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Ein Heim für William und Kate Kann man in diesen Mauern froh werden?

 ·  Der Kensington Palace in London ist der Schicksalsort des Königshauses. Jetzt ist er umgestaltet worden und lässt die Besucher an Glück und Tragik der Monarchen teilhaben.

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© Michael Bengel Der Kensington Palace ist kein Kinderparadies. Die englischen Thronfolger werden dennoch das Beste daraus machen müssen, wenn sie im nächsten Jahr hier einziehen.

Ein Kinderparadies sehe anders aus als dieser steingewordene Triumph des Rechtecks aus dunkelroten Ziegeln. Doch seit es amtlich ist, dass der Duke und die Duchess of Cambridge, geläufiger als William und Kate, im nächsten Jahr im Kensington Palace Wohnung nehmen werden, hat die Bemerkung des Diana-Biographen Andrew Morten von 1992 wieder Konjunktur. In diesen Korridoren, in diesen Innengärten, sogar auf diesem Dach haben William und Harry als Kinder gespielt. Kinder ist ohnehin das Leitmotiv des Palastes, denn die vormals bürgerliche Kate soll sich ja keinem Missverständnis hingeben: Was man hier von ihr erwartet, ist eine Auffrischung des royalen Blutes.

Dabei werden William und Kate nur zwei Bewohner unter etlichen verdienten Royals sein, auch wenn ihr Apartment unter den zehn derzeit genutzten nicht zufällig als Nummer „1A“ gelistet ist: vier Stockwerke mit zwanzig Zimmern und eigenem Garten, vom gewöhnlichen Besucher vollständig abgeschirmt. Auch der Duke und die Duchess of Gloucester, auch Prince and Princess Michael of Kent und andere sind hier gemeldet. Eine Rückkehr in die alten Kinderzimmer wird der Umzug für den Prinzen indes nicht bedeuten: William und Kate werden weitab von Dianas alten Wohngemächern leben, in dem Trakt seiner Großtante Margaret, der seit ihrem Tod 2002 gelüftet worden ist.

Eine stolze Reihe toter Royals

Doch vor allem ist der Kensington-Palast mit einer stolzen Reihe toter Royals verbunden. Mit Diana selbstverständlich, für die auch heute vor dem Tor noch gelbe Rosen liegen und ein rotes Grablicht flimmert. Hier wartete sie im Sarg in der Nacht vor ihrer Beisetzung. Doch weitaus mehr noch ist dies der Palast Victorias, „Ihrer Majestät Victoria, durch Gottes Gnade Königin des Vereinigten Königsreichs von Großbritannien und Irland, Verteidigerin des Glaubens, Kaiserin von Indien“. Hier wurde sie geboren und getauft, 1819, Tochter des Herzogs von Kent, hier traf sie 1836 erstmals ihren Liebsten, Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, hier wurde sie im Jahr darauf, am 20. Juni, gerade achtzehn Jahre alt, geweckt mit der Eröffnung, dass ihr Onkel tot sei - und sie von nun an Königin des Empire.

Auch wenn sie daraufhin gleich in den Buckingham-Palast hinüberwechselte: sie rettete den Kensington-Palast vor dem Verfall, und zwei Jahre nach ihrem diamantenen Kronjubiläum öffnete sie erstmals einige Räume des Palastes für die Öffentlichkeit. Da war es eine schöne Überlegung, dass nun, zum zweiten diamantenen Jubiläum eines englischen Herrschers überhaupt, die offensichtlichen Bezüge zwischen beiden Feiertagen der Krone herausgestrichen werden sollen. Dies umso mehr, als beide, Victoria und Elizabeth II., sich ähnlich große Verdienste um die Monarchie erworben haben: Victoria stellte den alten Respekt wieder her, den die letzten Hannoveraner, vor allem der Hallodri George IV., verspielt hatten; und auch Elizabeth hat in einer knochenharten, sechzigjährigen Dienstzeit die Monarchie durch alle leichtfertigen Anfechtungen der Gegenwart gesteuert, selbst durch die selbstgeschaffenen Probleme im Umgang mit der Schwiegertochter.

Der Duft von Zigarren und Gewehröl

Was Victoria einst begonnen hatte, wird in diesem Jahr zum erklärten Programm: „A Palace for everyone!“ Betrat der gemeine Besucher den Palast, den die Queen persönlich vor kurzem eröffnet hat, bislang durch eine Art Hintereingang und von Norden her, so haben die Kuratoren nun gewissermaßen den Palast auf seine historische Ostachse ausgerichtet, die ein Gartenplan von 1736 zeigt. Sie haben die georgianische Fassendenerweiterung an der Ostseite um eine grüne Loggia aus ornamentalem Eisenguss bereichert, die jeder ohne weitere Beschilderung als Zugang begreift. Jetzt reicht die Sichtachse vom neuen Eingang, der per Widmungsschrift das diamantene Jubiläum und damit die Königin würdigt, über das Marmordenkmal ihrer Ururgroßmutter durch die freigelegten Gärten nach London hinein. „Wir mussten dafür Zäune, Büsche und sechzig Bäume entfernen“, sagt der Palastgärtner Todd Longstatff-Gowan. Kaum zu erahnen sind die Erdbewegungen: Der Niveauunterschied zwischen Denkmals- und Gebäudesockel, der bislang das Haus in einem quasinatürlichen Souterrain liegen ließ, wurde in eine sanfte Geländeterrasse verwandelt, die jedem Parkbesucher zur Einladung wird: Tritt ein und lerne zu begreifen, was dir die Krone wert ist!

Herzog Carl Gregor zu Mecklenburg, ein Deutscher, hat einmal versucht, in einem ganzen Buch mit dem Titel „Erlebnis der Landschaft und adliges Landleben“ zu bestimmen, was den Geist eines Hauses bestimmt. Er kam kaum über einen Zirkelschluss hinaus: „Der Geist einer Familie ist das Produkt von Erbanlagen, bestimmten Eheverbindungen, pädagogischen Grundlinien, eines konstanten Milieus und der Pflege bestimmter Veranlagungen, die wiederum insgesamt den Geist eines Hauses prägen.“ Und es geht beim Haus nicht einfach nur um die Mauern. Der Herzog bemüht die Gesamtheit der Sinneswahrnehmungen, den Duft von Naphtalin, Zigarren, ledernen Tapeten, Holzwachs und Gewehröl.

Von der Teekännchenkönigin zum Tantenhaufen

In Kensington Palace allerdings ist mit der Nase von den Häusern Stuart, Hanover und Windsor nur wenig zu verspüren. Hier macht man sich ein Bild durch das Bewusstsein dessen, was in diesen Mauern geschehen ist - von Haupt- und Staatsaktionen über Kabalen und Lieben bis zu enttäuschten Hoffnungen und schwärzestem Geschick. Da ist, in einer Nische der Geschichte, Queen Anne, Nachfolgerin der beiden Begründer des Hauses, das sie gebraucht übernahmen, William III. und Mary II. Beide waren hier gestorben, sie an Pocken, er nach einem Sturz vom Pferd im Garten von Hampton Court Palace. Es ist ein Haus der Toten. Anne ist heute allenfalls bekannt durch ein bestimmtes klassizistisches Muster silberner Teekännchen, das nach ihr benannt ist, das sogenannte Queen Anne Pattern. Sie durchlebte siebzehn Schwangerschaften mit zwölf Totgeburten, von den fünf Lebendgeborenen schaffte nur der kleine William die ersten Jahre - hier, in diesem Haus.

Die Vertikalachse des Hauses im Untergeschoss, gleich zwischen Souvenirshop und Kasse, ist von den Restauratoren durch ein gewaltiges Netz umfangen worden, für dessen Maschen man sich von der „Royal Ceremonial Dress Collection“ hat inspirieren lassen, die hier zu Hause ist. Nun durchfährt unablässig ein Lichtgewitter aus bläulichen Blitzen den Raum und deutet so Entwicklungslinien an, die als Netz den Geist des Hauses prägen. Stiche an den Wänden weisen auf die Ausstellungen hin, die barocken Prunkgemächern ebenso gewidmet sind wie den „Modern Royals“ im königlichen Wohnheim, das Edward VIII. rüde als „Tantenhaufen“ bezeichnet hatte. Seine Duchesse of Windsor, Wallis Simpson, hätte sich nach seinem Tod in diesem Haufen sicher gut gemacht. Und hier findet, wer sie sucht, auch fünf Kleider von Diana und eine Wandtapete mit ihren bekanntesten Blicken und Posen.

Der kleine Duke tanzt sich zu Tode

Die Anfänge des Hauses und der letzten Stuarts sind einfallsreich erzählt. Da gibt es Schiffmasten, Buddelschiffe und Kofferdeckel, die per Scherenschnitt die Geschichte Revue passieren lassen. Besonders rührend wird Victorias Geschick geschildert. In diesen Mauern wuchs sie auf als eine Geisel der Überbemutterung. Auf dieser Treppe, über die wir steigen, traf sie, noch mit sechzehn Jahren, Albert, von dem sie sagte: „He has a beautiful nose and a very sweet mouth with fine teeth.“ In diesem Red Saloon besprach sie sich als frische Queen mit zweihundert erfahrenen Beratern, Männern allesamt, stilvoll in Trauer gewandet, denn noch war William IV. nicht einmal unter der Erde. Noch als Herrscherin des Empires war sie zugleich der Backfisch in der ersten Liebe. Die Kleider, die sie damals trug und die jetzt aufgeputzt in der Vitrine stehen, lassen ihre Zierlichkeit erkennen. Und dann der Raum, der ganz in schwarzen Faltenwurf gekleidet ist: In einer kleinen Vitrinen Walter Scotts „Peveril of the Peak“, ein Bürgerkriegsroman, aus dem sie ihrem Gatten vorgelesen hat bis an das Lesezeichen, als er starb. Es war der 14. Dezember 1861, und sie schrieb: „My life as a happy one is ended!“ Da war sie 42 Jahre alt und hatte noch vierzig zu leben, von nun an in Schwarz.

Dem ungleich schwereren Geschick Queen Annes kommt in den Königlichen Staatsgemächern Marys nur der Zeichentrickfilm bei: Auf eine Art von Bettenhimmel projiziert, sehen wir den kleinen wasserköpfigen William, ihr einzig überlebendes Kind, wachsen und zum Duke of Gloucester werden, die letzte Hoffnung seiner Mutter und der Stuarts - vom dänischen Vater geprügelt, weil er zurückgeblieben ist, vom Onkel und König mit sieben zum Träger des Hosenbandordens erklärt, weil er ein Kämpfer werden soll. Bei der Feier seines elften Geburtstags in Windsor Castle tanzt der kleine Gloucester sich zu Tode und stirbt sechs Tage später. Weiß Gott, ein Kinderparadies sieht anders aus.

Information: Der Kensington Palace ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 14,50 Pfund. Weitere Auskünfte unter www.hrp.org.uk.

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