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Schweiz : Ausweitung der Parkzone

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Die Brücke über die Melezza ist das Tor zur Wildnis - und könnte bald in einen Nationalpark hineinführen. Bild: Barbara Schaefer

Vor 150 Jahren entstand in Kalifornien die Idee des Nationalparks, vor 100 Jahren der erste und bis heute einzige in der Schweiz. Im Tessin könnte nun das zweite Schutzgebiet entstehen - mit komplett neuen Ansätzen.

          Spätestens hinter der Brücke über die Melezza beginnt die Wildnis. „Ponte Romano“ wird sie genannt, stammt aber tatsächlich aus dem Mittelalter. Über die Brücke führt der Weg nach Rasa, man kommt nur zu Fuß dorthin, oder mit einer Seilbahn weiter flussaufwärts. Wir sind im Centovalli, im Tal der hundert Seitentäler, urtümlich und unzugänglich. Eine Wildnis voll dichter Wälder zieht sich hinter der Melezza und von den Ufern des Lago Maggiore bis in die Berge hinauf. Wildnis? Im Tessin wurde schon vor der Ankunft der Römer gerodet, geackert. Und im 16. Jahrhundert waren die Täler überbevölkert. Erst seit ein paar Jahrzehnten kehrt der Wald zurück. Und aus diesem Wald soll nun ein Nationalpark werden, zusammen mit zwei Inseln im Lago Maggiore, dem Monte Verità, einem Skigebiet und Bergen, Tälern, Dörfern. Vorausgesetzt, die Volksabstimmung hat Erfolg.

          „Wenn wir in der ganzen Schweiz darüber abstimmen lassen würden, ob der Locarnese-Nationalpark starten soll - dann hätten wir morgen den Park“, sagt Samantha Bourgoin, Direktorin des Tessiner Nationalparkprojekts. „Städter haben gerne Naturschutz“, fügt sie an. Aber darüber abstimmen werden nur die Anliegergemeinden. Das Tessin versucht sich derzeit sogar an zwei Nationalparkgründungen: im Hinterland von Locarno und rund um den Adula, das Rheinwaldhorn.

          Was ist ein Nationalpark?

          Der Nationalparkgedanke ist 150 Jahre alt und entwickelte sich in den Vereinigten Staaten. 1864 schuf Kalifornien auf Betreiben des Naturschützers John Muir das erste Schutzgebiet, den heutigen Yosemite-Nationalpark. Der Yellowstone-Nationalpark war 1872 schließlich der erste Nationalpark der Welt. In Europa entstand 1909 der erste in Schweden. Die Schweiz rief am 1. August 1914 im Engadin den Schweizerischen Nationalpark aus - genau hundert Jahre später noch immer der einzige des Landes. Während die frühen US-Nationalparks die Wildnis schützen sollten und der Schweizerische Park einen möglichst wilden Urzustand wiederherstellen sollte, wird der neue Tessiner Park Kulturlandschaft und 13 Gemeinden umfassen. Nur in der Kernzone werden Jagd, Holzwirtschaft und Fischfang nicht erlaubt sein.

          Begonnen hatte alles vor 15 Jahren. Damals forderte Pro Natura die Gemeinden auf, sich um einen Nationalpark zu bewerben. Das Locarnese wurde 2011 offiziell Kandidat und mit einer Million Franken unterstützt. Beendet ist es aber noch lange nicht. Am schwierigsten ist die Antwort auf die scheinbar simple Frage: Was ist ein Nationalpark? Die Schweizer denken dabei an das Engadin und den Nationalpark mit seinen strengen Auflagen: keine Dörfer, Besucher dürfen nur auf den Wegen spazieren, und die Zehen ins Wasser strecken darf man auch nicht. Der Park dient dem Schutz und der Wissenschaft. Im Tessin soll das anders sein: „Eine Nationalparkgründung als demokratischer Prozess mit einer Volksabstimmung“, so etwas gebe es nur in der Schweiz, sagt die Politologin erfreut. Es sei ein Privileg, kein fertiges Projekt umsetzen zu müssen. „Das ganze Bild des Parks entwickelt und verändert sich ständig.“ Sie zeigt auf den Wald, der undurchdringlich das Tal hinaufwächst. Man könne denken, das sei Urwald. Aber vor 80 bis 100 Jahren war hier alles abgeholzt. „Leben und Landschaft sind nichts Festes, nichts Fixiertes, sind in Bewegung.“ Für Bourgoin ist es heute nicht mehr zeitgemäß, einen Park „zu verordnen“. Allerdings: Wären ohne die politische Entscheidung die berühmten Nationalparks in den Vereinigten Staaten entstanden? Stehen nicht Gemeinwohl und ein übergeordnetes Interesse höher als die Bedenken der Anwohner?

          Echte Kerle in der rauhen Wildnis

          Der Schweizer Historiker Patrick Kupper untersuchte in seinem Buch „Wildnis schaffen“ die „transnationale Geschichte des Schweizerischen Nationalparks“ und kommt zu dem Schluss, es habe über den Naturschutz hinaus weitere Motive für Parkgründungen gegeben: Die US-Nationalparks sollten dem neuen Staat Wurzeln geben, denn den Amerikanern fehlte es an Denkmälern, es gab nichts, worauf sich eine Geschichte aufbauen ließ, keine alten Häuser, keine Kirchen, keine Vergangenheit. Beim Zug nach Westen stießen die Amerikaner auf großartige Landschaften, diese Wildnis sollte geschützt werden, als Gegenpart zur Zivilisation. Doch auch diese Landschaft war keine prähistorische, unangetastete Natur, auch dort lebten Menschen. Nur eben keine Weißen. Für manche Parks wurden die First Nations umgesiedelt, um jene Wildnis herzustellen, die sich die weiße Mittelschicht vorstellte. Eine Mittelschicht, die nach der Aneignung der Prärien verstädterte. Diese „Wildnis“ sollte der „Feminisierung der städtischen Männer“, so Kupper, entgegenwirken. Da draußen konnten sie als echte Kerle auftreten. Ähnlich rigoros war man beim Schweizerischen Nationalpark vorgegangen. Hier sollte der modernen Zivilisation Wildnis „in ihrer ursprünglichen Form“ wiedergegeben werden. Kuppers Schlussfolgerung: Wildnis ist subjektiv, der Begriff muss zeitlich verortet werden.

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