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Der Reisepass Der unbestechlichste Zeuge der Erinnerungen

31.03.2008 ·  Jeder Stempel, jedes Visum im Reisepass belegt eine Grenze, die man überschritten hat. Doch alle zehn Jahre gibt es eine Zäsur: Vom schmerzlichen Abschied von einem Dokument, das die Kapitel unseres Lebens enthält.

Von Andreas Obst
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Wer viel reist, bleibt irgendwann allein zurück. Man wird nicht mehr eingeladen, weil man einmal zu oft abgesagt hat, und die Geschichten aus der Welt will auch niemand mehr hören. Womöglich sind sie einander über die Jahre zu ähnlich geworden. Und ist es nicht erstaunlich, wie viele Menschen es gibt, die Mombasa für eine Insel im Indischen Ozean halten und Mosambique für ein Dorf in Kambodscha - und wie wenig es ihnen bedeuten würde, die Wahrheit zu erfahren?

Am Ende bleibt einem nur der eigene Reisepass. Er ist der unbestechlichste Zeuge der Erinnerungen, womöglich ist es der einzige wirkliche. Jeder Stempel, jedes Visum belegt eine Grenze, die man überschritten hat. Den Beginn einer Reise - oder ihr Ende. Ein Abenteuer, das man eingehen wollte, ein anderes, über dessen Ausgang man erleichtert war. Stempel, die Versprechungen waren, und solche, die Erlösung brachten. Blaue Stempel, grüne, schwarze, rote. Jeder Eintrag steht für eine Geschichte, ein Kapitel des Lebens.

Eine Zäsur

Doch alle zehn Jahre gibt es eine Zäsur. Man hat erkannt, dass der Reisepass bald ablaufen wird, und einen neuen beantragt. Es ist die allerletzte Reise mit dem alten Dokument. Noch einmal gibt es neue Stempel, ein Visum, vielleicht sogar eine jener bunten Briefmarken, die in den Pass geklebt werden. Ein letztes Mal erhält man ihn zurück, womöglich früh am Morgen, nach einem langen Flug durch die Nacht, aus der Hand eines schlecht gelaunten Beamten bei der Rückkehr nach Hause. Doch etwas ist anders als sonst - es ist das letzte Mal.

Den alten Pass soll man hergeben, sagt die Beamtin hinter dem Schreibtisch im Meldeamt, sonst gibt es keinen neuen. Sie sagt es nicht einmal unfreundlich. So sei es eben, die Vorschriften, man müsse verstehen. Man kennt das Spiel vom letzten Mal, gibt trotzdem neuerlich vor, nichts zu verstehen, und beginnt zu argumentieren. Den Pass wollen Sie behalten? Also gut, dagegen sei nichts einzuwenden. Ungültig allerdings müsse er gestempelt werden. Es ist, wie es immer war. Man hätte behaupten sollen, den Pass verloren zu haben. Es gibt so viele Menschen, die ihre Ausweise verlieren. Warum hat man nicht daran gedacht. Jetzt gibt es kein Zurück. Der Reisepass liegt auf dem Tisch, die Beamtin hat den Stempel schon in der Hand. Eine Doppelseite nach der anderen schlägt sie auf, und genau in die Mitte hinein drückt sie den Stempel.

Wie ein Brandmal

„Ungültig“ steht da jetzt in großen roten Lettern. Es ist wie ein Brandmal. Man wundert sich, dass die Seiten des Passes nicht unmittelbar zu rauchen beginnen, es nicht nach verbranntem Papier riecht. „Für alle Länder“, hatte es auf der ersten Seite geheißen, so viele Länder hat man damit besucht. Der Stempel schlägt auf das Visum für Brasilien, ein sandfarbenes Blatt, beschriftet mit der Schreibmaschine, unterzeichnet vom „Cônsul-Adjunto“, dann sorgsam eingeklebt. Ungültig. Er donnert auf den Sichtvermerk für Litauen, ein grafisches Kunstwerk mit spiegelnder Vignette in der linken oberen Ecke. Ungültig. Dann das Visum für Eritrea. Wie wir uns damals in der Botschaft in Addis Abeba darum bemüht hatten, an einem heißen Nachmittag im September, stundenlang hatten wir darauf warten müssen. Der Stempel kennt kein Erbarmen: Ungültig. Und schließlich der ganz besondere Eintrag. Das Unikat. Es machte diesen Pass einmalig.

Mit der Hand hatte ein müder, gelangweilter Beamter an der Grenze zwischen Mali und Burkina Faso seinerzeit auf die Seite geschrieben: „Vu à l'entrée du Burkina Faso“ - seinen Stempel habe er gerade verlegt, hatte er uns erklärt. Ob wir hereinkommen wollten, auf eine Tasse Tee. Dann hatten wir mit ihm Tee getrunken, und plötzlich war ein Geräusch hinter einer vergitterten Tür zu hören gewesen, ein verzweifeltes Schluchzen, das abbrach, kaum dass wir es wahrgenommen hatten. Der Beamte hatte uns erzählt, und seine Stimme war plötzlich voller Verachtung gewesen, dort hinter der Türe sitze einer der Bauern, die man gestern aufgegriffen habe, als sie versuchten, Matratzen über die Grenze zu schmuggeln - richtige Schaumstoffmatratzen, ob wir uns das vorstellen könnten. Wir konnten es uns nicht vorstellen. Auch auf diesen Eintrag kracht der Stempel: Ungültig.

Es krachte noch viele Male. Und immer schien es mir, als würde eine Erinnerung beschädigt - wertlos gemacht; als würde die Reise gleichsam im Nachhinein storniert, als wäre ich nie anderswo gewesen. Als sie das Stempeln beendet hatte, nahm die Beamtin eine Schere und schnitt aus einer Ecke der Plastikkarte mit meinen Lebensdaten am Anfang des Passes die untere Ecke ab. Da tat es schon fast nicht mehr weh. Sie sind aber viel herumgekommen, sagte sie zum Abschied und gab mir den Pass zurück. Ja, sagte ich, es geht.

Quelle: 28-10-1999, F.A.Z., Reiseblatt (Reiseblatt), Seite R1
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