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Südtirol : Es ist, wie es ist

  • -Aktualisiert am

Nicht nur der Kirchturm war Zeuge - die Bewohner des Südtiroler Örtchens Graun mussten mitansehen, wie das Dorf geflutet wurde. Bild: Caro / Riedmiller

8000 Autofahrer kommen täglich an diesem Kirchturm in Südtirol vorbei. Seine Geschichte können immer weniger Leute am Reschensee erzählen.

          Die Menschen sahen von den Bergen hinab in ihr geliebtes Tal

          Tagtäglich stieg das Wasser höher und brachte Haus um Haus zu Fall

          Bald sah man nur noch diesen Kirchturm, mit dem der Glöckner unterging

          Es heißt: Er zieht noch an den Seilen, wenn aus dem See die Glocke klingt

          (Kastelruther Spatzen, 1994)

          Das Bild ist von solcher Wucht, dass es, einem Kunstwerk gleich, mehr und mehr Rätsel wird, je länger man es betrachtet. So idyllisch und faszinierend es wirkt, so verstörend ist es, eine wirkliche Unwirklichkeit, die eine Katastropheneleganz ausstrahlt. Egal wie man dieses Bild nun dreht und wendet, bleibt am Ende doch nur eine entscheidende Frage: Wie kam der verdammte Kirchturm bloß in den See?

          Der See heißt Reschensee, und er liegt so malerisch am Dreiländereck zwischen Italien, Österreich und der Schweiz, dass er jedes Jahr 70 000 Urlauber anlockt; weil er am Reschenpass liegt, genießt er zudem die flüchtige Aufmerksamkeit von bis zu 8000 Autofahrern - täglich. Die Urlaubsgäste mögen sich bald an den seltsam deplatzierten Turm gewöhnen, die anderen mag er beim Passieren erstaunen. Jenen aber, die einst die Kirche zu diesem Turm besucht haben, die sich darin vermählten und Messen feierten, die dort für ihre eigene Zukunft beteten und für die des Gotteshauses, denen muss man die entscheidende Frage anders stellen: Wie kam der verdammte See bloß über den Kirchturm?

          Um darauf eine Antwort zu finden, muss man einer Geschichte und ihren wenigen noch lebenden Zeugen nachspüren. Es ist eine Geschichte von Krieg und Frieden, von Natur und Kultur, von Macht und Ungerechtigkeit. Es ist also eine Südtiroler Geschichte.

          Über die Sage vom „Atlantis der Berge“

          „Wir hassen ihn noch heute“, sagt Elias Prieth irgendwann über den See. Seine Stimme ist ruhig, aber entschieden. Der 85-jährige ehemalige Lehrer und Historiker sitzt einige Höhenmeter weiter oben in seinem Haus in Graun, dem Ort, der eigentlich Neu-Graun heißen müsste. Das Dorf liegt beschaulich an diesem mit sechs Kilometern Länge und einem Kilometer Breite größten Stausee der Provinz. Wäre da nicht dieser Turm im Wasser, würde man dem Ort seine Einzigartigkeit kaum ansehen.

          Neben Elias Prieth sitzen in der Stube, unter einem schweren Kruzifix und unter vergilbten Marienbildern, seine beiden Schwestern. Anna ist 79, Josefa 84. Ein Bruder wohnt noch in der Nähe, zwei Brüder sind bereits gestorben. Die Schwestern lassen Elias in Ruhe von dem Schicksal der Familie erzählen, nur als er von Hass spricht, widersprechen sie milde: „Es is, wie’s is.“ Sie wohnen zu dritt in dem Haus, das ihnen einst gebaut wurde als Ersatz für das eigene. Davor lebten sie in dem ursprünglichen Graun, dem Dorf dort unten, das dem Wasser wich, weichen musste. „Wir waren machtlos.“

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