenfahren und Bremsen gefährlich.“ Gstrein schickt die E-Bike-Debütanten auf einen Trainingsparcours im Zentrum von Sölden, wo sie im Schnelldurchlauf mit künstlichen Hindernissen ein Gefühl für die neuen Räder bekommen sollen.

Risiko auf Schotter und in Kurven

Gefahr lauert nicht nur beim Bergauffahren, sondern vor allem bei der Abfahrt. Die meisten E-Bikes wiegen deutlich mehr als Modelle mit reinem Fußbetrieb, manchmal sogar das Doppelte. Damit und mit dem geänderten Schwerpunkt und möglicherweise auch unterdimensionierten Bremsen wird die Abfahrt auf Schotter mit engen Kurven für den ungeübten Fahrer zum Risiko. Vor allem an Hochsaisonwochenenden im Spätsommer und Herbst können auch Wanderer und andere Radler in Mitleidenschaft gezogen werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass mit den steigenden Akkuleistungen die Räder auch bergauf immer schneller werden. Dass hier ein nicht unerhebliches Gefahrenpotential lauert, weiß man auch beim Bayerischen Kuratorium für alpine Sicherheit. „Radfahren am Berg wird das Thema eine Arbeitsgruppe sein, die sich gerade im Aufbau befindet“, erklärt dazu der Geschäftsführer des Kuratoriums, Dr. Christoph Ebert. Grundsätzlich ist man sich des Problems also bewusst. Doch welche Konsequenzen es hat, dass Menschen mit geringer alpiner Erfahrung nun mühelos viele Höhenmeter absolvieren können, ist heute schwer abzuschätzen.

Ausscheu nach auffälligen Etappenzeiten

Für E-Bike-Neulinge bieten viele Regionen geführte Touren an, zum Beispiel Aich in den Kitzbüheler Alpen. Zweimal pro Woche starten dort die Radprofis Rob Pearce und Beppo Hechenberger mit den Gästen zu Touren, die als deutsch- oder englischsprachige Version angeboten werden. Bei den klassischen Radreiseveranstaltern spielt das E-Mountainbike allerdings noch eine Nebenrolle.

Mit einem Phänomen beschäftigen sich derzeit erst wenige. Elektrisch angetriebene Räder, die als solche nicht mehr erkennbar und grundsätzlich auch nicht hörbar sind, stellen neuerdings die Veranstalter von Volksradrennen vor große Probleme. Wie soll man feststellen, ob sich im Inneren der Rahmen nicht ein Motor samt Akku verbirgt? Dass man vor dem Start nicht mehrere tausend Räder technisch kontrollieren kann, weiß auch Ernst Lorenzi, Organisator des Ötztal Marathons. Nur bei den Spitzenplätzen will man die Räder untersuchen, sonst wird nach auffälligen Etappenzeiten Ausschau gehalten. Vor allem aber, so hofft Lorenzi, werden die Radler selbst darauf schauen, dass sie nicht von getarnten E-Bikern übers Ohr gehauen werden.

E-Radeln

- E-Bike-Urlaub: Auskunft über Angebote in den Dolomiten gibt es auf den Websites von www.altabadia.org und www.dolomitisuperebike.com. Der Fahrradverleih in Garmisch-Partenkirchen bietet auch E-Bikes an, im Internet unter www.bikeverleih.de. Einweisung für Anfänger gibt es bei der Bikeschule Ötztal, www.hike-bike.at.

- Hersteller von E-Bikes sind zum Beispiel Biketronic, www.biketronic.at, oder EH-Line, www.ehline.com.

- Allgemeine Informationen über E-Bikes, zum Beispiel Produkttests, gibt es beim Verein ExtraEnergy unter www.extraenergy.org. Angebote rund ums E-Bike von der Gebrauchtradbörse bis hin zur Pauschalreise macht Movelo, im Internet unter www.movelo.com.

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