Wie es sei, einem echten Guerrillero gegenüberzustehen, hatten wir uns nicht gefragt. Als aber José Serafín Gómez in unseren Wagen schlüpft und uns den Weg hügelaufwärts in das Dorf Perquín weist, wundern wir uns doch. In seinem weichen Gesicht steht statt eines Schnurrbarts nur dürrer Flaum, und auch sonst erinnert nichts an den Camouflage-Macho, dessen Stereotyp in unserer Vorstellung herumgegeistert sein muss. Der ehemalige Guerrillero trägt ein gebügeltes weißes Hemd mit einem Aufnäher, der ihn als Fremdenführer ausweist und ihn befugt, Besucher in die Abgründe des Bürgerkrieges von El Salvador einzuführen. Nach einigen Kilometern Fahrt, während deren uns der mächtige Vulkan Cacahuatique nicht von der Seite weichen will, zeigt José auf ein blaues Straßenschild mit der Aufschrift: "Willkommen auf der Friedensroute, liebe Touristenfreunde, lebendige Dörfer empfangen euch." Darunter deuten Piktogramme auf Wanderwege, Zeltplätze und Restaurants hin.
So gastfreundlich beginnt die Reiseroute, die sich durch den Nordosten El Salvadors schlängelt, und einen hoffnungsvollen, doch einigermaßen euphemistischen Namen trägt: "Ruta de la paz". Frieden herrscht zwar nach zwölf bitteren Jahren des Bürgerkrieges zwischen den linken Guerrilleros und den Soldaten der rechten Militärregierung, der fünfundsiebzigtausend Menschen das Leben gekostet hat. Die Wunden aber klaffen auch heute noch, zwei Jahrzehnte nach dem Friedensabkommen von 1992. Zerrüttete Familien, traumatisierte Väter, bittere Armut und mörderische Banden zerstören das Land von innen - und Erdbeben, Erdrutsche und Sintfluten tun ein Übriges. Es scheint fast, als habe der Herr im Himmel kein besonderes Interesse an El Salvador, obwohl es doch denselben Namen trägt wie sein Sohn Jesus Christus, der Retter und Erlöser. Vielleicht aber ist, fromm dialektisch gesehen, die Prüfung für die Salvadoreños einfach nur besonders groß.
Im Revolutionsmuseum grüßt Erich Fried
Kurvenreich führt die Straße nach Perquín durch ein dampfendes Blättermeer in allen Grünschattierungen, aus dem einzelne leuchtend rote Flammenbäume hervor blinken. Die hügelige, dichtbewaldete Umgebung gehörte während des Bürgerkrieges zum Kerngebiet der Guerrillabewegung oder auch, wie José es nennt, zu den "befreiten Gebieten". Im Dorf selbst ist nicht viel los, und wohl kaum ein Besucher würde sich in die Gegend verirren, stünde hier nicht das Museo de la Revolución Salvadoreña als Hauptanziehungspunkt der Friedensroute. Vor dem funktionalen Flachbau bieten ein paar Souvenirverkäufer ihre Waren an, über die Mittagszeit sind sie in einen Halbschlaf versunken und lehnen in Schräglage, wo auch immer sie Halt finden. Im Gebäude geht es thematisch schnell zur Sache: Zu sehen ist ein ikonographisches Potpourri des Krieges mit selbstkonstruierten Waffen und Funkgeräten, Fotos von Schönheiten im Kampfkostüm und internationalen Solidaritätsplakaten. An der Wand lädt ein mit Waffen und Blumenranken bemaltes Plakat zum "Friedensfest der Befreiungsbewegungen", das im Oktober 1983 in der Mensa der Bonner Universität stattgefunden hat. Ein Gedicht von Erich Fried endet mit den Zeilen: "Wie lang muss El Salvador noch bluten, weil man schweigt?"
Routiniert zählt José die Greueltaten der rechten Militärs und die Erfolge der Untergrundkämpfer auf und führt uns zum triumphalen letzten Beweis nach draußen auf den Hof: Auf Holzständern aufgebahrt, liegen die zerbeulten Reste eines UH-1H-Helikopters, in denen Domingo Monterrosa Barrios sein Ende fand. Der General war 1981 für das Massaker von El Mozote verantwortlich, bei dem fast neunhundert Dorfbewohner von der Armee hingeschlachtet wurden, vor allem Frauen und Kinder. Und obwohl offiziell nicht ganz klar ist, was den Helikopter 1984 zum Absturz brachte, besteht José auf seiner Version und erzählt, nunmehr mit einem Glitzern in den Augen, wie die Guerrilla den General abgeschossen hat. Da erinnern wir uns, dass wir General Monterrosa schon am Morgen begegnet waren, in der nächstgrößeren Stadt San Miguel. Im Rathaus sahen wir ein riesiges, goldgerahmtes Ölgemälde direkt neben dem Eingang, auf dem ebenjener General Monterrosa neben dem jetzigen Bürgermeister von San Miguel als junger Soldat zu sehen war, beide mit ihren Gewehren wild in der Luft herumfuchtelnd. Ein Mörder, der gleichzeitig ein paar Kilometer entfernt als Held gefeiert wird: Über diesen Widerspruch wundert sich niemand in El Salvador, das noch immer tief gespalten ist und wo sich jeder Gesprächspartner, auch der sanftmütigste, sofort auf die stramm rechte oder linke Seite zu schlagen scheint.
Latino-Roadmovie auf der Panamericana
Der Museumsleiter heißt Rolando Casseres, aber er möchte nach seinem Kampfnamen Mario genannt werden, auch wenn er nicht mehr so jung und langhaarig aussieht wie auf den Fotos aus dem Krieg, die er uns auf seinem Laptop zeigt. Mit Tausenden von Bildern, gefilmten Kampfszenen und ein paar hundert gespendeten Dollars baute er das Museum auf, nur wenige Monate nach dem Friedensschluss. Während sich Mario auf einer Holzbank sitzend durch die Aufnahmen klickt, erzählt er vom brüchigen Frieden, von korrupten Politikern, von der Nachkriegszeit, in der El Salvador immer noch gefangen ist. Immerhin aber kommen seit neuestem nicht nur Touristen, sondern auch Schüler und Studenten aus dem ganzen Land in sein Museum und erfahren Dinge über die Vergangenheit, die sie in der Schule nie zu hören bekommen. Das ist zumindest ein Hoffnungsschimmer.
Der Weg in die Hauptstadt San Salvador führt auf der Panamericana durch wildwuchernde tropische Landschaften voller Vulkane und grünblauer Seen. Mütterchen verkaufen am Straßenrand frittierte Bananenscheiben in kleinen Plastikbeuteln, mit wild winkenden Jungen beladene Pick-ups überholen uns rechts und links, hagere Bauern ziehen mit ihren Eseln vorbei. Plötzlich springt eine schwarzmaskierte, mit Maschinengewehren bewaffnete Spezialeinheit der Armee hinter einer Böschung hervor. Ob sie hinter den Jugendbanden her ist, auf der Suche nach Drogenschmugglern, oder ob es vielleicht selbst Gangster sind - wir wissen es nicht und geben Gas. Und alle Eindrücke vermengen sich zu einem Latino-Roadmovie, das statt auf der Leinwand an den Seitenfenstern vorbeizieht und uns zugleich ergreift und erschreckt.
Jesusbilder, Wurstscheiben, Hängematten
Viel länger als ein Kinofilm dauert es auch nicht, bis wir über die dichtbefahrene Autopista Sur die Hauptstadt erreichen, die sich an die Hänge ihres mächtigen, glücklicherweise schlafenden Hausvulkans schmiegt. Auf dem Mittelstreifen, umzingelt von hupenden Vehikeln, kreuz und quer verknüpften Stromleitungen und kreischend bunten Kettenrestaurants, reihen sich steinerne Büsten aneinander: die Köpfe von Juan Manuel Rodríguez, José Matías Delgado und all den anderen "Libertadores", die El Salvador vor zweihundert Jahren in die Unabhängigkeit von der spanischen Kolonialmacht führten.
Auf dem großen Markt im Zentrum bieten Frauen in Stretchkleidern Jesusbilder, Wurstscheiben, Mangos und Hängematten an, Männer verscherbeln bergeweise Raubkopien, und die Leute flirten und feilschen, pfeifen, witzeln und schäkern, als ob es kein Morgen gäbe. Manche Händler schieben ihre Waren auf Schubkarren herum, so können sie schneller entwischen, wenn die Ordnungshüter anrücken. Seit kurzem versucht der Bürgermeister nämlich, die Innenstadt von den unkontrolliert wuchernden Marktständen zu reinigen und sie sauberer und sicherer zu machen. An einigen Stellen, etwa vor dem altehrwürdigen Teatro Nacional, funktioniert das schon ganz gut.
Bewaffnete Wachleute vorm Dessousladen
Trotzdem schlägt uns überall hämmernde Cumbia und scheppernde Merengue um die Ohren, wir verlieren die Orientierung, stolpern über die auf dem Gehweg aufgereihten Plastiksparschweine und Feuerzeuge und erinnern uns daran, dass man hier nach Einbruch der Dunkelheit auf keinen Fall alleine herumlaufen sollte. Besonders nicht in dem schäbigen Rotlichtviertel um die Ecke, in dem sich Frauen für zwei Dollar hergeben. Allerdings operieren die Gangmitglieder der berüchtigten Mara Salvatrucha eher in abgelegenen Vierteln, die man als Reisender nie besucht. In einen Kugelhagel zu geraten, ist äußerst unwahrscheinlich - aber dennoch realistischer als anderswo. Überhaupt die Waffen: Ob vor öffentlichen Gebäuden, Banken, Lebensmittelgeschäften und Dessousläden, überall stehen Wachleute mit Gewehr und grimmiger Miene. Und wir denken, es werde schon seinen Grund haben, dass sie so präsent sind.
Die Kathedrale verspricht Ruhe und ein wenig Frieden. Noch bis vor wenigen Wochen war ihr Portal mit naiven Mosaiken von Fernando Llort bedeckt, dem berühmtesten Künstler des Landes. Inzwischen ist das Kunstwerk, das als Hommage an die Friedensgespräche von 1992 entstanden war, entfernt worden, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion und nur fahrig erklärt von den Verantwortlichen des Bistums. Unten in der Kapelle ist es still, die Ruhe wirkt im ewig lauten El Salvador beinahe unnatürlich. Doch dies ist ein so ungewöhnlicher Ort, dass selbst die fabulierfreudigen Salvadoreños vor Ehrfurcht verstummen. Oscar Romero liegt hier begraben, der Erzbischof, der sich für politische Reformen eingesetzt und die Militärregierung scharf angegriffen hatte.
Der Massenmörder im Kreisverkehr
Am 24. März 1980 wurde er während einer Messe von Todesschwadronen erschossen. Dieser Mord war einer der Auslöser des Bürgerkrieges. Der Märtyrer Romero, der unaufhaltsam Gerechtigkeit predigte, hätte auch heute noch viel zu sagen, und tatsächlich begegnet man ihm überall. Seine leicht schiefen Gesichtszüge mit der Hornbrille prangen am Flughafen, auf Wandmalereien und selbst auf Brückenpfeilern, sie werden auf Kaffeetassen und T-Shirts gedruckt, und natürlich hängt ein Gemälde über der Grabstelle, an der ein älterer Mann betet und die bronzene Gruft dabei unaufhörlich streichelt und küsst. Auch wenn sich der Vatikan schwertut, Oscar Romero heiligzusprechen - dieser Mann zweifelt nicht an seiner Heiligkeit.
Doch auch die glamourösen Seiten San Salvadors lernen wir kennen, im Viertel Antiguo Cuscatlán nahe der Universität, heitere Straßenzüge, in denen die mittelamerikanische Trinität von Armut, Reichtum und Gewalt keinen Platz hat. Hier reiht sich ein Restaurant an das nächste, Kinder tollen umher, Musikfetzen und Düfte von mit Bohnen und Fleisch gefüllten Tortillas ziehen durch die offenen Fensterläden. Mit bloßen Fingern essen die Leute ihre Nationalspeise, was entweder unersättlich oder sinnlich wirkt - und manchmal auch beides zugleich. Auch für einen frischeröffneten Mormonen-Tempel ist hier Platz, der wie ein Walt-Disney-Filmpalast hellblau aus der Dunkelheit strahlt. Und in einem Kreisverkehr steht eine riesenhafte Stele zu Ehren von Roberto D'Aubuisson, der die Todesschüsse auf Erzbischof Oscar Romero befehligte und später die rechtsextreme Arena-Partei gründete. Auf Marmorplatten stehen, von Scheinwerfern angeleuchtet, ein paar persönliche Botschaften des Massenmörders, etwa "Patria si, comunismo no". Und wieder fragen wir uns mit brausendem Kopf, wie viele Realitäten in ein so kleines Land wie El Salvador hineinpassen.
Vierzehn Familien regieren das Land
Ein paar Autominuten weiter wachsen gigantische Shoppingmalls aus der nächtlichen Landschaft. Liebespärchen schleppen riesige Milkshakes, üppige Mädchen fotografieren sich vor leuchtenden Springbrunnen, und es sind weit und breit keine Waffen zu sehen, vermutlich weil die Videoüberwachung so effizient funktioniert. Hier kann man leicht vergessen, in Mittelamerika zu sein, gefühlt liegen Miami oder Madrid viel näher. Die Malls wurden in kürzester Zeit hochgezogen, und für die besonders geschmackvolle Gran Vía, die den Besuchern eine mediterrane Fußgängerzone vorgaukelt, wurde ein unter Umweltschutz stehendes Waldstück wegrasiert. Auch und gerade hier gilt, dass einem in El Salvador nichts Einhalt gebieten kann, wenn man Geld und Macht hat. Die Namen Dueñas, Regalado, Poma oder Siman fallen in Gesprächen immer wieder, jeder hier kennt die vierzehn Familien, die das Land eisern im Griff haben und die ihre Geschäfte mit Kaffee, Flugzeuglinien und Fernsehsendern machen oder eben mit dem Verschachern von Land und dem Bau von Einkaufscentern. Die Malls funktionieren bestens, denn gekauft und konsumiert wird mehr, als verdient wird. Denn wer keinen Job hat, kann meist dank der "remesas" einkaufen, der Geldsendungen der in die Vereinigten Staaten emigrierten Familienangehörigen, die heute siebzig Prozent der gesamten Deviseneinnahmen ausmachen.
Gleich neben den Shoppingmalls herrscht wieder finstere Nacht. Da wuchert das unkultivierte Gestrüpp stillgelegter Kaffeeplantagen, der Boden unendlich fruchtbar wegen des vulkanischen Gesteins, die Zukunft ungewiss. Aber da sich die Stadt immer höher auf den Vulkan hinaufhangelt und es nicht die Armen, sondern die Begüterten sind, die an den Berghängen siedeln, werden die Planierraupen wohl bald wieder auffahren.
Der leibhaftige Guerrillero
Nach den rauschhaften Nächten von San Salvador tut ein wenig Besinnung gut. Wir finden sie im kleinen Museo de la Palabra y la Imagen, dem Museum des Wortes und des Bildes, das die Kultur und Geschichte El Salvadors ganz unmartialisch präsentiert. Neben Indianern und Dichtern wird auch hier des Krieges gedacht, und ein kleiner Funkraum erinnert an Radio Venceremos, den Propaganda- und Aufklärungssender der Guerrilla.
Plötzlich eilen drei Amerikanerinnen mit grauen Kurzhaarfrisuren vorbei. Sie tragen Outdoorkleidung und studieren aufgekratzt die Guerrilla-Fotos. Schließlich finden sie, was sie gesucht haben, "there he is!", und zeigen auf einen dunkelhaarigen, bärtigen Beau. Es ist Carlos Henríquez Consalvi, Kampfname Santiago, der Initiator von Radio Venceremos und spätere Gründer des Museums. Als Santiago dann leibhaftig auf die Bildfläche tritt und sich als freundlicher, nachdenklicher Mann mit inzwischen schneeweißem Spitzbart präsentiert, überschlagen sich die Frauen fast und erzählen in flüssigem Spanisch, wie sie damals selbst bei der Guerrilla kämpften. Und während die Veteranen zusammenstehen und sich über Santiagos neueste Ausstellung unterhalten, in der es um die Gefahren der illegalen Emigration nach Nordamerika geht, erscheint uns ein letzter Zeuge von Krieg und Frieden.
Aus einer Hinterkammer taucht Lucio Vásquez auf, Kampfname Chiyo. Er lehnt sich an eine Vitrine und sieht dabei noch kleiner und jungenhafter als ohnehin schon aus. Er erzählt, wie seine Mutter, seine Schwestern, seine Brüder und viele seiner Onkel und Cousins getötet wurden. Wie er das Schießen mit Maiskolben nachspielte und bald selbst zur Waffe griff, um mit acht Jahren zum Guerrillero zu werden. Wie er damals Mann sein musste und dass er heute lieber ein großes Kind ist, das Gitarre und Fußball spielt und sich trotzdem die Mühe macht, ein Buch zu schreiben über das Leid und gegen das Vergessen. Zum Abschied küsst und umarmt Chiyo uns, als würden wir uns seit Ewigkeiten kennen, aber nie mehr wiedersehen. Und da endlich verstehen wir, warum die Menschen in El Salvador ihr Leben so viel heftiger leben als anderswo: Sie wissen, es könnte schnell zu Ende sein.
Anreise: Iberia Airlines fliegt viermal pro Woche über Madrid nach El Salvador. - Unterkunft: Das Hotel Arbol de Fuego (www.arboldefuego.com) gehört zu den ersten Ökohotels in El Salvador und liegt im sicheren Stadtteil Antiguo Cuscatlán von San Salvador; die Zimmerpreise beginnen bei 50 Dollar. - Friedensroute: Die Strecke führt durch den Osten des Landes von San Miguel nach Perquín. Informationen unter www.rutadepazelsalvador.com. Auskünfte über das Museo de la Palabra y la Imagen gibt es nur auf Spanisch unter www.museo.com.sv. - Arrangements: Rundreisen bieten unter anderen die Veranstalter Travel to nature (www.travel-to-nature.de), Tourismus Schiegg (www.lateinamerika.de) und America Andina (www.america-andina.de) an.