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© Angelika Fischer, Berlin

Der goldene Kopf

Von TILMAN SPRECKELSEN

21. April 2017 · Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts.

Manchmal empfiehlt sich ein starrer Blick. Bloß nicht zwinkern, sagt man sich, wenn man vor dem geschlossenen Tor des Hauses mit der Adresse Eisgrube 14 steht, bloß keinen Raum lassen für phantastische Vorstellungen von Türknäufen, die sich in Marktfrauengesichter verwandeln und wieder zurück.

Dieser Türknauf jedenfalls ist beides, und was er zeigt, dürfte nach dem Gesicht des Bamberger Reiters das Bekannteste der Stadt sein. Vielleicht sogar noch vor der Statue im Dom: Auch das freundliche, aber nicht ganz arglose Lächeln im Vollmondgesicht jener Frau ist in Bamberg überall dort präsent, wo Souvenirs angeboten werden – meistens als Backform für Krapfen. Es würde sich wohl auch gut auf einem Punschbecher machen. Denn in die Weltliteratur eingegangen ist der Türknauf in einem Werk, das vom dampfenden, vom Autor geliebten Punschritual inspiriert zu sein scheint: E. T. A. Hoffmanns „Der goldene Topf“.

Hier in der Eisgrube hat Hoffmanns Freund und Verleger, der Weinhändler Karl Friedrich Kunz, gewohnt, ein ganzes Stück über der Altstadtinsel. Wer sich als Tourist in die kleine Seitenstraße verirrt, kommt vielleicht gerade vom Dom oder möchte das hübsche „Haus zum Einhorn“ sehen, das in den „Sams“-Filmen von Herrn Taschenbier bewohnt wird und ein paar Meter entfernt steht. Vielleicht will er auch noch etwas weiter am Hang entlang zum „Spezialkeller“, dem Biergarten über der Stadt. All dies ist nicht schwer zu finden. Den Türknauf dagegen muss man suchen. Und es braucht vielleicht etwas Punsch, um in ihm wie Hoffmann den Übergang zu einer phantastischen Welt zu entdecken, in der alchemistische Rituale die Naturgesetze außer Kraft setzen und die von reizenden Elementarwesen bevölkert ist.

  • © Angelika Fischer, Berlin Vorsicht, das Lächeln täuscht: der Knauf am Tor von Haus Eisgrube 14
  • © Angelika Fischer, Berlin In dem schmalen Wohnhaus in der Bildmitte bewohnte das Ehepaar Hoffmann die beiden obersten Etagen.
  • © Angelika Fischer, Berlin Im Weinkelle seines Freundes Kunz am Grünen Markt pflegte Hoffmann auf einem Faß zu reiten.
  • © Angelika Fischer, Berlin Im „Poetenstübchen“ des Hoffmann-Hauses
  • © Angelika Fischer, Berlin Pianoforte in Hoffmanns Wohnung
  • © Angelika Fischer, Berlin Blick auf die Stephanskirche

Am 1. September 1808 kam das Ehepaar Ernst Theodor Amadeus und Marianna, genannt Mischa, in Bamberg an – allein, die gemeinsame Tochter Cäcilia war kurz zuvor zweijährig verstorben. Der zweiunddreißigjährige Hoffmann, der Jura studiert hatte und mit dem Zusammenbruch Preußens arbeitslos geworden war, hatte nun eine Stelle als Musikdirektor am Bamberger Theater bekommen. Das Ehepaar wohnte anfangs in einem Haus direkt am Regnitzkanal. Allerdings gab es von Anfang an Ärger mit der Vermieterin, die dem Musiker das Klavierspielen verbieten wollte. Die Hoffmanns zogen ein paar Häuser weiter.

Jetzt bewohnten sie zwei Etagen über dem Eigentümer, dem Trompeter Kaspar Warmuth. Das Haus ist schmal, es wirkt wie eingequetscht zwischen seinen Nachbarn, und wer das heute als Hoffmann-Museum genutzte Gebäude besucht, findet zwar nicht mehr allzu viel, was wirklich von dem Künstler stammt, aber er kann sich immerhin vorstellen, wie sich das Ehepaar darin bewegte. Erhalten ist außerdem noch eine viereckige Luke im Boden der obersten Etage, durch die sich Hoffmann mit Mischa unterhielt oder ihr, wie sein Freund Kunz überliefert, auch schon einmal in knappen Zeiten seine alten Stiefel herunterwarf, damit sie diese für eine Mahlzeit verkaufte.

© AKG Als sich der Weinhändler Kunz (links) von seinem Arzt (Mitte) untersuchen ließ, hielt Hoffmann die Szene doppelt fest.

Die Ausstellung, die anstelle von Originalmöbeln mit vielen Bildern und Schaukästen zu Hoffmanns Leben und Werk arbeitet, unterstreicht, dass der lebenslang dreifach begabte Hoffmann in seiner Bamberger Zeit zwar Gelegenheitszeichnungen und Karikaturen anfertigt, dass er sich langsam als Autor entwickelt und etwa Rezensionen zu musikalischen Werken verfasst, dass er aber hier vor allem als Komponist wirkt. Das beginnt mit der Einweihung des nach der Renovierung neueröffneten Theaters mit Opern und Schauspielen, zu denen Hoffmann die Musik beisteuert: Sie heißen „Das Gelübde“, „Die Wünsche“, „Die Pilgerin“, „Die Huldigung“, „Das Gespenst“ und dergleichen mehr. An der Museumskasse kann man sogar Aufnahmen von solchen lang vergessenen Opern kaufen – „Liebe und Eifersucht“ zum Beispiel, nach einem Schauspiel von Calderón, dies allerdings ein Werk, das Hoffmann vergeblich versuchte, am Bamberger Theater aufzuführen.

Tatsächlich war Hoffmann seine Stelle bald wieder los. Er blieb aber in Bamberg, was man unschwer versteht, und als die Intendanz neuerlich wechselte und ein alter Freund Hoffmanns berufen wurde, kam auch er selbst dort wieder als Komponist und Dekorationsmaler unter.

In der Zwischenzeit hatte er sich auch als Klavier- und Gesangslehrer in der Bamberger Gesellschaft etabliert, so dass es in der erfreulich gut erhaltenen Bamberger Innenstadt neben dem Wohnhaus beim Theater noch weitere Häuser gibt, die mit Hoffmann in Verbindung stehen, weil er dort unterrichtete, oft fluchend über unbegabte Schülerinnen und deren ehrgeizige Mütter.

© Staatsbibliothek Bamberg / Foto Gerald Raab Hoffmanns Schülerin Julia Mark (rechts) mit Schwester

Bei Julia Mark war es anders. Viel später erinnerte sie sich an den Beginn dieser Stunden: Hoffmann habe sie in Gesellschaft singen hören und sei auf die Mutter der damals Dreizehnjährigen zugestürzt, weil er das Mädchen mit dem schönen Sopran unterrichten wolle. Also kam er regelmäßig in das Haus „Zum goldenen Löwen“, Lange Straße 13. Für den Weg wird er zehn Minuten benötigt haben. Heute erinnert eine Tafel an der unspektakulären Fassade an diese literarisch ungemein folgenreichen Unterrichtsstunden.

Hoffmann begann, für Julia zu schwärmen, die davon offenbar lange nichts ahnte. Im Frühling 1812 aber trat ein gewisser Gerhard Graepel auf den Plan, Kaufmann aus Hamburg, mit dem Julia Mark verlobt wurde – offenbar eine rechte Pfeife. Auf der Verlobungsfeier kam es zum Eklat: Der Bräutigam betrank sich und riss torkelnd seine Braut zu Boden. Hoffmann beschimpfte ihn laut als „Schweinehund“, entschuldigte sich am nächsten Tag schriftlich bei Julias Mutter, musste sich dann aber bis zu Julias Abreise nach Hamburg von ihr fernhalten.

Später verbreitete Fanny Mark, der Verehrer ihrer Tochter sei ihr schon immer suspekt gewesen, und tatsächlich sind aus Hoffmanns Bamberger Zeit einige exzentrische Geschichten überliefert. Dass er täglich trank, gegen die häufigen Magenkrämpfe Cognac, Rum oder Arrak einsetzte und die leeren Flaschen liebevoll mit Röckchen und Hütchen ausstaffierte, gehört noch zu den harmloseren Legenden.

Der Weinhändler Kunz berichtet von Besuchen seines Freundes im Gewölbekeller seines Hauses am Grünen Markt im Zentrum der Stadt. Das prächtige Gebäude steht noch, der Keller, heute wie leergefegt, ist auch noch da, und dort, schreibt Kunz, hätten die Freunde regelmäßig einen bestimmten Burgunder aus dem Anbaugebiet Côte de Nuits getrunken – und zwar so, „dass wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst nahmen und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphierend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte“.

Doch der schönste Hoffmann-Ort Bambergs liegt außerhalb der Stadt. Der Weg ist vom Dom aus in einer dreiviertel Stunde bequem zu schaffen, vorbei an den letzten Häusern, die in immer größeren Abständen links von der Straße liegen, während sich rechts ein Feld erstreckt, und am Ende ist da noch ein Stück lichter Wald. Dann kommt die Altenburg, eine ehemalige Ruine, die der Bamberger Irrenarzt Adalbert Friedrich Marcus, auch er ein geduldiger Freund Hoffmanns, kaufte und herrichtete.

  • ©Angelika Fischer, Berlin Blick von der Altenburg auf Bamberg
  • © Angelika Fischer, Berlin Mauer und Turm der Altenburg
  • © Angelika Fischer, Berlin Blick auf die Stephanskirche
  • © Angelika Fischer, Berlin Das Dörfchen Bug war ein bevorzugtes Ausflugsziel Hoffmanns

Vor allem aber ließ er Hoffmann in einer abgelegenen Stube hausen, die in einem eigenen Bau an der Burgmauer klebt, er durfte sich dort sogar mit zwei großen Wandbildern zur Geschichte der Burg austoben. Und während die Altenburg insgesamt für Besucher geöffnet ist, hält man Hoffmanns Stube verschlossen. Mit etwas Mühe kann man immerhin hineinschauen: Ein leergefegter, überraschend kleiner Raum mit weißgetünchten Wänden, weil die Bilder, die Hoffmann hier malte, schon bald überstrichen wurden.

Geblieben aber ist der Blick hinunter auf Bamberg (und wer das ganz auskosten will, besteigt den Turm): Die Stadt liegt so prächtig und friedlich zugleich da, als gäbe es keine missgünstigen Konkurrenten am Theater und keine heiratswilligen Kaufleute, keine argwöhnischen Mütter und keine unbegabten Schüler. Am 21. April 1813 verließ das Ehepaar Hoffmann Bamberg Richtung Leipzig, wo Hoffmann eine neue Stelle als Musikdirektor gefunden hatte.

Auf E. T. A. Hoffmanns Spuren: Der Weg nach Bamberg
Das E. T. A. Hoffmann-Museum(Schillerplatz 26) ist vom 1. Mai bis zum 1. November halbtags geöffnet. Übernachten in Bamberg: Zum Beispiel im nahe am Dom gelegenen „Arkadenhotel“ oder im „Hotel Europa“. Literatur: Der Band „Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann“ von Jürgen Hultenreich (Text) und Angelika Fischer (Fotos) aus dem Verlag Edition A. B. Fischer ist ein vorzüglicher Begleiter zu den Hoffmann-Orten. Die Fotos zu diesem Artikel sind dem Band entnommen. Weitere Informationen unter www.bamberg.info.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 19.04.2017 08:18 Uhr