http://www.faz.net/-gxh-8gsuy

Deutsche Bahn : Nachtzug ins Nirgendwo

  • -Aktualisiert am

Gleich wird’s dunkel: Cary Grant und Eva Marie Saint in Alfred Hitchcocks „North by Northwest“. Bild: Corbis (c) John Springer Collection/COR

Das Bahnfahren im Schlaf gibt es bald nicht mehr. Die Deutsche Bahn schickt ihre Schlafwagen aufs Abstellgleis. Eine besondere Form des Reisens geht zugrunde

          Wir rollten gerade über die Elbe, ich war frisch geduscht, freute mich am Geruch des Kaffees und strich mir die Erdbeermarmelade auf das Brötchen, das mir der Schaffner gebracht hatte, als jemand an die Türe meines Abteils klopfte, eher schlug. Ich öffnete, und vor mir stand ein wildfremder Mann Mitte dreißig mit weit aufgerissenen Augen und sichtbar erhöhtem Puls. Er rief, als wäre ich schwerhörig: „Die wollen das hier alles dichtmachen!“ „Wir müssen alle protestieren!“ „Bitte, tun auch Sie etwas!“ Dann lief er zur nächsten Tür weiter.

          Zu meinem Reiseziel, Annecy am Rand der französischen Alpen, war ich aus Zeitgründen geflogen, mit schlechtem Gewissen, weil ich dort bei einer Frühjahrsakademie der Studienstiftung deutsche Studenten über globale Umweltprobleme aufklärte. Doch für den Rückweg hatte ich mehr Zeit, genug sogar, um in Lyon noch ein Museum zu besuchen. Wie sollte ich von dort nach Berlin zurückkommen?

          Von Lyon fliegen, wie die Reiseplattformen es ausspucken, vier bis sechs Stunden Unterwegssein mit Umsteigen in Brüssel für 160 Euro? Das hieße nochmals rund 500 Kilogramm Kohlendioxid in die Atmosphäre zu pusten, ein Viertel von dem, was ein durchschnittlicher Inder im ganzen Jahr zur Erderwärmung beiträgt, und von dem, was bei 12 000 Kilometern Autofahren entsteht. Das hieße auch, die Reise in eine Reihe toter Zeitstücke zu verwandeln, eine Stunde zum Flughafen, eine Stunde zum Check-in, drei Stunden in der Luft, eine halbe Stunde auf das Gepäck warten, eine halbe Stunde nach Hause.

          Reisen als ruhige, ununterbrochene Zeit

          Ich entschied mich für den Nachtzug. Nach dem Museumsbesuch stieg ich um 17 Uhr in Lyon in den TGV nach Basel, dort wartete im City Night Line schon das gemachte Bett auf mich. Morgens um sieben sollte er in Berlin-Südkreuz ankommen. Das sind 14 Stunden Reise, aber bestehend aus ruhiger, ununterbrochener Zeit - zum Lesen, Arbeiten, Aus-dem-Fenster-Gucken, Schlafen. Vom Südkreuz ist es ein Katzensprung nach Hause. Ich sah darüber hinweg, dass der Zug keinen Speisewagen führte, sondern nur ein Bistro mit, man kann es kaum anders sagen, senfgelb-ranzigem Ambiente. Nach 20 Uhr soll man sowieso nichts mehr essen, dachte ich. Das Bier ließ mich selig schlummern. Aus dem Nachtzug-Wohlgefühl riss mich dann der entsetzte Passagier.

          Rund eineinhalb Millionen Menschen sind noch im vergangenen Jahr wie ich mit dem Nachtzug gefahren. Doch schon bald soll Schluss damit sein. Wovon mein erregter Mitreisender erfahren hatte, ist ein harter Einschnitt in der Geschichte des Reisens in Deutschland und Europa. Die Deutsche Bahn will den Nachtzugverkehr am Jahresende ganz einstellen, die französische Bahn vollzieht den Schritt schon im Juli. Die durchaus beliebten Autoreisezüge und Nachtzugstrecken wie Berlin-Paris und Berlin-München hat die Deutsche Bahn schon aus dem Angebot gestrichen. Die Bahn setzt ganz auf den ICE als Reiseform, die Begründung dafür klingt ökonomisch plausibel: „Nachtzüge erwirtschaften seit Jahren Verluste in zweistelliger Millionenhöhe, den hohen Betriebskosten stehen geringe, stagnierende Einnahmen gegenüber.“

          Weitere Themen

          Ehrenrunde sorgt für Diskussionen Video-Seite öffnen

          Air-Berlin-Flug : Ehrenrunde sorgt für Diskussionen

          Ein Manöver am Flughafen Düsseldorf am Montag könnte einem Air-Berlin-Piloten vielleicht noch Ärger einbringen. Auf seinem letzten Langstrecken Flug von Miami nach Düsseldorf zieht der Flugkapitän statt zu landen hoch und saust noch einmal am Tower vorbei. Das Luftfahrtbundesamt forderte Air Berlin auf, Stellung zu dem Vorfall zu nehmen.

          Griff in den Zimt Video-Seite öffnen

          Sri Lanka : Griff in den Zimt

          Arbeiten, um reisen zu können – klingt wunderbar! Aber was passiert, wenn Work & Travel danebengeht?

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.