24.03.2010 · Nach der Krise wird es in der Economyclass noch enger. Auch Geschäftsreisende müssen sparen. Da hilft nur noch eins: Gymnastik. Die soll die Thrombosegefahr verringern und vielleicht auch über zu enge Sitzreihen hinwegtäuschen.
Von Andreas LestiLangstreckenflüge führen über Ozeane und Kontinente und dauern oft zehn Stunden und mehr, während der man nicht viel mehr macht als sitzen, essen, lesen, fernsehen, schlafen, sitzen . . . eingeengt zwischen Sitznachbar, Rückenlehne und einem in die Knie drückenden Vordersitz. Das ist nicht unbedingt gesund, und deswegen haben einige Fluglinien sogenannte „Inflight Aerobics“ entwickelt, gymnastische Übungen, die Passagiere in zweistündigen Abständen wiederholen sollen und die entweder per Video gezeigt werden oder in den Bordmagazinen abgebildet und erklärt sind.
Die verschiedenen Übungen, die Fluglinien wie ANA, Continental, Lufthansa und Singapore Airlines auf ihren Langstreckenflügen empfehlen, sollen die Durchblutung anregen und die Thrombosegefahr verringern, die Muskeln lockern, das Wohlempfinden steigern und vielleicht auch über zu enge Sitzreihen hinwegtäuschen.
Für Sitzabstände in Zivilflugzeugen gibt es - entgegen der Pläne der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) - noch immer keine einheitlichen Regelungen. Die EASA hatte im letzten Jahr eine Studie in Auftrag gegeben, die eine Verbindung zwischen Sitzabständen und Thrombosegefahr belegen sollte. Doch weil die Ergebnisse „uneindeutig“ waren, wie ein Sprecher mitteilte, lautet die einzige Vorgabe nach wie vor: Ein Flugzeug muss innerhalb von neunzig Sekunden evakuiert werden können. Und was das für die Sitzabstände bedeutet, liegt im Ermessen der Fluglinien. In der Economyclass variieren die Abstände zwischen 69 und 82 Zentimetern. In Anbetracht der Tatsache, dass die Menschen immer größer und schwerer werden, ist das eindeutig zu wenig. Zum Vergleich: Im ICE, 2. Klasse, sind es 92 bis 97 Zentimeter.
In der Premium Economyclass haben Passagiere zwischen 91 und 107 Zentimeter Platz für die Beine, in der Business- oder Firstclass sogar bis zu 2,11 Meter. Aber die hohen Aufpreise können oder wollen sich die wenigsten Touristen leisten. Und auch die meisten Geschäftsreisenden sind nach der Krise in die Eco gewechselt - und dort werden sie wohl bleiben. Manche Billigfluglinien bieten einen sogenannten „Extra Seat“ an. Das heißt, der Kunde bucht einfach den Nachbarplatz mit dazu - wegen der günstigen Preise wird dieses Angebot häufig angenommen.
Aber die einfachste und billigste Methode ist das Gymnastikprogramm während des Fluges, das Dehnen, Stretchen und Beugen über den Wolken. „Die Übungen, die die Fluglinien empfehlen, gehören alle zum physiotherapeutischen Basisprogramm“, sagt Ulrike Steinecke, Vorsitzende des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK), und betont, dass die Thrombosegefahr auf Flügen eher gering ist. „Gemessen an der Zahl der Fliegenden passiert ja relativ wenig.“ Untersuchungen hätten gezeigt, dass das Thromboserisiko erst bei Flügen über zehn Stunden auftrete. Und dennoch: Wenn die Blutklümpchen, die sich bei einer Venen-Thrombose in den Beinen bilden, ins Herz oder in die Lunge gelangen, können sie im schlimmsten Fall zum Tod führen.
Die einfachste Übung, um die Blutzirkulation in den Beinen anzuregen und eine Thromboseembolie zu vermeiden - die aber, um das Flugpersonal nicht zu behindern, keine Fluglinie empfiehlt - lautet: Gehen Sie durch den Gang, „so häufig wie möglich“, rät Ulrike Steinecke. Nutzen Sie den Raum an den Ausgängen, um die Beine zu lockern und den Körper zu strecken und aufzurichten. Die als „Venenpumpe“ oder „Fußpumpe“ bekannte Übung ist dagegen in allen Fluggymnastikprogrammen zu finden. Und auch, wenn die Fußbewegungen ein wenig komplexer sind als bloßes Durch-den-Gang-Gehen, sind sie noch lange nicht so kompliziert, wie es beispielsweise Aeroflot suggeriert.
Motorisch gar nicht so einfach
Auf fünf „In-flight Gymnastics“-Bildern zeigt die russische Fluglinie ausschließlich unmotiviert wirkende Füße, die sich nach unten-oben-unten-rechts-links-oben bewegen. Tatsächlich sollten Sie zunächst die Schuhe ausziehen und dann die Zehen so weit wie möglich nach oben ziehen und dann nach unten drücken. „Diese Übung sollte man jede Stunde machen und zehn bis zwanzig Mal wiederholen“, sagt Steinecke. Wahlweise kann man auch die Fußgelenke kreisen.
„Heben Sie die Füße leicht an und bewegen Sie die Zehen im Kreis. Ein Fuß dreht sich dabei im Uhrzeigersinn, der andere dagegen“, ist bei KLM zu lesen - und das ist motorisch gar nicht so einfach. Steinecke rät zudem, die „Fußpumpe“ mit gestreckten und mit abgewinkelten Knien zu machen. Außerdem sollte man während eines Langstreckenfluges darauf achten, die Beine möglichst nicht zu überschlagen. „Das führt in den Kniekehlen zu Engpässen der Blutzirkulation. Und abgesehen davon begünstigt es langfristig auch die Bildung von Krampfadern.“
Speziell für Risikogruppen (etwa Frauen, die die Pille nehmen oder rauchen) sind auch sogenannte Thrombose- oder Kompressionsstrümpfe zu empfehlen. „Allerdings nur“, sagt Steinecke, „wenn sie bis zur Hüfte gehen. Wenn sie nur bis zur Kniekehle gehen, bringen sie nichts.“
Auch Übungen für Rücken, Schultern, Nacken und Arme sind Bestandteil der „Inflight Aerobics“. Und man gewinnt den Eindruck, dass, sobald der Oberkörper ins Spiel kommt, die ganze Sache noch viel komplizierter wird. Bei den Holländern liest sich die Beschreibung zum Beispiel so: „Legen Sie Ihren Ellbogen auf die Armlehne, mit den Händen nach vorne (Unter- und Oberarm bilden einen Winkel von 90 Grad). Führen Sie nun abwechselnd Ihre linke und rechte Hand an die Brust zurück.“
Um den Rücken zu entspannen, rät Air France: „Verschränken Sie die Arme über dem Kopf, strecken Sie Ihre Arme nach oben und dehnen Sie so Ihre Wirbelsäule. Strecken Sie die rechte Hand zur Decke und dehnen Sie die rechte Seite Ihres Oberkörpers. Dehnen Sie anschließend die linke Körperseite auf dieselbe Weise.“ Weitere Anweisungen lauten: Die Beine so weit wie möglich an die Brust ziehen und langsam entspannen (auch mit Unterstützung der Arme), die Schultern anziehen und entspannen, rollen und dehnen, den Kopf an den Vordersitz drücken und kreisen.
„Mehr bringt mehr“ gilt nicht
Für die Physiotherapeutin Steinecke eignen sich solche Übungen gut für das allgemeine Wohlbefinden. Sie lösen Verspannungen und beugen Beschwerden vor. Schließlich haben Flugzeugpassagiere alle „eine Tendenz zu krummer Haltung“. Der Gurt verhindert eine aufrechte Sitzposition, man kann den Oberkörper nicht richtig aufrichten, und die Beine haben wenig Platz. Deswegen sollte man die Lockerungsübungen etwa alle zwei Stunden wiederholen. Allerdings dürfe man es nicht übertreiben. „Man darf immer nur ein leichtes Ziehen in der Muskeln verspüren.“ Die Devise „mehr bringt mehr“ gelte hier nicht. Und vom „Nackenkreisen“, wie es einige Fluglinien empfehlen, rät sie ganz ab. „Am Hals laufen empfindliche Gefäße. Deshalb sollte man den Hals nur nach vorne und hinten oder nach rechts und links bewegen.“
Manchmal sind es auch nur Kleinigkeiten, die einen angenehmen Langstreckenflug ausmachen. Etwa ein Kissen in die Lenden zu stecken. „Das richtet den Körper auf, entlastet den Rücken und entspannt die Muskulatur“, sagt Steinecke. Und natürlich gute Ratschläge, die alle Fluglinien unermüdlich formulieren: Man sollte gut erholt fliegen, möglichst nicht verkatert und übermüdet sein und, um der Dehydration vorzubeugen, viel Wasser trinken. Von Alkohol (obwohl der wiederum das Thromboserisiko senkt), Tee und Kaffee sollte man dagegen die Finger lassen, nur leichtes Essen zu sich nehmen und versuchen zu schlafen.
19 Stunden sind eine sehr
lange Zeit.
Bleiben Sie ganz ruhig.
Schließen Sie die Augen.
Atmen Sie normal.