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Deutsche Farbenlehre (1): Grünstadt : Der Riesling bekehrt den Fiesling

Hier muss das Glück zu Hause sein: Wenn man durch die Weinberge von Grünstadt wandert und dabei auf Dörfer wie Neuleiningen blickt, hat man keine Zweifel daran. Bild: Frank Röth

Die Gemeinde Grünstadt liegt in der nördlichen Pfalz, verteilt sich auf mehrere Dörfer, ist von einem Rebenmeer umringt und könnte die Heimat der glücklichsten deutschen Menschen sein. Liegt das allein an dem guten Wein?

          Was ist zu tun, wenn eine mordlustige Horde blutrünstiger Bauerntölpel vor den Toren der eigenen Burg randaliert und mit allerhand Unerfreulichem droht, Rauben, Plündern, Schänden, Brandschatzen, dem ganzen Schreckensszenario eben, das während der Bauernkriege des sechzehnten Jahrhunderts so üblich war? Eva Gräfin von Leiningen, Herrin der Festung Neuleiningen, Herrscherin über Grünstadt und das Leininger Land in der Nordpfalz, musste 1525 nicht lange überlegen. Sie ließ die Tore öffnen, hieß die Bande willkommen, verköstigte sie mit einem gargantuesken Mahl und füllte sie randvoll mit ihrem guten Wein, getreu dem lokalen Motto: „Ein Pfälzer Riesling bekehrt noch jeden Fiesling.“ Und tatsächlich zogen die bösen Bauernbuben nach ein paar Stunden pappsatt, quietschfidel und sturzbetrunken davon, ohne auch nur ein Steinchen der Burg zu beschädigen oder ihren Bewohnern ein Härchen zu krümmen. So siegte die gräflich-pfälzische Cleverness über die rohe Gewalt. Und wenn man es sich recht besieht, hat sich am Charakter der Pfälzer im vergangenen halben Jahrtausend nichts Nennenswertes verändert: Sie sind immer noch lebensklug und bauernschlau, gastfreundlich und großzügig, warmherzig und weltoffen. Und all das macht sie möglicherweise zu den glücklichsten aller deutschen Menschen.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Maik Gehrke kann ein Lied davon singen. Er stammt vom Müritzsee in Mecklenburg, steht seit anderthalb Jahren am Herd der „Alten Pfarrey“ einen Steinwurf von der Neuleininger Burg entfernt, sitzt uns jetzt in diesem entzückend idyllischen Barockpfarrhaus gegenüber und spricht nur in den höchsten Tönen von seiner Wahlheimat. Für ihn als Koch sei die Pfalz ein Schlaraffenland, wegen des Spargels, der Aprikosen, des Wildes aus dem Pfälzerwald, als Jägerssohn kenne er sich da aus und vermisse hier eigentlich nur seinen geliebten Müritzbarsch. Und für ihn als Mensch seien die Pfälzer eine Offenbarung: unkompliziert, offenherzig, kein bisschen misstrauisch oder mürrisch. Niemand mache blöde Ossi-Sprüche im Fußballverein, niemand zeige ihm die kalte Schulter, an keiner offenen Tür könne er vorbeigehen, ohne zu einem Schoppen eingeladen zu werden. Bei ihm zu Hause auf dem flachen Land sei das ein bisschen anders. Und Maître Gehrke sagt das so erstaunt, als könne er noch immer nicht recht glauben, was ihm da widerfährt.

          Die elfte biblische Plage

          Heimatstolz sind diese Pfälzer, die in ihrer Deutschen Weinstraße nichts weniger als die Weltachse sehen, sture Lokalpatrioten aber sind sie nicht. Und so kann Maik Gehrke unter dem Glanz eines Michelin-Sternes französische Haute Cuisine mit mediterranen Momenten kochen, ohne sich Pfälzer Saumagenklassikern anbiedern zu müssen. Stattdessen gibt es bei ihm Jakobsmuscheln mit Balsamjus, Étouffée-Taubenbrust mit Rotweinschalotten oder einen gratinierten Rinderrücken mit Sellerie-Espuma - ein Mahl, noch viel raffinierter als jenes, das einst die Bauernkrieger von der raffinierten Gräfin Eva bekamen. Dabei müssen wir doch gar nicht von unserer eigenen Friedfertigkeit überzeugt werden.

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