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Die Winterreise : Bin gewohnt das irre Gehen

Über Stock, Stein und Brücken: Wäldchen bei Plötzkau Bild: Freddy Langer

Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus: Mit Wilhelm Müller als Cicerone durch die eisstarre Landschaft von Sachsen-Anhalt.

          Natürlich gibt es Geister! Wer soll denn sonst dahinterstecken, wenn uns seltsame Botschaften erreichen? Wenn Schilder zu wackeln beginnen, Bücher aus Regalen fallen, Gegenstände über Tische rücken. Das sind eindeutig Nachrichten, auch wenn sie nicht immer so eindeutig zu entziffern sind wie der Hinweis, den ich dieser Tage auf halbem Weg zwischen Reinstedt und Badeborn aus dem Jenseits empfangen habe.

          Sehnsucht im Blick: das Wilhelm-Müller-Denkmal in Dessau
          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Völlig überflüssigerweise, und schon deshalb ganz offensichtlich von höheren Mächten gesteuert, hatte ich im eisigen Wind, der ungehindert über die platte Ackerlandschaft jagte und die Windräder am Horizont ganz ordentlich in Schwung brachte, die Wanderkarte aus der Hosentasche gezogen. Der Weg führte einfach nur geradeaus, und ich kann beim besten Willen nicht sagen, was ich hätte nachschauen wollen. Kaum jedenfalls hatte ich die Karte aufgeschlagen, eine der schönen neuen Kompasskarten aus vermeintlich reißfestem Material, griff eine Böe nach ihr und zerfetzte sie erst exakt entlang dem Falz und dann weiter mit der zittrigen Linie eines Blitzes - mitten durch meine geplante Route und dort wiederum mitten durch ein Wort, so dass nun „Seweckenwa“ auf dem einen Stück Karte stand und „rte“ auf dem anderen. Weit war es nicht mehr dorthin. Ein paar Kilometer nur.

          Die kalten Winde bliesen

          „Das ist der Turm, oben auf dem Berg, gleich rechts um die LPG herum, über der Gersdorfer Burg“, erklärten mir wenig später die Männer, die morgens um halb zwölf in Badeborn im Getränkemarkt neben der wohl für immer geschlossenen Landgaststätte „Zum Goldenen Hufeisen“ beieinanderstanden, Bier tranken und sich angeregt unterhielten, über das Wetter, über den Wind, der dieser Tage mit hundertsechzig Kilometern in der Stunde über den Brocken gepfiffen war, und über die Einkaufsgewohnheiten von Silke, die draußen gerade Bierflaschen und einen Limonadekasten aus dem Kofferraum wuchtete, während aus ihrem Auto so laut Volksmusik dröhnte, dass man es noch in Reinstedt gehört haben muss. Die drei Männer plauderten unbeschwert und machten einen solch geselligen Eindruck, dass ich beschloss mitzutrinken. Allerdings nur eine Cola. Und in dem Moment, da ich den Kronkorken von der Flasche gehebelt hatte, verstummte das Gespräch. Mist, dachte ich, falsches Getränk. Aber nun war es zu spät. Kaum einer der Männer sagte noch ein Wort, bis ich den Laden verließ.

          „Es ist ein Umweg“, verabschiedeten sie mich. „Bequemer ist es um den Berg herum.“ Und weil sich der Himmel mittlerweile noch weiter verdüstert hatte, der Wind noch stärker geworden war und Regen sich wieder einmal ankündigte, beschloss ich, dem Radweg zu folgen, statt die Anhöhe der Seweckenberge hinaufzusteigen, und war auch schon ein gutes Stück des Wegs gegangen, als über mir mit einem Mal der Turm zum Vorschein kam. Nur ein helles Viereck hinter Bäumen. Angestrahlt von der niedrig stehenden Wintersonne, die zwischen einem Ausläufer des Harzes und dem Schwarz des tiefhängenden Himmels hindurchblinzelte. Der Turm war nicht sonderlich hoch. Auch nicht sonderlich attraktiv. Fensterlos offenbar. Und es hatten ja im Ort nicht einmal Schilder darauf hingewiesen. Zum Brocken ja, solch eine Tafel hatte es gegeben. Fünfundsechzig Kilometer stand darauf. Die Seweckenwarte aber schien der Gemeinde keiner Werbung würdig. Da spannte sich ein Regenbogen über das Firmament und über die langgezogene Anhöhe. Gespenstisch schön. Eines der Enden landete genau auf dem Turm. Auch Geister klingeln offenbar immer ein zweites Mal. Nun war’s entschieden. Ich stieg den Hang hinauf.

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