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Digital unterwegs Die neue elektronische Echtheit

 ·  Das Internet verändert das Reisen. Man vertraut auf Bewertungen anderer Nutzer, quartiert sich in Privatwohnungen ein, und tagsüber darf es auch etwas anderes sein als die übliche Sightseeingtour.

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© Entwurf für die Rauminstallation „HAL“ von Martin Pudenz Der Weg in die weite Welt beginnt heute oft im digitalen Raum.

Vermutlich ist der Wunsch des Reisenden, sich von der vorgegebenen Route des Reiseführers zu lösen, so alt wie der Reiseführer selbst. „Miss Lucy!“, mahnt in E.M. Forsters Roman „Zimmer mit Aussicht“ die clevere Miss Lavish am Frühstückstisch, „ich hoffe, dass wir dich bald von diesem Baedeker emanzipieren können. Der berührt nicht mehr als die Oberfläche. Vom echten Italien wagt er nicht einmal zu träumen. Das echte Italien kann man nur durch geduldige Beobachtung entdecken.“ Es dauert nicht lange, da verirren sich die Damen - nicht beobachtend, sondern schwatzend - im florentinischen Gewühl des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, aber der enthusiastischen Miss Lavish bereitet das kein Kopfzerbrechen: „Zwei einsame Damen in einer unbekannten Stadt. Na, das nenne ich Abenteuer.“

Man muss sich heute nicht gleich in den Gassen von Florenz verlaufen, um den ausgetretenen Pfaden zu entkommen, Emanzipation vom Baedeker versprechen auch zahlreiche Websites und Apps. Das Schlagwort „Social Travel“ bezeichnet eine Art zu reisen, die es ermöglichen soll, jenseits der touristischen Infrastruktur unterwegs zu sein und Land und Leuten auf Augenhöhe zu begegnen. Man quartiert sich lieber privat ein als im Hotel, man verlässt sich lieber auf die Tipps der Einheimischen als auf die des Reiseveranstalters. Man vertraut der Schwarmintelligenz. Und lässt sich nichts vorschreiben.

GPS statt Karten mit Patentfaltung

Das geht zum Beispiel so: ein weißer Pfeil auf grünem Grund auf dem Display des Smartphones, der das Ziel anpeilt, ohne den Weg vorzugeben. Vielleicht will man nicht direkt dorthin, sondern mit Schlenkern durchs Gassengewirr, Umwege erhöhen bekanntlich die Ortskenntnis. Also immer dem Pfeil folgen, der unbeirrbar wie eine Kompassnadel zum Beispiel auf die Kirche Santa Croce deutet, die Miss Lucy ansteuert, egal, wie man sich dreht und wendet. Kartenlesen war gestern, heute gibt es GPS, das ist viel praktischer, und man muss keine Patentfaltung rekonstruieren können.

Das Feature mit dem Pfeil heißt „Point me There“ und ist ein Bestandteil der mobilen App von Tripadvisor.de. Bekannt wurde das Unternehmen als Hotelplattform: Sechshunderttausend Unterkünfte, siebenhunderttausend Sehenswürdigkeiten, eine Million Restaurants sind dort verzeichnet. Wer einmal Gast war, schreibt gern eine Bewertung oder stellt ein Foto ein: So sieht das Frühstücksbüfett aus, wenn es nicht für den Hochglanzprospekt auf Üppigkeit gebürstet wurde, und so sauber sind die Fugen in der Dusche. Das Heer der Laienkritiker und ihre Urteile werden von den Unternehmen ihrerseits genau verfolgt. Auf die Bewertungen der Nutzer dürfen die Betreiber eine „Manager response“ geben, auf die der Bewerter aber nicht mehr antworten kann, um endlose Wortgefechte zu vermeiden. In größeren Häusern wird von dieser Funktion nahezu durchgängig Gebrauch gemacht - sachlich vorgebrachtes Feedback kann für Hotelbetreiber sehr nützlich sein.

Nicht nur für Abenteurer und Luxusverächter

Websites und Apps sind, zumindest was die Rahmendaten angeht, gedruckten Reiseführern in vielen Belangen überlegen. Sie sind mit größerer Wahrscheinlichkeit auf aktuellem Stand, die Nutzer dürfen mitreden, und pro Stadt werden mehr als nur die üblichen zehn Restaurants empfohlen. Im Grunde wird überhaupt nichts empfohlen, es wird bewertet, und was gut bewertet wird, wird gern besucht. Die Wahrscheinlichkeit, nicht in einer Touristenfalle zu landen, sondern dort, wo Einheimische essen gehen, steigt damit deutlich.

Man kann auch gleich den Hotels aus dem Weg gehen und sich in einer Privatwohnung in ganz normaler Nachbarschaft einquartieren. In Berlin zum Beispiel bei Sabine, die zwei Wohnungen in Mitte regelmäßig an Gäste aus aller Welt vermietet. Man findet Sabines Wohnungen auf der Plattform Wimdu.com, einem vor einem Jahr gegründeten Unternehmen. Mit der Vermietung an Feriengäste verdiene man mehr als mit einem Dauermieter, sagt Sabine in aller Ehrlichkeit, obwohl das Beantworten von Anfragen nicht so nebenbei zu bewältigen sei. Und als Teil einer Community könne man sich auch fühlen. Wer aber meint, die Bettensuche über Wimdu sei wie das kostenlose Couchsurfing eher etwas für preisbewusste Abenteurer und idealistische Luxusverächter, der irrt. Bei Sabine in Berlin quartieren sich besonders gern Familien ein, die mit ihren kleinen Kindern nicht unbedingt ins Hotel möchten. Ein Argument für eine Privatwohnung kann die Küche sein oder die Ruhe, die Einrichtung oder der persönliche Kontakt zur herzlichen Gastgeberin.

Für gutes Benehmen gibt es Sternchen

Bisher habe sie mit der Vermietung nur gute Erfahrungen gemacht, sagt Sabine, die meisten Gäste seien ganz rührend und ließen für zerbrochene Gläser auch mal ein paar Euro da und eine entschuldigende Nachricht: Sorry! Tatsächlich ist erst ein Fall bekannt, in dem ein Mieter eine Wohnung über den amerikanischen Konkurrenten Airbnb gemietet und nach allen Regeln der Kunst verwüstet hatte. Seitdem bieten alle Plattformen eine Versicherung an. Gemessen an der Anzahl der Buchungen passiert erstaunlich wenig, denn Gäste und Gastgeber bewerten sich gegenseitig, ähnlich wie auf Ebay. Wer schlecht bewertet wurde, dem droht der Ausschluss aus der Gemeinschaft, ein digitales Exilantentum. Wer sich benimmt, wird belohnt und erfährt das Internetpendant zum gesellschaftlichen Aufstieg: Sternchen, Punkte, Anerkennung.

Die deutsche Plattform Wimduist in Europa führend. Den amerikanischen Markt dominiert hingegen das Vorbild Airbnb, das drei Jahre älter ist. Mittlerweile mache Wimdu einen siebenstelligen Umsatz, sagt Mitgründer und Geschäftsführer Arne Bleckwenn, „Social Travel ist der Tourismustrend des Jahres“. Bleckwenn präsentiert sich auf der Unternehmenshomepage als Backpacker, der unterwegs mal eben eine gute Idee hatte. Aber Wimdu ist nicht das kleine Startup von nebenan, sondern eine durchkalkulierte Kopie von Airbnb. Dahinter stehen die drei Samwer-Brüder, die in Internet-Goldgräbertagen mit den Startups Alando und Jamba groß und reich wurden, und im Unternehmen steckt eine Finanzierungsrunde von neunzig Millionen Euro. Letzten Sommer geriet Wimdu mit einer Entlassungswelle in die Kritik, als fünfzig Mitarbeiter nach schnellem Wachstum und Konkurrenzdruck durch Airbnb gehen mussten. Auf dem umkämpften Markt versucht sich zudem noch 9flats zu behaupten, an dem sich vor kurzem die Telekom beteiligte.

Man darf sich als Gast fühlen

„Travel like a local“, lautet der Slogan von Wimdu, und genau das scheint tatsächlich ein Bedürfnis zu sein. Niemand ist Tourist aus Überzeugung, man ist es notgedrungen und wäre eigentlich lieber Gast. Wer privat wohnt und sich von Vermietern Tipps holen kann, wer von einer Stadt mehr sieht als die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, der darf sich getrost ein wenig als Gast fühlen. Denn er verspürt, wie Bleckwenn sagt, „das Gefühl von Authentizität“. Das erstreckt sich nicht mehr nur auf echte Indianer und echte italienische Küche, das will man jetzt schon in Berlin haben: Echte Berliner, echte Subkultur, echte Guerillaküche mit Produkten aus echten Kreuzberger Nachbarschaftsgärten. Echter geht es immer irgendwie.

Die Nischen zu finden, die auch die Mehrheit der Einheimischen nicht unbedingt kennt, an denen sich aber dennoch etwas konzentriert, was die jeweilige Stadt, den Ort, das Land vermeintlich ausmacht, das ermöglicht das Internet. Es lenkt Aufmerksamkeit anders, weil es viel variablere Prioritäten setzt und eine feinere Suche ermöglicht als etwa ein Reisebüro oder eine Touristeninformation. Während ein Reiseveranstalter Angebote kuratiert und Touristenströme kanalisiert, schlägt sich der individuelle internetgestützte Reisende mittels an- und ausklickbarer Kriterien und Benutzerrankings durch den Wust der Möglichkeiten.

Nischenangebote von Hurentour bis Ziegenhüten

Auch für die Programmgestaltung an Ort und Stelle gibt es Plattformen, und eine davon ist GetYourGuide.com. Vier Informatik-Studenten der ETH Zürich hatten eine Idee und legten dann einfach los - zunächst mit einem Portal, auf dem man sich Eintrittskarten zu klassischen Sehenswürdigkeiten bestellen und ausdrucken kann, ohne anstehen zu müssen; daneben wurden Stadtführungen angeboten.

Aus den vier Studenten sind nach zwei Jahren fünfzig Angestellte geworden. Bei GetYourGuide können Anbieter ihre Angebote kostenlos einstellen, erst bei einer Buchung muss eine Provision abgeführt werden. Heute listet GetYourGuide etwa zehntausend Aktivitäten in aller Welt: Tagesausflüge mit und ohne Weinprobe, Themenführungen wie die Hurentour durch Hamburg, ein Überraschungserfolg mit mehr als zehntausend Gästen im Jahr; oder beschauliches Ziegenhüten in der Schweiz; oder das Abendessen bei einer türkischen Familie in Istanbul. Dinge, auf die man vielleicht selbst nicht gekommen wäre, findet man hier gebündelt und geordnet mit Bestelloption und Kundenbewertung.

Erlebnis statt Informationsüberfrachtung

Wie wichtig diese Bewertungen sind, weiß Getyourguide-Mitgründer Johannes Reck: „Bewertete Produkte haben eine dreimal höhere Buchungswahrscheinlichkeit“, sagt er, und „mehr als ein Drittel der Nutzer hinterlassen eine Bewertung.“ Die ist auch meist gut, der Durchschnitt liegt bei mehr als vier von fünf möglichen Sternen. Überrascht war Reck allerdings von der Nutzerstruktur: „Wir haben erst gedacht, dass wir eher Studenten ansprechen. Dann haben wir die Altersangaben ausgewertet und bemerkt, dass das Alter unserer klassischen Zielgruppe bei vierzig bis sechzig Jahren liegt. Das hat uns überrascht, aber jeder hat gesagt: Das ist das Beste, was euch passieren konnte.“ Diese Gruppe ist bereits durch Beruf und Heimnutzung internetaffin, unternimmt oft Kurztrips in europäische Städte und möchte aus diesen Städtereisen in kurzer Zeit das Beste herausholen. Oft werden gleich mehrere Angebote gleichzeitig gebucht, meist sieben Tage vorher und durchschnittlich im Wert von 120 bis 130 Euro.

Es ist das Versprechen, etwas zu sehen, das man als Tourist nicht zu sehen bekommt oder schlicht nicht sieht. Es ist der frische Blick über den Reiseführer hinweg, den E.M. Forsters Miss Lucy erst einüben muss, wenn sie orientierungslos am Eingang von Santa Croce steht und nicht weiß, ob die Kirche von Franziskanern oder Dominikanern erbaut wurde, welche Fresken Giotto gemalt hat und welche der Grabtafeln von der britischen Kunstkapazität John Ruskin besonders gewürdigt worden waren, weshalb man sie ebenfalls besonders zu würdigen hatte. „Mit verächtlichem Blick schlenderte sie umher, nicht willens, Kunstwerken ungewisser Herkunft und Datierung Enthusiasmus entgegenzubringen. Und schließlich geschah das Wunder: Der verderbliche Zauber Italiens ergriff sie und, anstatt Informationen zu sammeln, war sie einfach glücklich.“

Die Entwöhnung von der Touristenroute geht seit hundert Jahren mit Erlösungsversprechen von der lästigen Informationsüberfrachtung einher, und nur wer erlebt, anstatt zu lernen, so die Maxime, wird am Ende glücklich sein. Im Gegensatz zu Miss Lucy hat der moderne informationslose Schlenderer allerdings einen weißen Pfeil auf seinem Smartphone, der ihm die Richtung weist.

Hotels, Restaurants und Sehenswürdigkeiten mit Nutzerbewertungen gibt es bei Tripadvisor.de. Über die Plattform Wimdu.com vermieten Privatanbieter Wohnungen in ganz Europa, ebenso über airbnb.de. Bei GetYourGuide.com bekommt man Eintrittskarten für Sehenswürdigkeiten, kann Stadtführungen und ungewöhnliche Aktivitäten in vielen Städten buchen.

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