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Peru : Die Gemahlinnen der Sonne und die Bräute des Herrn

  • -Aktualisiert am

Geschichte in Lebensgröße: Puppen künden vom strengen Leben im Kloster. Bild: Wolfgang Albers

Bretterverschläge, nicht größer als ein Bett, an der Wand eine Geißel zur Selbstzüchtigung: Das Museo Monasterio de Santa Catalina in Cusco zeigt die düstere Seite der Klosterwelt.

          Dunkel sind die Mauern des Klosters Santa Catalina de Sena in Cusco und hoch. Rechteckig behauen und verfugt, türmen die Steine sich auf. Nur wer genauer auf die Grundmauern achtet, sieht eine weitere Technik mit perfekt gemeißelten Blöcken und trapezförmigen Nischen: Das Kloster steht auf einem Vorgängerbau.

          Als spanische Truppen Cusco erobert hatten, machten sie ihren Triumph auch äußerlich sichtbar. Sie zerstörten Tempel und Paläste und zogen auf den Resten der Ruinen ihre eigenen Bauten hoch. Das Abweisend-Wuchtige der Inka-Architektur haben die spanischen Architekten in diesem Fall beibehalten, als sollte die Erinnerung nicht ganz ausgelöscht werden. Der Inka-Bau war ein Gefängnis. Aqlla Wasi hieß er, ein Quechua-Ausdruck für: Das Haus der auserwählten Mädchen.

          Aus dem ganzen Reich wurden Aqllas in dieses Haus geschickt. Junge Frauen adliger Herkunft und allesamt bildschön. Denn sie wurden mit der Sonne und anderen Inka-Gottheiten vermählt. Sie waren Bräute, keineswegs Opfergaben. Verlangt wurde von ihnen, Hausfrauen-Pflichten zu erfüllen. So nähten sie Gewänder für die Inka-Herrscher oder brauten Maisbier für religiöse Zeremonien. Als die Spanier auf die Frauen des Aqlla Wasi trafen, die unter der strengen Aufsicht einer Mamacona genannten Aufseherin ihr keusches Leben führten, kam ihnen das bekannt vor: So nannten sie die Frauen Nonnen.

          Novizinnen lebten in Bretterverschlägen, an der Wand eine Geißel

          Auch die Praxis in katholischen Klöstern, vor allem vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, glich oft einem rigorosen Wegsperren. Darüber gesprochen wird selten. Deshalb ist ein Besuch des Klostermuseums Santa Catalina so interessant: Dort wird die düstere Seite der Klosterwelt in Szene gesetzt, buchstäblich – mit lebensgroßen Figuren.

          Da begegnet der Besucher etwa Lucia Isabel Rivero de Padilla. Ein Ölgemälde zeigt eine ältere Frau im Nonnengewand mit strengen Zügen. Den Rosenkranz in den Händen, kniet sie vor einer Marienstatue. Dabei war die Spanierin in ihrem früheren Leben nicht immer so fromm-religiös unterwegs gewesen. Sie hatte ihre Heimat verlassen, um etwas von den Reichtümern der Neuen Welt abzubekommen. Dazu heiratete sie Konquistadoren – gleich viermal, bis sie am Ende, wie eine zeitgenössische Quelle schreibt, eine Frau war, „die mit großem Aufwand lebte, mit Juwelen und in Reichtümern“. Doch als auch der vierte Mann starb und zugleich ihr Lieblingssohn, der ihr Erbe antreten sollte, investierte Lucia de Padilla in die Ewigkeit. Im Jahr 1605 kam sie nach Cusco, begleitet von vierundzwanzig Nonnen, darunter ihre eigene Tochter Isabel, und gründete auf den Trümmern des Aqlla Wasi ein Dominikanerinnenkloster.

          Ihre Zelle ist nachgebildet: ein einfaches Holzbett, eine Truhe und ein kleines Nachttischchen. Die übrigen Schwestern lebten noch spartanischer. Novizinnen lebten gar in Bretterverschlägen, nicht größer als ein Bett – an der Wand eine Geißel zur Selbstzüchtigung. Mehr Käfig als privater Rückzugsraum. Aber dafür ließ ein streng geregelter Tagesablauf ohnedies keine Zeit. Es herrschten strenge Regeln. Geredet werden durfte nicht, weshalb die stumme Runde der Nonnenfiguren an einem Tisch, jeweils durch einen freien Stuhl auf Abstand gehalten, auch in Wirklichkeit kaum lebendiger war. Vorgeschrieben war stattdessen Arbeit: Wie die Aqllas stellten die Nonnen kostbare Textilien her, für Priester, Heiligenfiguren oder zur Ausschmückung von Kirchen. Stumm führen ihre Modelle in der Sala de Labores die Nadel ins Tuch.

          Autonomie in einer männerdominierten Gesellschaft

          Und wehe, die Disziplin ließ nach. Eine Figurengruppe steht im Kapitelsaal. Mächtige Bögen geben dem fensterlosen Raum eine höhlenartige Anmutung, Wandgemälde zeigen große Asketen wie den heiligen Antonius, die den Verlockungen dieser Welt widerstanden haben. In diesem Saal mussten die Nonnen ihre Verfehlungen bekennen und Strafen entgegennehmen. Eine Bedauernswerte liegt auf dem Boden zu Füßen der Oberin, ihre Mitschwestern scheinen die Szene eher gleichgültig zu registrieren.

          Klingt alles nicht sonderlich attraktiv, und das Foto einer sehr grimmig in die Kamera schauenden Nonne aus dem zwanzigsten Jahrhundert scheint diese Einschätzung zu bestätigen. Und doch gibt es das Kloster bis heute. Die amerikanische Historikerin Kathryn Burns hat sich durch die Quellen gearbeitet und die Autonomie Santa Catalinas in einer männerdominierten Gesellschaft hervorgehoben – wirtschaftlich, aber auch intellektuell.

          Eine Installation zeigt eine Nonne an einem Tisch mit schweren Büchern. Die Beschäftigung mit der Bibel und theologischer Literatur gehörte zum Klosterleben, allen voran die Schriften der Katharina von Siena, eine der ersten Kirchenlehrerinnen. Es sei deshalb auf den Modellierer geschoben, dass die Nonne, die vor einem aufgeschlagenen Band hockt, eher verdrießlich dreinschaut – während auf einem Gemälde in ihrem Rücken der Ordensgründer Dominikus die Drachen der Ketzerei bekämpft.

          Freundlich schaut indes der Aufseher beim Abschied am Tor. Aber vielleicht freut er sich auch nur, dass er nach Feierabend in seine eigene Welt gehen kann.

          Quelle: F.A.Z.

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