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Veröffentlicht: 05.02.2017, 16:30 Uhr

Italien Im Refugium des furchterregenden Tatzelwurms

Das Vigiljoch hoch über Meran ist das Rückzugsgebiet erholungsbedürftiger Städter - und scheuer Fabelwesen. Daran ändert auch das einzige Luxusresort nichts.

von Helmut Luther
© Traudi Postinghel Das Vigiljoch gehört den Meranern: Unter der Woche ist kaum etwas los rund ums Kirchlein, am Wochenende wird getourt und gerodelt.

Nur zwei Tische sind im Speisesaal des Gasthofs Jocher besetzt. An einem sitzt eine Skitourengruppe beim zweiten oder dritten Bier. Am anderen Tisch hocken zwei alte Männer und trinken Rotwein aus dicken Gläsern. Mit ihren Bergschuhen und Wollpullovern, an denen Heuhalme kleben, sind die Alten leicht als Viehbauern erkennbar. Sie heißen Johann und Ägidius Klotz, zwei Brüder, 85 und 84 Jahre alt, und werden von allen nur Hans und Giedl genannt. Sie wohnen in einer Blockhütte wenige Meter unterhalb des Gasthofes, ohne Fernseher, Handy, Computer oder Telefon. Weil die eisige Kälte durch die Ritzen in ihre Hütte dringt, suchen Hans und Giedl Zuflucht bei der Wirtin Traudi, die den Gasthof auf 1770 Metern seit einigen Jahren alleine führt.

Sie habe die beiden Alten adoptiert, sagt Traudi - indem sie sich um Hans und Giedl kümmert, sie verköstigt und Letzteren kürzlich dazu nötigte, sich im Krankenhaus in der Stadt unten am Grauen Star operieren zu lassen. „Er wusste nicht einmal, dass er einen Hausarzt hat.“ Im Gegenzug bekommt Traudi von den Bauern das Heu für ihren Streichelzoo. „Lange wird es nicht mehr gehen“, brummt Giedl, er sorgt sich um die Tiere. Was wird aus ihnen, wenn er und Hans ins Altenheim müssen? Giedl ist von den beiden Brüdern der zugänglichere, obwohl er sich, vorsichtig formuliert, nicht gerade kontaktfreudig zeigt. Hans behauptet, seit einem Unfall nicht mehr richtig zu hören. Doch das könnte auch eine Ausrede sein, um in Ruhe gelassen zu werden.

Seit sechzig Jahren leben Hans und Giedl beim Jocher. Den alten Schlepplift vor dem Haus haben sie eigenhändig dort aufgestellt. Über Jahrzehnte reichte der eine den Skifahrern an der Talstation den Tellersitz, der andere nahm ihn oben in Empfang. Vigiljoch heißt der Berg über Meran, der mit seinem breiten Rücken das Ultental, den Vinschgau und das Etschtal verbindet. In diese von Nadelwäldern überzogene Bergregion sind Almwiesen hineingetupft. Ab und zu schlängelt sich eine Skipiste über die Hänge. Das Vigiljoch ist als Landschaftsschutzgebiet eingestuft, was unter anderem bedeutet, dass es nur mit der Seilbahn zu erreichen ist. Übrigens seit 1912, mit der zweitältesten Seilbahn der Welt. Auf Schwarzweißfotos sieht man Herren in Knickerbockern und Damen in wallenden Röcken beim Üben des Stemmbogens. Auf Prospekten aus der Zwischenkriegszeit ist das Gebiet als Urlaubsziel zwischen Mailand, Paris und Wien eingezeichnet, was heute seltsam anmutet, denn das Joch, wie es die Einheimischen nennen, liegt ziemlich weit ab vom Schuss.

„Da braucht man während der Fahrt nicht zu reden“

Genau das hat Ulrich Ladurner gereizt, hier ein besonderes Hotel zu errichten. Der Unternehmer, der sein Geld mit der Herstellung glutenfreier Nahrungsmittel verdient, beauftragte vor zwölf Jahren den Stararchitekten Matteo Thun. Dieser plante ein Luxus-Resort aus Naturmaterialien, das sich heute mit seiner silbrig verwitterten Lärchenholzfassade nahtlos in die umliegende Waldeinsamkeit einfügt. Als Unternehmer sei man ständig mit Zahlen konfrontiert, daher habe er als „emotionale Aufgabe“ das Hotelprojekt in Angriff genommen, erklärt der Mittsechziger. Was Ladurner dann über sein Mountain Resort als Alternative zum Massentourismus sagt, hört sich zwar ganz nach nüchterner Kalkulation an. Aber Ulrich Ladurner erzählt auch, dass er hier am Vigiljoch Ski fahren gelernt habe, und klingt dabei, als erinnere er sich an die erste Liebe. Schon das Herauffahren mit der Seilbahn sei ein Akt des Abstandnehmens, man betrete eine eigene Welt. Das Vigiljoch ist ein Zauberberg, auf dem eine nostalgische Atmosphäre herrscht, eine Stimmung wie in der Epoche vor den Gluten- und anderen Intoleranzen - so bekomme ich es in den folgenden Tagen von allen zu hören.

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