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Santiago de Compostela : Die Farben des Lebens und des Todes

Kunst am Friedhof: Jorge Barbi hat für sein Werk „Intervención en el cementerio de Bonaval“ mit Farben experimentiert. Bild: Archiv

Santiago im Nordwesten Spaniens ist nicht nur die Stadt des Maurentöters, sondern auch des Pazifisten Franz von Assisi. Er soll vor achthundert Jahren hier gewesen sein - und wird jetzt mit einer wunderbaren Ausstellung geehrt.

          Kaum bin ich angekommen in dieser vielleicht schönsten aller spanischen Städte - man darf streiten, und ein Schiedsgericht gibt es natürlich nicht -, umfängt mich die Aura von Santiago de Compostela, einem Ort, der so sehr mit seinem Heiligen verbunden ist wie keine andere Stadt des Landes. Diesmal versuche ich es zu orten. Was kommt von außen, was von innen, was kommt aus der Luft? Von außen: die malerischen Gassen der Altstadt mit ihren ehrfurchtgebietenden Granitblöcken, den grauen, wind- und wettergepeitschten Fassaden, die von Flechten überzogen sind wie mit einem Panzer, als wollten sie sagen: Wir halten alles aus, zieh deine Stärke aus uns! Von innen: die Erwartung, in Santiago immer etwas Besonderes zu erleben und sich in den Kirchen und Konventen, auf Plätzen und Steintreppen verlieren zu können, als spielte Zeit keine Rolle. Aus der Luft: die einzigartige Atmosphäre einer Stadt, die seit mehr als tausend Jahren ungerührt Ankunft und Aufbruch über sich ergehen lässt, Ächzen, Lachen, Erleichterung und Stolz über die gelaufenen Kilometer der Pilgerreise.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Vor der Kathedrale höre ich die Worte einer älteren Amerikanerin, die sich erschöpft und mit gerötetem Kopf auf ihren Wanderstock stützt und zu einer Gefährtin sagt: Ja, es sei hart gewesen, die Füße schmerzten wieder, doch sie habe es geschafft, sie wisse selbst nicht, wie. Zum Lohn ist der Tag heiß, aber auch das wird nicht so bleiben. Am frühen Abend zieht Kühle um die Gemäuer, und die Nächte sind frisch. Eine Ecke weiter, auf der Praza da Quintana an der Ostseite der Kathedrale, baut ein Jazztrio seine Instrumente auf. Gleich wird es in Konkurrenz treten zu zwei, drei anderen Musikdarbietungen. Jugendliche lassen sich nieder und schwatzen. Alle scheinen darum zu wetteifern, Fröhlichkeit zu verbreiten. Wieder zwei Ecken weiter befindet sich die „Günstige Küche“, vor deren Treppe sich eine Schlange bildet: kostenloses Essen für Santiagos Arme, zu denen auch Menschen gehören, die man früher als Mittelklasse bezeichnete.

          Mitten hinein ins Archiv der Herzen

          „On the Road“ steht auf einem großen Plakat neben der Kathedrale. Das könnte für alle gelten, die Pilger, den Besucher, jeden Menschen auf der Lebensreise. Doch hier wird eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst angekündigt, die sich um Franz von Assisi dreht - nicht devot und mit Verehrungsabsicht, sondern als Assoziationsspiel mit den Ideen des Heiligen. Vor genau achthundert Jahren soll der „poverello“ nach Santiago de Compostela gekommen sein - dokumentarisch ist der Aufenthalt nicht belegt -, und seitdem gesellt sich zu dem kriegerischen Image des ehemals als „Maurentöter“ verehrten heiligen Jakob der pazifistische, vom Armuts- und Naturgedanken beherrschte Heilige aus Italien. Die Freundschaft erstreckt sich auch auf die Städte Assisi und Santiago.

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