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Surfspot Nazaré in Portugal : Das große Dröhnen

Portugal schlägt wieder Wellen: Ab Oktober brechen sich vor dem Leuchtturm von Nazaré die größten Wellen der Welt. Ein paar Surfer wagen sich dann ins Wasser – und Tausende sehen zu. Bild: © Ricardo Alves/Schapowalow

Vor Nazaré in Portugal surfen bald wieder ein paar Ausnahmesportler die höchsten Wellen der Welt. Das Ereignis spült auch Tausende Touristen in den Strandort.

          Es ist ein ruhiger Oktobertag in Nazaré. Oben an der alten Festung mit dem roten Leuchtturm schlendern ein paar Touristen umher, fotografieren sich unter dem Bogen mit der Aufschrift „Big Wave Nazaré Challenge“ und blicken dann gebannt auf das Meer und das, was sich dort unten abspielt. Heute ist kein einziger Surfer im Wasser, dafür sind die drei bis vier Meter hohen Wellen viel zu klein. Aber der brachialen Energie, die das Meer vor Nazaré versprüht, kann sich keiner entziehen. Ein böiger Wind peitscht über die Steilküste und wühlt den Atlantik auf. Die Wellen brechen ungeordnet in die Felsen, schwappen zurück, kollidieren mit anderen Wellen und zerstäuben dann in weißer Gischt. Am Strand, dem breiten Praia do Norte, verlieren sie sich in einem heillosen Weißwasser-Chaos. Sogar hier oben am Leuchtturm, 100 Meter über dem Wasser, legt sich schnell ein Salzfilm auf die Haut und das Grollen der Wellen dröhnt wie eine Warnung in den Ohren. Es scheint fast so als schüttle der Atlantik die vergangene Sommersaison von sich ab. Und als hole er tief Luft für das was jetzt kommt.

          Andreas Lesti

          Freier Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In den nächsten fünf Monaten, wenn die Herbst- und Winterstürme über dem Ozean toben, entstehen genau hier, vor dem Leuchtturm auf der Landzunge, die das kleine Fischer- und Badestädtchen Nazaré vom Praia do Norte abgrenzt, die höchsten Wellen der Welt. Durch einen 5000 Meter tiefen und 40 Kilometer langen Unterwassercanyon schaukeln sie sich auf, bis sie sich genau vor dem Leuchtturm 20 bis 30 Meter auftürmen; 500.000 Tonnen schwere Hochhäuser aus Wasser, die mit Tempo 70 auf die Küste zu rasen und sich dann brechen. Es klingt jedes Mal wie eine Detonation. Im Dezember 2011 surfte der Amerikaner Garrett McNamara eine dieser Monsterwellen. Sie wurde später mit 24 Metern vermessen. Es ist bis heute – wie im Guinessbuch der Rekorde nachzulesen ist – die höchste jemals gesurfte Welle der Welt. Und dass das nicht in Kalifornien, auf Hawaii oder Tahiti geschah, sondern in einem portugiesischen Kaff, 120 Kilometer nördlich von Lissabon, das bis dahin in der Surfszene weitgehend unbekannt war, ließ viele aufhorchen. Und veränderte in Nazaré alles.

          „Big Wave Awards“ : Große Wellen und schlimme Stürze

          Walter Chicharro ist Bürgermeister von Nazaré und wirkt auch sechs Jahre nach der Weltrekordwelle wie ein Mann, der nicht fassen kann, was seither in seinem Heimatort passiert ist. Denn seit die Fotos und Videos von McNamaras Höllenritt um die Welt gegangen sind, wollen plötzlich alle diesen Ort sehen. „Unsere Saison hört nicht mehr im September auf“, sagt er. „Sie geht nun direkt über in die Bigwave-Saison. Jetzt ist es bei uns auch im Herbst und im Winter voll.“ Da sind einerseits die Profi-Surfer selbst. Nachdem McNamara gezeigt hat, dass diese Wellen surfbar sind, wagen sich auch andere an sie heran. 35 bis 40 Ausnahmesportler sind mittlerweile verrückt genug, sich auf diesen Wahnsinn einzulassen. Sie alle reisen mit Teams von zehn bis zwanzig Leuten an, haben ihre Jetskifahrer dabei, die sie in die Wellen ziehen, aber auch eigene Techniker, Filmteams und zum Teil sogar Ärzte. Einer von ihnen ist der Deutsche Sebastian Steudtner. In Nazaré ist er 2015 eine 22 Meter hohe Welle gesurft und hat zum zweiten Mal den „XXL Big Wave Award“ gewonnen, den Preis für die höchste gesurfte Welle des Jahres. Für Surfer ist das eine Art Oscar. Steudtner lebt während der Saison in Nazaré, um dort keinen Tag mit hohen Wellen zu verpassen. „Das Wasser hat hier so eine Gewalt“, sagt er am Telefon und erzählt, wie er im Februar von einer 20-Meter-Welle gefallen ist: „Es zerreißt Dich einfach, dir wird die Luft aus der Lunge gedrückt und Du wirst wie ein kleiner Ball unkontrolliert hin und her geschleudert. Für jeden Ottonormalverbraucher“, fügt er hinzu, „wäre das tödlich.“ Die Surfer von Nazaré trainieren diese Situationen.

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