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Historische Bagdadbahn : Wer sich selbst und andere kennt

  • -Aktualisiert am

Touristen erwartet hier keiner, vielleicht geht es gerade deshalb in Iran zu freundlich zu: Am Bahnhof von Isfahan. Bild: Pia Volk

Straßenfestgewimmel und leere Landstriche: Auf einer Zugreise von Schiras nach Istanbul, durch Iran und die Türkei, begegnet man zwei Gesichtern des Orients.

          „Deutschland! Wie schön. Ich liebe Nietzsche!“, sagt das Mädchen, das ich gerade auf einem Straßenfest in Schiras kennengelernt habe. Es ist einer meiner letzten Tage in Iran. Vor mir steht ein Typ in einem Kostüm von Tweety, dem gelben Vogel, neben ihm ein Herr in knallbuntem Hemd, der sich einen Eselskopf vor den Bauch gehängt und einen falschen blonden Bart angeklebt hat. Ein Mann trommelt im Hintergrund, ein anderer spielt ein Saiteninstrument. Die Wesen singen und tanzen. „Tanzen in der Öffentlichkeit darf man eigentlich nicht“, sagt Naheed, der Nietzsche-Fan, „zumindest dürfen Menschen es nicht, aber das sind ja Tiere.“ Sie kichert. Ein Stück weiter malt eine Frau eine Wand an, Street Art im iranischen Stil, eine Künstlergruppe verkauft Steinmetzarbeiten. „Früher hätte es so ein Straßenfest nicht gegeben“, erklärt Naheed, „also, vor Rohani. Meine Eltern würden das lieben. Sie erzählen immer wieder von ganz früher, von der Zeit vor der Revolution.“

          In Iran, lerne ich, gibt es vier Zeiteinheiten. Das Persische Reich, vor der Revolution, Ahmadineschad und heute. Jede Zeit hat ihre eigenen Konstanten: Kriege, Freiheit, Glaube, Hoffnung. Durch jede dieser Zeiten bin ich gereist auf meinem Weg mit dem Zug durch halb Iran und die ganze Türkei: von Schiras bis nach Istanbul, rund 5000 Kilometer durch Raum und ja, irgendwie auch durch Zeit. Der Zug macht haltlos, weil er den Raum zwischen den Dingen so groß erscheinen lässt. Überall ist Weite, Leere, Abwesenheit. Durch das stete Vorbeiziehen der Landschaft gehen Bezugspunkte verloren, das Maß der Dinge kommt abhanden.

          Poetischer Patriotismus für den Vater aller Perser

          Das Persische Reich war eine Woche zuvor unser erster Stopp. In einer goldgelben, kargen Landschaft, einer Steinwüste, in der nicht mal eine Echse umherkriecht, steht ein kleines, aber massives Haus auf einem Podest aus ebenso massivem Stein. Einige behauene Felsen liegen noch in der Nähe, ein Turm ist zu erkennen, ein Wasserkanal, abgeschlagene Säulen, ein Portal, die Reste von dem, was mal ein Palast war. Es ist alles, was übriggeblieben ist von Pasargadae, der einst schönsten Stadt im Persischen Reich. Kyros II. hat sie errichten lassen, damals um 560 v. Chr. Seine Überreste liegen in dem kleinen Haus. Ein Mädchen umrundet es, dabei wirft es sich immer wieder auf den Boden, küsst ihn. „Ihre Hose wird ganz dreckig“, sagt eine Deutsche. Mit der goldumrandeten Sonnenbrille, dem knallroten Lippenstift und den silbernen Leggins sieht das Mädchen aus, als hätte man es von den Hipster-Straßen Berlins gepflückt und hier in die Wüste Irans verpflanzt. Sein Kopftuch hängt gerade noch so an seinem Zopf am Hinterkopf. Feiner weißer Staub hat sich auf seine Lippen gelegt. Warum tut es das?

          Achtung, hier könnten Sie Nietzsche-Liebhabern begegnen! Blick über Schiras, die iranische Studentenstadt.
          Achtung, hier könnten Sie Nietzsche-Liebhabern begegnen! Blick über Schiras, die iranische Studentenstadt. : Bild: Pia Volk

          „Kyros, das war der Vater aller Perser“, sagt das Mädchen neben mir voller Poesie und Pathos. Mein Reiseleiter übersetzt: „Ich liebe ihn!“ Sein Reich erstreckte sich von der Türkei über Ägypten bis nach Indien. Er eroberte und eroberte und eroberte. Vor Kyros waren die Perser ein kleines Völkchen, danach eine Weltmacht. Eigentlich tat er nichts anderes als verprügeln und verprügelt werden. Das Besondere an Kyros aber ist, was er danach tat. Keines der eroberten Völker musste persische Bräuche annehmen, ja nicht mal die Sprache lernen. „Wir sind eine Familie, er hat uns zusammengeführt“, spricht sie weiter, „und er hatte so ein großes Herz.“ Ihre Arme fahren dabei durch die Luft als wolle sie das Ganze auf Persisch in den Himmel schreiben. Poetischer Patriotismus – würde je einer so über Kaiser Wilhelm I. oder Helmut Kohl sprechen?

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