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Ritterkampf in Spanien : Mögen die Spiele beginnen

  • -Aktualisiert am

Immer feste auf die Mütze, die in diesem Fall ein Helm ist: Bei den Ritterspielen von Belmonte werden keine Verluste gemacht. Bild: Getty Images

Auch Ritter brauchen einen Weltmeister: Beim Vollkontakt-Schwertkampf in Schloss Belmonte in Spanien schlagen sich ein paar Exzentriker die Helme ein - sehr zur Freude des Publikums.

          Der amerikanische Ritter in Rot-Weiß-Blau holt mit seiner Axt so weit aus, dass ein Kunsthistoriker sagen würde: „Hodlers Holzfäller!“ Aber das Ziel seiner Klinge ist nicht ein Baumstamm, sondern ein Pole mit Schwert und Schild. Der letzte, der noch steht. Dann fliegt der Stahlkeil auf ihn zu. Das Publikum hält gebannt die Luft an, während die Klinge ihre Bahn durch die flirrende spanische Hitze zieht. Aus den Lautsprechern tönt Heavy Metal. Die Zuschauer schreien, als wären sie selbst getroffen, und man fragt sich kurz, ob die vielen Kinder im Publikum hier wirklich richtig sind, ob dieses Mittelalterfest nicht eher FSK 16 ist. Doch die Kinder fallen vor Begeisterung fast von den Stühlen, als der Pole über den Haufen aus Kollegen und Konkurrenten kippt, die schon im Sand liegen. 1:0 für die US-Ritter im polnisch-amerikanischen Finale um den Weltmeistertitel.

          Am Ende siegt die Freundschaft: Ein japanischer und ein österreichischer Freizeitritter spenden einander Trost.

          Mittelalterlicher Vollkontakt heißt der Kampfsport. Sein Ursprung liegt im Osten, in Russland, Polen und der Ukraine, wo er sich seit etwa zehn Jahren entwickelt. Die Regeln sind schlicht. In einer Art Rodeo-Gehege gehen zwei Teams aufeinander los, bewaffnet mit stumpfen Schwertern, Hellebarden und Äxten und geschützt mit Ritterrüstungen. Erlaubt ist alles, außer stechen. Gewonnen hat, wer als Letzter noch steht. Die Sanitäter rennen mit der Bahre durch den aufgewirbelten Staub. Aber der Pole ist unversehrt. Zwei Millimeter Stahl auf zwei Zentimeter Stoff haben den Axt-Schlag abgefangen. Auf zur nächsten Runde.

          Kombattanten aus der ganzen Welt

          Dass sich auf dem frisch renovierten Schloss Belmonte, südlich von Madrid, Polen und Amerikaner Dellen in die Helme schlagen, ist vorläufiger Höhepunkt eines modernen Ritterepos. Der Sohn eines russischen Oligarchen, der die Musketiere liebt, ein US-Marine, der „Captain America“ verehrt, sowie ein spanischer Adliger, dessen Hochzeitsfotos auf der „¡Hola!“ waren, spielen darin eine Rolle. Und die umworbene holde Braut sind wir: das Publikum. Fast 10 000 sind heute gekommen, um das Spektakel zu sehen.

          Jetzt wird es ernst: Das Finale eines Kampfes in Belmonte.

          Beginnen wir die Geschichte im amerikanischen New Jersey. Andre Sinou, Elitesoldat der US-Streitkräfte und in Friedenszeiten Schmied mittelalterlicher Sportrüstungen, sah vor drei Jahren ein paar verrückte Videos im Internet. „Ich hatte 25 Jahre lang in Mittelaltergruppen mit Holzwaffen gekämpft“, erinnert sich Sinou, muskelbepackt, sonnengebräunt und mit militärischem Kurzhaarschnitt. Aber was er da im Internet sah, versprach mehr Thrill: Russische Ritter, die mit voller Wucht mit Stahlwaffen gegeneinander kämpfen. Sinou, damals Mitte vierzig und zurück aus dem Irak, musste und wollte sie herausfordern. Doch nicht nur Sinou war von den Videos angezogen. Überall auf der Welt formierten sich Ritter-Vereine, um an einem internationalen „Battle of the Nations“ teilzunehmen. In Italien, Neuseeland, Japan, Argentinien, Deutschland. Einige der Ritter kamen aus der Mittelalterszene. Sie haben Spaß am Zelten auf Stroh, am Tragen mittelalterlicher Kleidung und am Essen mit Holzlöffeln aus Tontöpfen. Andere sahen die Kämpfe einfach als Sport. Da ist der Fitnesstrainer, der auf dem Feld seine Kraft misst, neben dem Geschichtsstudenten, der seine Mitstreiter in historischen Rüstungsfragen unterrichtet. Da ist der Buchprüfer aus Paris, der seinen Kollegen im Büro nichts von seinem „Fight Club“ erzählt, weil sie es „nicht verstehen“ würden, neben dem US-Berufssoldaten, der den Kampf auch als Therapie sieht. Sie alle reisten vor zwei Jahren zum „Battle of the Nations“ nach Warschau. Und sie alle kriegten von den Russen gehörig eins auf die Helme.

          Die Schlacht der Nationen

          „Polska, Polska, Polska!“, skandiert das Publikum jetzt. Das Gelände von Schloss Belmonte gleicht einem Stadion. Tausende Zuschauer sitzen auf der Tribüne, auf dem sandigen Hügel, auf der Burgmauer und hoch oben auf den Türmen des Schlosses. Den jungen Polen ist es in den letzten vier Tagen, seit das Tournier läuft und vom spanischen Fernsehen übertragen wird, mit viel Fahnenschwingen und Olé-Chören-Einstimmen gelungen, die Spanier auf ihre Seite zu ziehen. Neben dem Feld ist Sinou der Star aus den Staaten. Geht er durch den Mittelaltermarkt, an den Essenszelten vorbei zum Gaukler mit der Raubvogelschau, bitten ihn spanische Kinder um Fotos und Autogramme. Er ist eine lebende Actionfigur mit Anzug in den Farben der US-Flagge, ein Ereignis für sich. Sinou unterschreibt jeweils mit „Captain America“, dem Idol seiner Kindheit. Doch die zweite Runde läuft nicht gut für Captain America. Die Polen kesseln die Amerikaner ein und schlagen einen nach dem anderen unter Jubel in den Sand. Als Sinou in seiner glänzend polierten Rüstung einem Kameraden zu Hilfe eilt, den die Polen malträtieren, als wollten sie ihn enthaupten, prallt er an einem Gegner wie an einer Mauer ab und fällt mit seinem 23-Kilo-Panzer rücklings in den Staub. 1:1 für Polen. Jetzt ist alles offen.

          Von wegen Finsternis: Auch im Mittelalter wurde auf ein akkurates Äußeres Wert gelegt.

          Es war im vergangenen Jahr an der Côte d’Azur, als die politische Landkarte des neuzeitlichen Mittelalters zwischen Ost und West zerbrach. Dabei begann alles sehr vielversprechend. Der dritte „Battle of the Nations“ sollte den Randsport auch in Westeuropa salonfähig machen. Die Veranstalter aus Russland und der Ukraine wollten ihn aus dem düsteren Untergrund holen und zugleich auf Abstand zu den behäbigen Mittelaltermärkten halten. So brachial-glamourös wie Boxen machen und so historisch-cool wie asiatische Kampfkunst. Das mittelalterliche Aigues-Mortes bei Montpellier war dazu die perfekte Kulisse. In den Ort kommen täglich Tausende Touristen. Die Restaurants und Hotels sind gediegen.

          Düstere Spekulationen machen die Runde

          Doch schienen die Veranstalter aus Charkiw von Event-Marketing in Frankreich kaum Ahnung zu haben. Die Zuschauerzahl war ernüchternd. War die westliche Welt vielleicht einfach nicht mehr bereit für diesen Sport? Oder war es die Wirtschaftskrise? Zugleich sank die Stimmung unter den Rittern des Westens mit jedem Turniertag. Sie beschwerten sich über Parteilichkeit der Schiedsrichter, die meist aus dem Osten kamen. Oder über die Waffen, die diese russischen Kämpfer ins Gehege ließen. Noch dazu waren manche russischen Kämpfe so offensichtlich abgesprochen, dass sich selbst Wrestlingfans um ihren Eintritt betrogen gefühlt hätten.

          Das eigentliche Problem aber waren die Finanzen. Über die Herkunft der Gelder kursierten teils düstere Spekulationen. Doch erwies sich der schleierhafte Großsponsor, von dem man immer nur munkelte, am Ende als fast ein wenig kindlich. Er hieß Eugen, nannte sich aber nur „René“, wie der König, und war der Sohn eines russischen Oligarchen und Putin-Vertrauten. Der Vater machte im Tourismus Karriere und wurde mit Minen reich. Es erforderte ein paar Tricks, um mit König René zu sprechen, darunter die Behauptung, ich hätte Berner Ritterblut. Wir trafen uns im Mittelalterzelt neben der Ritterbar. Er saß auf einem Sessel, ich auf einem Heuballen. Er war nett. Anfang dreißig, einst selbst kämpfender Ritter - „aber der Rücken . . .“, klagte er. Mit dem „Battle of the Nations“ wollte er vielleicht auch ein wenig in die Fußstapfen des Vaters treten, der an den Olympischen Spielen in Sotschi mitwirkte. Während des Gesprächs passten ständig Freunde auf Eugen auf, als sei er ein kleiner Junge. Eine Kollegin drehte ihm (etwas zu spät) das Namensschild weg, weil ich aus unerfindlichen Gründen nicht wissen sollte, wie er wirklich heißt, oder wies mich darauf hin, dass er nur Witze mache, als er einen Witz um die Frage machte, ob er ein Diktator sei. Die Ritter des Westens empfanden genau dieses Thema nicht mehr als Witz. Sie klagten, dass René im Hintergrund über alles Wichtige selbst entscheide und sie praktisch keine Mitsprache hätten.

          Wie im Kalten Krieg

          „Ich sehe meine Aufgabe darin, der Anführer von Ehrlichkeit und Fairness zu sein“, sagte mir Sinou damals in Aigues-Mortes. Es klang wie aus einer Sprechblase von Captain America, und ich hätte am liebsten die Augen verdreht. Aber dass Sinou keine Lust hatte, noch länger eine von „Renés Puppen“ zu sein, war nur zu verständlich. Der Rest Westeuropas sah es auch so. Und so schlossen sich die Ritter des Westens unter dem Vorsitz Polens und Deutschlands zu einer Art Mittelalter-Nato zusammen und riefen eine eigene Weltmeisterschaft aus. Der spanische Fürst Javier Fitz-James Stuart, ein Fan, stellte dafür sein Schloss Belmonte zur Verfügung und rief seine Landsleute zum Besuch auf.

          Zur Hölle mit Dir, Du Teufelssohn! Und danach trinken wir in aller Ruhe einen Schoppen miteinander, denn schließlich wollen alle in Belmonte nur ihren Spaß haben.

          Das war vielleicht das größte Glück für den Sport. Denn im Gegensatz zu den Ukrainern in Frankreich versteht sich Javier Fitz-James Stuart offenbar in Tourismus-Marketing. Die Spanier kamen zu Zehntausenden. Die armen Ritter des Westens verdienten dabei zwar nichts, kämpften aber immerhin vor einem riesigen Publikum. Der Osten versuchte derweil Touristen und Teilnehmer mit lauter neuen Verheißungen zu seinem „Battle of the Nations“ zu locken, der in diesen Tagen im kroatischen Trogir stattfindet, einer Mittelalterstadt an der Adria. Von Massagen für die Ritter, Großleinwand für die Zuschauer und „substantiellen Preisgeldern“ ist die Rede. Captain America fährt trotzdem nicht hin.

          Auf dem Schlachtfeld in Belmonte ist ein US-Ritter rückwärts derart gegen das Gehege gekracht, dass die Balken brachen. Da hängt er nun wie ein Boxer in den Seilen. Doch prallt der letzte Pole unglücklich an ihn ab und geht zu Boden. Die Vereinigten Staaten sind: Weltmeister! Oder so was Ähnliches. Denn die Russen haben die Schlacht des Westens natürlich boykottiert. So haben sie weder gewonnen noch verloren. Es ist wie nach dem Kalten Krieg.

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