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Portugal : Wir nannten ihn Boomer

Bild: Sylvia Neuner

Eine Hommage an das schäbigste Wohnmobil aller Zeiten – und eine Outdoor-Woche in Portugal, die notwendig war, um es auszuhalten

          Mittlerweile haben wir Boomer liebgewonnen. Mit seinem treuherzigen Blick, seinem röhrenden Bellen und seinem, wohlwollend gesagt, ungepflegten Äußeren hat sich dieser räudige Bastard irgendwie in unsere Herzen geschlichen. Das muss in einem schwachen Moment der Unachtsamkeit geschehen sein, den wir nicht mehr rekonstruieren können. Boomer ist unser Wohnmobil, ein Iveco 35-10, Baujahr 1994. Wie er es geschafft hat, sich in zweiundzwanzig Jahren dermaßen runterzurocken, ist sein Geheimnis.

          Andreas Lesti

          Freier Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vor zwei Tagen hatte ihn uns ein scheinfreundlicher deutscher Vermieter am Flughafen von Faro übergeben. Im Zwielicht des Parkplatzes wirkte das Fahrzeug – aus schon eine Stunde später nicht mehr nachvollziehbaren Gründen – ganz solide. Alt, aber solide. Der Deutsche muss irgendeinen Trick angewandt haben, so wie Immobilienmakler, die Wohnungsbesichtigungen in kurzen Flugpausen ansetzen, während deren keine Passagierjets durchs Schlafzimmer zu donnern scheinen. Jedenfalls: Wir packten unsere Surfbretter auf das drei Meter hohe Dach und befestigten sie mit zwei Riemen, die wie bei einem großen Geschenk zweimal um das ganze Fahrzeug reichten. Es fehlte nur die große Schleife obendrauf. Weder die Kletterei aufs Dach – über die Windschutzscheibe und den Fahrradträger am Heck – noch das Zurren der Riemen schien den Vermieter oder Boomer zu stören. Das hätte uns skeptisch machen sollen.

          Hat es aber nicht. Und so demonstrierte uns Boomer auf der Fahrt von Faro nach Sagres einen ersten kleinen, aber doch unmissverständlichen Ausschnitt seines Mängelrepertoires und machte uns klar, worauf wir uns eingelassen hatten. Der Kühlschrank wollte nicht kühlen, die Deckenbeleuchtung nicht leuchten, der Scheibenwischer nicht wischen. Dafür wollten die Drehsitze drehen, oder besser gesagt: überdrehen. Die Arretierungen sowohl des Fahrer- als auch des Beifahrersitzes waren so ausgeschlagen, dass sie nichts mehr hielten. Wir drehten uns also in jeder Kurve, wie in einem Fahrgeschäft auf dem Rummel, lustig nach links und rechts. Sicherheitsgurte, die uns gehalten hätten, gab es nicht. Schon bald warnte der Fahrer vor jedem Kreisverkehr die anderen mit einem lauten „Festhalten!“.

          Der Sound einer startenden Mi-8

          Und dann wären da noch die Schubladen, in denen das Geschirr verstaut war. Wir öffneten sie am ersten Abend, der Inhalt erinnerte uns an die unterste Schicht im Innern einer Damenhandtasche, wohlwissend, dass dieser Vergleich eine Beleidigung für jede unterste Schicht im Innern einer Damenhandtasche ist: eine schmierige Masse aus Besteck, Zündhölzern und Plastiktassen, die im Gedächtnis verklebte, auch nachdem die Schublade wieder zu war. Und eine Woche lang zu blieb.

          Wer am Steuer saß, fühlte sich augenblicklich wie ein ukrainischer Lastwagenfahrer. Das Lenkrad hatte ein Spiel von knapp zehn Zentimeter auf jeder Seite, ohne dass sich irgendwas tat. Die Schaltung fühlte sich an wie das Rühren in einem riesigen Suppentopf. Der erste Gang lag irgendwo hinten links, den zweiten, irgendwo vorne links, zu treffen war ein großes Glück. Oft landete man im vierten und schaltete dann zurück in den dritten, in der Hoffnung, nicht wieder im ersten zu landen.

          Auf der Autobahn nach Faro drückten wir das Gaspedal ganz durch, durchbrachen die Grenze von 100 Stundenkilometern, drückten weiter, 110, weiter, 120, und als es dann leicht bergab ging, sogar unfassbare 130. Das Geräusch, das Boomer von sich gab, war das einer startenden Mi-8, des russischen Hubschrauber-Ungetüms, das man aus Krisengebieten kennt. Wir verstanden kein Wort mehr, aber das war auch bei Tempo 30 schon so, und beschlossen, uns im nächsten Baumarkt Ohrenschoner zu besorgen. Wir entschieden dann aber, dass das Bild, das wir abgaben, schon extravagant genug war.

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