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Deutschland : Alles so schön rutschig hier

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Alles außer Alpinski: Unser Autor im Schnee von Oberstdorf Bild: Nink

Schnee war unserem Autor immer suspekt. Bis wir ihn ins Allgäu schickten

          Unser Autor kann nicht Skifahren, kennt Snowboardspins nur von der Playstation, und zum letzten Mal auf einem Schlitten saß er an jenem Wochenende, an dem Rosi Mittermaier in Innsbruck ihr zweites Gold holte (das war im Februar 1976).

          Tag 1: Rudolph und das grüne Leuchten

          Die Brauen nach oben gezogen, die Stirn ein einziger Faltenwurf, den Blick voll Empathie: So können einen nur Möpse anschauen. Der Rudolph sitzt in meinem Hotelzimmer und ist golden lackiert. Bei der Ankunft hab’ ich ihn für eines dieser Design-Accessoires gehalten, das die Leute vom Hotel irgendwo unterbringen mussten, aber schon bald wusste ich: Die haben den absichtlich in meinem Zimmer plaziert, direkt neben dem Eames Chair. Damit er mir Trost spendet und Mut macht. Mit seiner buddhistischen Gelassenheit. Der Fähigkeit, zuhören zu können und selbst zu schweigen. Und natürlich mit seinem Blick, der signalisiert: Wenn jemand auf Gottes weiter Welt dich versteht - dann bin ich das. Am liebsten hätte ich den Rudolph am Ende mitgenommen. Als meinen Mentalcoach.

          Aber jetzt sind wir ja noch ganz am Anfang. Und im Oberstdorfer Langlaufstadion. Es dunkelt schon, die Tannen auf den Berghängen sehen aus wie schraffierte Bleistiftzeichnungen, und hinten am Waldrand könnte man jetzt ein Rudel Rehe beobachten, aber für Naturromantik ist keine Zeit: Wir sollen uns nämlich an Charlie Chaplin erinnern. Meint der Martin, unser Biathlontrainer. Ja, doch: Bi-ath-lon. Die Leute von Oberstdorf Tourismus haben mir ein Programm zusammengestellt, mit allen möglichen Wintersportarten - nur nicht Alpinskifahren. Es beginnt am Ankunftsabend mit Biathlon. Ich hielt das für ein Missverständnis von wegen: keinerlei Skierfahrung, keine Bundeswehr, kein Jagdschein. Die haben aber nur gemeint, sie hätten an einen Schnupperkurs Skispringen gedacht. Und dass ich das mit dem Biathlon schon hinbekommen würde.

          Der Martin ist da eher skeptisch, glaube ich. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass die anderen in der Übungsgruppe offenbar alles erfahrene Langläufer sind. Sie tragen hautenge Hosen und flachbauchbetonende Shirts, während ich in meiner aufgebauschten Regenhose und der dicken Daunenjacke phänotypisch eher an einen ferngesteuerten Teletubbie erinnere. Wo ich doch den Charlie Chaplin machen soll! „Watschelgang“, ruft der Martin, was natürlich sehr simpel klingt, mit zwei Skiern an den Füßen aber nicht ist. „Abstoßen! Gleiten!“, ruft der Martin, und alles um mich herum stößt sich ab und gleitet davon in die Nacht, und der Martin kommt zu mir und hilft mir beim Aufstehen.

          Spielarten des Wintersports: Unterwegs auf Schneeschuhen
          Spielarten des Wintersports: Unterwegs auf Schneeschuhen : Bild: Nink

          In den nächsten 17 Minuten soll ich außer Abstoßen und Gleiten noch Stockeinsatz, Dreipunktberührung und Streckhaltung lernen, während ich versuche, beim Vor-mich-hin-Stapfen irgendwie das Gleichgewicht zu halten. Und dann kommt auch noch der Teil mit dem Gewehr. Aus Sicherheitsgründen schießen wir nicht mit Kugeln; die Waffen funktionieren über Laser. Ich lasse mich am ersten Schießstand außen rechts fallen, wobei mir wegen der Skier die Außenbänder an beiden Knien reißen, also fast jedenfalls. Der Martin verschiebt meine Beine, bis es nicht mehr ganz so weh tut. „Atem halten“, ruft er. „Kimme! Korn!“, und ich halte den Atem und ziele und schieße, klackklackklack, und eine halbe Minute später leuchten die fünf grünen Lämpchen auch schon, und der Martin erleidet eine Art Schock. Er hilft mir auf die Beine; zwei Minuten später stehe ich neben ihm. „Wahnsinn“, sagt er, „absoluter Wahnsinn!“ Er schüttelt den Kopf, wahrscheinlich wird ihn das jetzt die ganze Nacht über beschäftigen. Er sieht mich mit einer Art Was-soll-ich-dir-noch-erklären?-Blick an. Halt, eine Kleinigkeit hat er doch noch: Bitte die Stöcke durch die Schlaufen greifen. Dann könne ich die Griffe beim Schwungholen hinten loslassen und so noch viel, viel schneller werden. Er klopft mir auf den Rücken, und ich schwanke und wackele hinaus auf die Runde. Als ich zehn Meter entfernt das nächste Mal hingefallen bin, höre ich, wie ein Techniker dem Martin zuruft, dass der Schießstand außen rechts defekt sei: „Die Trefferlampen leuchten, sobald man abdrückt. Egal, wohin man zielt.“

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