Home
http://www.faz.net/-gxh-750fw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Die süßen Freuden des Advents (2) Kann denn Naschen Sünde sein?

„Haremskonfekt“ nannte Thomas Mann Marzipan, das zum Markenzeichen seiner Heimatstadt Lübeck geworden ist. Sechs Firmen stellen es heute her, allen voran das Traditionshaus Niederegger.

© Franz Lerchenmüller Vergrößern Die stolze Stadt des Marzipans: Lübeck als Lichterglanzreplik im Museum der Firma Niederegger.

Konditorin Barbara Witte ist die Geduld in Person. Ja, ein bisschen Übung brauche es schon, um solch ein Krokodil aus Marzipan zu formen. Nein, abends zu Hause esse sie kein Marzipan, sondern ziehe eine Pizza oder ein Glas saurer Gurken vor. Aber klar, mit Essen spiele man nicht, aber was sie mache, sei ja auch eher Kunsthandwerk. Und sicher, die Arbeit hier oben im zweiten Stock des Stammhauses der Firma Niederegger mache ihr immer noch Spaß, und um Fragen zu beantworten sei sie schließlich da. Dann formt sie ein paar weitere grüne Schuppen und verpasst der Echse eine rote Weihnachtsmütze mit weißer Bommel, während die Kinder sich um ihren Tisch drängeln und die nächsten Erwachsenen schon wieder dieselben Fragen stellen.

Der „Salon“, in dem die fröhliche Lübeckerin ihr Handwerk vorführt, ist in dunklem Rot gehalten und beherbergt auch ein kleines Marzipanmuseum. Ein Stadtplan verzeichnet alle Marzipanhersteller in Lübeck seit 1795, und auf zwölf Bildtafeln erzählt Johann Georg Niederegger, der im Jahre 1800 aus Ulm nach Lübeck kam und bald darauf die Firma gründete, die Geschichte des Marzipans. Blickfänger aber ist ein Tisch, an dem sich zwölf lebensgroße Figuren wie zum Abendmahl versammelt haben. Der Bildhauer Johannes Kiefer hat sie aus 500 Kilogramm Marzipan geschaffen und lässt Herrn Niederegger eine illustre Gesellschaft um sich scharen: Zarenmutter Louise Charlotte ist dabei, Kaiser Karl IV., Jakob Christoph von Grimmelshausen, Wolfgang Joop und Thomas Mann. Was sie verbindet? Ihnen allen wird eine Affinität zu Marzipan nachgesagt.

Aromenvielfalt von Ananas bis Dattelhonig

Die Gesellschaft ist angeregt ins Gespräch vertieft. Ob sie auch die Frage diskutieren, die Marzipangenießer in aller Welt umtreibt? Denn die einen schwören vehement auf den puren Stoff: Nur das einfache Marzipanbrot mit seinem saftigen, körnigen Inneren und dem Mantel aus zartbitterer Schokolade komme in Frage. Unnachahmlich verbinde sich sein erdiger Mandelgeschmack mit dem zarten Schmelz und der bittersüßen Note der Schokolade. Den anderen dagegen kann es gar nicht abwechslungsreich genug zugehen: Ob Ananas, Dattelhonig, Rum, Mokka, Kirsch - gerade die Tatsache, dass Marzipan sich so hervorragend mit einer Vielzahl von Aromen verbinde, mache ja erst seinen Reiz aus.

Zwei Etagen tiefer herrscht Hochbetrieb. Der langgezogene Verkaufsraum ist mit Tannenbäumen und Geschenkpaketen geschmückt. Darunter glitzern die süßen Sünden in allen Farben und Formen. Es gibt Weihnachtsmänner und Nussknacker, Engel, Schornsteinfeger und Tannenzapfen. Zweihundert Artikel werden extra für Weihnachten hergestellt, dazu kommen die dreihundert, die es das ganze Jahr über gibt: Marzipanbrote, Marzipanwürste, Marzipankäse und natürlich die komplette Obst- und Gemüseabteilung.

22490691 © Franz Lerchenmüller Vergrößern Keine Vitamine, dafür umso mehr Kalorien: ein Pfirsich ganz aus Marzipan.

Sechs Firmen stellen heute in Lübeck Marzipan her. Lubeca produziert Rohmasse für Großabnehmer. Mest, die kleine, feine Manufaktur, veredelt sie für den gehobenen Markt. Lubs macht Bio-Marzipan. Leu ist preiswert und veranstaltet in seinem Marzipan-Speicher fröhliche Marzipan-Shows. Carstens setzt auf junge, freche Produkte. Und Niederegger, das Familienunternehmen in siebter Generation, hat es sogar geschafft, dass sein Name beinahe zum Synonym für Marzipan wurde. Erfunden wurde das „Haremskonfekt“, wie Thomas Mann es nannte, im Vorderen Orient. Der Name dagegen stammt aus dem Mittelmeerraum. „Matzapanen“ hießen die Schachteln, in denen kandierte Früchte aus dem Orient nach Venedig geliefert wurden, den Inhalt nannte man bald „Mazaban“. Nichts ist also wahr an der hübschen lübschen Sage von der Belagerung, bei der auf einem gottvergessenen Speicher ausgerechnet noch ein paar Säcke Mandeln und Zucker entdeckt wurden und so die Luxusleckerei aus purer Not geboren wurde. Es wäre auch zu schön gewesen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Eintracht Frankfurt Rückkehr mit Freude

Die Partie in Bremen ist nicht nur für Trainer Schaaf eine Besondere. Die Eintracht, die auf Aigner verzichten muss, spielt um Bares – jeder Sieg könnte Millionen wert sein. Mehr Von Ralf Weitbrecht, Frankfurt

02.05.2015, 08:01 Uhr | Rhein-Main
Georg Bernardini Der Schokoladentester

Georg Bernardini ist gelernter Konditor. 18 Jahre lang führte er die Confiserie Copeneur & Compagnon in Bonn. Für ein Buch hat er nun 2700 Schokoladenprodukte aus 38 Ländern getestet und bewertet. Mehr

08.02.2015, 13:55 Uhr | Stil
Ölkonferenz in Houston Siemens-Chef macht Witze über Energiewende

Die Förderung von Photovoltaik in Deutschland sei so sinnvoll wie der Anbau von Ananas in Alaska, sagt Siemens-Chef Kaeser. Auf einer Ölkonferenz in Houston spottet er über die deutsche Energiepolitik. Mehr Von Winand von Petersdorff, Houston

23.04.2015, 20:48 Uhr | Wirtschaft
Afrika Süße Schokolade direkt vom Kakaobauern

Ein aufstrebendes Unternehmen aus Uganda baut nicht nur Kakao an - es stellt die Schokolade auch selbst her. Bislang ist ein Großteil des Kakaos von den Plantagen in Afrika nach Europa exportiert und dort verarbeitet worden. 80 Prozent der Wertschöpfung gehen so an den afrikanischen Produzenten vorbei. Mehr

07.02.2015, 14:56 Uhr | Gesellschaft
Die Gestalter (4) Piero Lissoni: Bis zur letzten Türklinke

Piero Lissoni ist ein Tausendsassa. Wer ihn in seinem Studio besucht, das sich über drei Etagen und zwei Gebäude verteilt, fragt sich, wie er den Überblick behält. Teil 4 unserer Reihe über Mailänder Designer. Mehr Von Peter-Philipp Schmitt

05.05.2015, 17:45 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.12.2012, 19:54 Uhr