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Mit Kindern in London : Ab unter die Themse!

Das London Eye mit dem Big Ben im Hintergrund Bild: AP

Mit dem Flug- und dem Amphibienfahrzeug, an Seglern vorbei, dann unter den Fluss: Wo könnte man die kindliche Entdeckungslust besser stillen als in London? Eine Vater-und-Sohn-Reise in die britische Hauptstadt.

          Wo wir herkommen, möchte der freundliche Conférencier wissen, als wir einsteigen - ach, aus Deutschland? Da müsse er sich wohl schon vorab für die letzte Station unseres Ausflugs entschuldigen. Dabei gehe es nämlich um den Zweiten Weltkrieg, sagt er. Dann rollen wir los.

          Muss ich das unserem Sohn übersetzen? Wir sind zusammen in London unterwegs, eine Reise zu zweit, bevor der Sechsjährige eingeschult werden wird, und das Englisch, das er in der Kindergarten-AG gelernt hat, reicht nicht sehr weit. Jetzt sitzen wir in der Nähe der Waterloo Station in einem gelben Amphibienfahrzeug namens „Titanic“, über uns sind die Rettungswesten verstaut, und bald fahren wir äußerst gemächlich durch den Nachmittagsverkehr, bis wir auf einer Art Rampe stehen, die zum Ufer der Themse führt. Das Fahrzeug nimmt Wasser als zusätzlichen Ballast auf, damit es stabiler in den Wellen liegt, und als wir endlich langsam in den Fluss fahren, als wir uns ein Stück vom Ufer entfernen und mit der Strömung Richtung Nordsee treiben, ist auch der Sohn zufrieden.

          Fußgängertunnel unter der Themse Bilderstrecke
          Fußgängertunnel unter der Themse :

          Er winkt den Fischern auf der kleinen Landzunge, schaut in die Röhren, aus denen matt die längst mit Straßen überbauten alten Bäche fließen, besieht sich die Frontseite der Houses of Parliament und flüstert mir zu, ob wir nicht ein bisschen schneller fahren könnten, weil uns gerade ein Ausflugsboot überholt habe.

          „So viele Brücken!“

          Das Wasser schillert grün, ich muss an die Romane von Charles Dickens denken und an die Szene mit den Themsefischern, die es auf Treibgut und gutbetuchte Leichen abgesehen haben, die sie mit langen Stangen an Land ziehen. Ob es im Fluss noch Fische gibt, frage ich, und der Conférencier sagt, falls ja, würde er sie jedenfalls nicht essen.

          Unterdessen steuert der Kapitän das Boot wieder ans Ufer und rollt auf die Straße, wir landen schließlich in der Nähe des Riesenrads London Eye, dann sind wir in einer der Gondeln und sehen uns das Ganze von oben an. So viele Brücken!, sagt unser Sohn und fragt, was wir als Nächstes machen. Essen will er jedenfalls erst mal nichts.

          Der Flug hierher war sein erster. Der Vorteil, wenn man mit einem Kind fliegt, liegt auf der Hand, etwa wenn man sofort aus der Schlange gewunken wird. Andererseits macht die lange Wartezeit vor dem Abflug auch das gutwilligste Kind rebellisch. Seine Achtung vor Uniformen schwand bei der dritten Kontrolle, und als er beim Starten auf dem Sitz auf- und abhüpfte, um zu sehen, was passiert, war ich froh, dass gerade ein anderes Kind gegen meine Lehne trat. Ich erklärte, dass draußen auf der anderen Maschine kein Rabe, sondern ein Kranich abgebildet sei, und was ein Kranich ist, erklärte ich auch. Nur auf die Frage, ob kleinere Flugzeuge höher fliegen könnten als große, wusste ich keine Antwort.

          Ein Spaziergang auf dem Queen's Walk

          In Theodor Storms Novelle „Der kleine Häwelmann“ gibt es einen Jungen, der nachts in seinem Rollwagen nicht schlafen kann und, wahrscheinlich weil seine müden Eltern schon außer Gefecht sind, den Mond tyrannisiert, damit der ihn auf seinen Strahlen durch die Welt fahren lässt - leuchte, alter Mond, leuchte! Von der Welt will auch unser Sohn etwas sehen, jetzt und hier, und deshalb laufen wir weiter am Südufer der Themse auf dem Queen’s Walk, einem der schönsten Wege durch London überhaupt: links der Fluss mit den Gebäuden der City, rechts das wiederaufgebaute Globe Theatre, das an Shakespeare erinnert und das ich gern endlich mal besuchen würde, was aber jetzt nicht geht, weil wir ja weiterwollen, und vor uns der enge Pfad, auf dem wir bis zum Schiffsanleger von Bankside laufen.

          Wir besteigen ein Linienschiff, das uns themseabwärts bis Canary Wharf bringt, und während es eigentlich an mir wäre, Ruhe zu verbreiten, schließlich ist der Fluss breit und wird immer breiter, spüre ich jede Welle. Das Kind, gesegnet mit einem gusseisernen Magen, schaut aus dem Fenster. Vor uns öffnet sich die Tower Bridge, weil ein hochmastiges Segelschiff vorbeiwill. Er ist beeindruckt. Und er will mehr.

          Im schicken Bahnhof von Canary Wharf nehmen wir die U-Bahn, steigen bei der Station Island Gardens vor einem kleinen Park aus und laufen bis zu einem Häuschen mit Glaskuppel. Da drüben, zeige ich über den Fluss, da wollen wir hin. Unser Sohn schaut interessiert erst zum Südufer der Themse, dann mich an. Weil er so gar nicht nachfragen will, nehme ich ihn an die Hand. Du brauchst keine Angst zu haben, sage ich, dann steigen wir im Häuschen eine enge Treppe hinunter, bis wir am Anfang eines Tunnels stehen.

          Auf dem Heimweg meist oberirdisch unterwegs

          Unter dem Fluss durch?, fragt unser Sohn und mustert die feuchten, gefliesten Wände. Das hält schon, beruhige ich uns. Aber es ist schön, in Greenwich aus dem zweiten Treppenhäuschen wieder auszusteigen und durch die helle Anlage bis zum Trockendock der „Cutty Sark“ zu laufen. Das ist jetzt die letzte Attraktion für heute, sage ich mir, bezahle unseren Eintritt, Postkarten und eine Gedenkmünze aus Messing, dann folge ich dem Jungen durch die Ausstellung unter Deck und zu den Masten. Wir begegnen einem Geist, der uns die Zunge herausstreckt, und einem alten Kapitän, fühlen die Taue und die Reling unter unseren Händen. Dass das ohne Schwanken und Stampfen abgeht, ist ein Segen.

          Wo mündet der Fluss eigentlich ins Meer?, fragt unser Sohn. Lass uns mal zurückfahren, bitte ich ihn. Auf dem Heimweg sind wir meist oberirdisch unterwegs, manchmal sogar hoch genug, dass wir auf die Dächer kleiner Häuser schauen. Es ist Nachmittag, ein Schiff wäre vielleicht noch drin, denke ich, und dass ich unserem Sohn noch gar nicht den schönsten Spielplatz von allen gezeigt habe. Also steigen wir in Kensington Gardens aus und laufen in den Park. Während das Kind selig das Kletterschiff mit dem hart umkämpften Mastkorb auf dem „Diana, Princess of Wales Memorial Playground“ erkundet, frage ich mich, was ich bloß mache, wenn er davon genug hat. Doch dann kommt ein müder Sechsjähriger angeschlurft und möchte endlich nach Hause fahren.

          Der Weg nach London

          Anreise: Von Deutschland nach London fliegen zum Beispiel Lufthansa und British Airways ab 150 Euro.

          Für das London Eye empfiehlt sich die Buchung vorab (www.londoneye.com), bei der man sich auf einen bestimmten Zeitraum für den Besuch festlegt. Erwachsene und Kinder über vier Jahre zahlen hier 29,50 Pfund.

          Auch die Fahrt mit dem Amphibienfahrzeug von London Duck Tours sollte man besser vorab buchen (www.londonducktours.co.uk). Die Fahrt kostet 24 Pfund für Erwachsene und 16 Pfund für Kinder.

          Diese Reise wurde unterstützt von VisitBritain.

          Quelle: F.A.S.

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