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Deutsche Utopien (6) : Heimatgefühle im Plasteblock

Kombinatskunst für Arbeiterhelden: Die Skulpturen Werfer und Fänger zwischen den Scheibenhochhäusern im Zentrum von Halle-Neustadt. Bild: Andrea Diener

Halle-Neustadt wurde zu DDR-Zeiten als Wohnort für den besseren Menschen konzipiert. Der große Plan blieb eine große Illusion – hauptsächlich deswegen, weil sich der Mensch weigerte, ein besserer Mensch zu werden.

          Quer durch Halle verläuft eine vierspurige Straße auf Betonpfeilern. Diese sogenannte Magistrale stelzt über Plätze hinweg, verschattet Straßen zu wüsten Schluchten und macht Teile der Stadt unbewohnbar. Aber sie verbindet auch zwei sehr widersprüchliche Hälften Halles und zwei Utopien vom besseren Leben: Eine ist 317 Jahre alt, die andere gerade einmal 48 Jahre. An einem Ende der Magistrale liegen in der Altstadt die Franckeschen Stiftungen, ehemals ein pietistisches Schulprojekt für Waisenkinder mit Bibliothek und barocker Wunderkammer, eine Schulstadt, die den Benachteiligten Bildung verschaffen wollte. Bald bewerben sich die Franckeschen Stiftungen um den Status als Weltkulturerbe - und die dominante Magistrale macht man schon einmal prophylaktisch dafür verantwortlich, dass der Antrag scheitern könnte.

          Am anderen Ende der Magistrale liegt der fast vollständig erhaltene DDR-Reißbrettentwurf Halle-Neustadt, die „Stadt der Chemiearbeiter“, so der Beiname: ein Freilichtmuseum für Plattenbauweise in all ihren Entwicklungsphasen und bis heute die größte Planstadt, die jemals in Deutschland errichtet wurde. Dieses Experimentierfeld für Stadtplanung im großen Stil ist kulturhistorisch sicher nicht weniger wertvoll als die barocke Schulstadt. Allerdings leben dort bis heute echte Bewohner, die Ansprüche und Probleme haben, so dass sich die ganze Angelegenheit einer geruhsamen Musealisierung widersetzt. Dazu kommt, dass es andere Menschen mit anderen Ansprüchen sind als die, für die diese Stadt in den sechziger und siebziger Jahren erbaut wurde. Und das ist ja immer das Problem mit diesen Utopien: Man denkt an einen bestimmten Menschentyp, einen neuen, besseren Menschen, aber der Mensch denkt überhaupt nicht daran, sich auf einen Typ festlegen zu wollen. Der Mensch will auch meistens nicht neu und besser sein, er will seine Ruhe und ein Auskommen.

          Scheibenhochhaus und Punkthochhaus

          Wir sitzen im „Café Skyline“ im obersten Stockwerk eines der sogenannten Scheibenhochhäuser - im Gegensatz zum Punkthochhaus mit seinem quadratischem Grundriss - und überblicken von der Dachterrasse aus das ganze Viertel. Überraschend grün sieht es von hier oben aus. Die bunten Fassaden der Wohnblöcke, sagt man uns, die müssten wir uns aber wegdenken, die Farbe sei erst mit der Wende gekommen. Heute gehört die einst unabhängige Stadt wieder zu Halle als ein eher ungeliebter westlicher Stadtteil, der sich langsam entvölkert. Mittlerweile ziehen nicht mehr so viele weg, die Kurve flacht ab, das ist schon ein Erfolg. Die Wohnungsbaugesellschaft saniert nach Kräften, das Quartiersmanagement bemüht sich um Belebung und positive Presse, es gibt vielversprechende Projekte. Doch vier der fünf Scheibenhochhäuser stehen im Zentrum in verkommenem Zustand herum, die Besitzverhältnisse sind schwierig, die Eigentümer teilweise untergetaucht. Abreißen will man die hohen Riegel eher ungern, sie prägen schließlich die Silhouette der Stadt.

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