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Eine Liebeserklärung : Und versinkt im Meer

Und immer immer wieder geht die Sonne unter Bild: Simone Maaßen-Krupke

Wir hocken da, frisch geduscht, und glotzen. Mal mit Sonnenbrille, mal ohne, denn kein Tag ist gleich. Und auch wer schon drei- bis vierhundert Sonnenuntergänge fotografiert hat, muss immer wieder mit der Kamera draufhalten.

          Wenn man es genau nimmt, ist die Sache in drei bis vier Minuten gelaufen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die Länge eines Popsongs. So lange braucht die Sonne in Mitteleuropa, um ihren Untergang zu bewerkstelligen. Drei bis vier Minuten, wie es in der Wikipedia mit hölzernem Charme heißt, „vom ersten Kontakt der Sonnenscheibe mit dem Horizont zu ihrem vollständigen Verschwinden unter diesen“.

          Immer wieder: Draufhalten!

          Vierzehn Tage im Jahr sehen wir uns dieses Schauspiel täglich an einem der schönsten Punkte Spaniens an. Dieses Jahr war das zehnte Mal. Es sieht immer wieder anders aus, aber das müssen Romantiker wohl sagen. Wir hocken da, frisch geduscht, und glotzen. Mal mit Sonnenbrille, mal ohne, denn kein Tag ist gleich. Und auch wer schon drei- bis vierhundert Sonnenuntergänge fotografiert hat, muss immer wieder mit der Kamera draufhalten. Weil sie oft ergreifend sind, überraschend, immer anders und ewig neu. Man will nichts verpassen! Weil sie uns an beides erinnern, die Schönheit und die Vergänglichkeit. An den warmen Tag – und das Dunkel der kommenden Nacht.

          Das letzte Licht des Sommertages
          Das letzte Licht des Sommertages : Bild: Simone Maaßen-Krupke

          Weit westlich von der verbauten Küste bei Málaga, der Costa del Sol, liegt die Costa de la Luz. Der Unterschied zwischen Mittelmeer und Atlantik klingt schon im Namen an. Nicht die Sonne (sol) ist hier das Wichtige, sondern das Licht (luz). Nicht die ganzjährige Wärme für die müden Knochen deutscher und britischer Rentner, sondern das etwas rauhere Spiel der Gezeiten, von Wind, Wolken und überirdischem Flirren.

          Am Rande des Kontinents

          Die Trennlinie ist natürlich die Meerenge von Gibraltar. Ist man darüber hinaus und fährt an der Küste der Abendsonne entgegen, werden die Strände leerer, die Touristen weniger und die Dinge etwas naturbelassener. An klaren Tagen kann man am Aussichtspunkt „El Estrecho“ nach Marokko hinüberschauen und fast die Risse im Putz der Häuser von Tanger erkennen.

          Unser Strand beginnt gut fünfzig Kilometer jenseits des Surferparadieses Tarifa, am Leuchtturm beim Kap von Trafalgar, und zieht sich über ziemlich genau zehn Kilometer nach Nordwesten, Richtung Portugal. Wo wir sind, zwischen Caños de Meca und El Palmar, in einem winzigen Ort namens Zahora, kann man den Sonnenuntergang verfolgen, als setzte man sich frontal vor den Fernseher. Aber das ist nicht alles. Unser Strand hat immer ein eigenes Gesicht. Bei Flut rücken wir auf dem schmalen Streifen Sand ein bisschen zusammen; bei Ebbe bilden die vorgelagerten Felsen einen natürlichen Pool, in dem das knietiefe Atlantikwasser steht.

          Der Sonne eine Bühne

          Während diese Zeilen geschrieben werden, sieht die Lage in Zahora ungefähr so aus: Sonnenaufgang: 7:30 Uhr. Sonnenuntergang: 21:30 Uhr. Macht vierzehn Stunden Sonne. Zwei davon täglich – und es müssen nicht einmal die heißesten des Tages sein –, und man bekommt alle Ferienbräune, die man sich wünschen kann. In meinem Fall waren das die Stunden von 17:30 bis 20 Uhr. Die tiefer stehende Sonne malt mit wärmeren Farben, und im Chiringuito von Juan, der mal als Strandbude begonnen hat, aber längst zu einem voll ausgerüsteten Restaurant mit Rooftop Bar aufgestiegen ist, gibt’s den Mojito zur Happy Hour für 3,50 Euro.

          Ansonsten ist das Wesentliche über diesen Küstenstrich schnell erzählt. Dass er mutmaßlich das beste Sommerklima von ganz Spanien hat, weil man auf helle Tage zählen kann, aber nicht systematisch gebraten wird. Dass es nachts abkühlt. Dass selbst am wärmsten Nachmittag eine Brise geht, die zum Schläfchen in der Hängematte einlädt; und dass alles noch ein bisschen an die ziemlich zurückgelehnte Hippie-Hochburg erinnert, die diese Gegend vor Jahrzehnten mal war, mit Ständen für Kunsthandwerk, viel Ruhe und vereinzelten Marihuana-Schwaden aus der Richtung dauergebräunter Endfünfziger.

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