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Ebbelwoi in Frankfurt : Gibt es ein schöneres Wort als Schobbedeggelsche?

Susanne bringt den Schobbe, natürlich im Bembel: Ganz ohne Vokabelkenntnisse wird es nichts mit dem Ebbelwoi. Bild: Wonge Bergmann

Frankfurter Ebbelwoikneipen sind hell, die Bänke sind hart, das Stöffche ist säuerlich und der Handkäs mindestens eigen. Trotzdem muss man sie lieben, denn sie sind das Gegenteil von muffiger Provinz.

          Weißt du“, sagte K., „was mich in Frankfurt immer so an New York erinnert? Das da“, sagte K. und deutete nach gegenüber. Dort befanden sich – neben unserem, an dem wir saßen – weitere Tische des Ebbelwoilokals Schreiber-Heynes Proletariat. Unverdächtige Tische, unverdächtige Menschen, Bembel. Nichts Besonderes also. „Nicht diese blöde Skyline“, sagte K. „Nein, das hier. Lokale, in denen ganz normale Leute sitzen, Junge und Alte und aus allen Schichten. Alle durcheinander. Das ist hier nämlich ganz genauso wie in New York.“

          Frankfurt kämpft ja gegen eine ganze Reihe von Vorurteilen. Man findet es abwechselnd kalt und abweisend (diese Banktürme!) oder provinziell und piefig (dieser Ebbelwoimuff!). Und kommt dann früher oder später auf den wahnsinnig originellen Gedanken, dass diese Stadt hässlich ist. Gut, das ist eine Meinung, aber sonderlich differenziert ist sie nicht. Da nicke ich lieber, streite mich nicht herum und denke darüber nach, was K. gesagt hat. Ich beklage ja immer die Provinzialität des Bankturmpersonals. Vermutlich sind das zwei Seiten ein und derselben Medaille, mit dem Ergebnis, dass man Frankfurt schon einmal provinziell finden kann. Die meisten tun das nur aus den falschen Gründen.

          Wir sind ja nicht im Striplokal

          Tatsächlich war es einige Zeit lang nicht besonders verbreitet, sich in Sachsenhausen – dem sogenannten Dribbdebach, also jenseits des Mains – in eine Ebbelwoikneipe zu setzen. Zu touristisch, zu langweilig. Inzwischen tut man das aber wieder, und zwar mit wachsender Begeisterung. Denn es gibt so viele dieser traditionellen Wirtschaften, dass man die breite Auswahl hat. Man kann im Gemalten Haus Asiaten dabei zuschauen, wie sie gigantische Berge an Rippche, Schäufelche, Leiterche bestellen, etwas hilflos betrachten und dann irgendwie doch immer kleinkriegen. Man kann in den Drei Steubern eingefleischten Frankfurtern dabei zuhören, wie sie ein reines Idiom sprechen, das noch nichts mit dem Sprachbrei namens „RMV-Hessisch“ zu tun hat. Man kann in der Atschel der Bedienung dabei zuhören, wie sie verzweifelt versucht, brasilianischen Gästen das Konzept des Mispelchens zu erklären. Es ist großartig und für jeden etwas dabei.

          Noch lachen sie: Asiatische Gäste wagen sich im Gemalten Haus an die Frankfurter Spezialitäten.

          Ich erkläre Ihnen das gerne: Die Ebbelwoiwirtschaft ist nicht per se gemütlich. Man sitzt unter immer viel zu hellen Lampen, aber das muss sein, wir sind ja nicht im Striplokal, da isses dunkel, gehn Sie doch dahin, ist nicht weit, einmal über den Main. Man sitzt ferner auf Holzbänken vor holzverkleideten Wänden. Jetzt fangen Sie nicht mit den Bedürfnissen Ihres zarten Bobbes an, seien Sie froh, wenn es ein paar Kissen irgendwo im Eck gibt. Garderobe gibt es auch nicht, sehen Sie den Haken da hinter Ihnen? Genau. Können Sie sich gleich an Ihr Jäckchen lehnen, ist weicher. Zufrieden?

          Es gibt hier überhaupt recht wenig jenen Plunders, von dem simple Gemüter behaupten, er trage zur Behaglichkeit eines Ambientes bei. Ambiente, geh mer fott! Keine Troddeln, kein rustikaler Zinnkram, kein Hintergrundgedudel, keine Zierdächlein mit Holzschindelchen, keine Dekoäste mit Baumelquatsch. In der Atschel hängen Drucke verschiedener Apfelsorten, im Dax Blechschilder, im Schreiber Heyne die Prominenz von vorvorgestern. Ambiente machen wir uns selbst.

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