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Veröffentlicht: 26.03.2015, 13:22 Uhr

Am Lago Maggiore Langsame Fahrt durch die gestirnte Nacht

Die Kurhäuser am schönen Ufer, illustre Nachbarn, komponierende Maestros und ein kleiner dicker Berliner mit Schreibmaschine: Das Familienhotel Rivabella in Brissago hat sie alle überlebt.

von Astrid Ludwig
© Astrid Ludwig Brissago am Lago Maggiore: Dass es sich hier aushalten lässt, wussten Generationen von Komponisten, Schriftstellern und Politikern.

Der Südwind streichelt die Palmenwedel und lässt sie leise klappern. Samtig blau flutet der Lago Maggiore durchs Fenster herein. Die Wellen, die der See an den kleinen Kieselstrand spült, klingen von Ferne wie Meeresrauschen. Vielleicht hatte der Maestro ja diesen Ausblick vor Augen, als er in seiner „Mattinata“ von der Liebe schrieb, der verführerischen Natur und dem Sonnenaufgang. Vielleicht hat er an einem Morgen wie diesem aus seinem Fenster in Zimmer 7 geschaut, geweckt von den ersten Sonnenstrahlen, umschmeichelt von der „balsamischen Brise der Berge“, für die der kleine Ort an der italienischen Grenze so gepriesen wurde.

Des Meisters Blick wird auf die Hügelkette am gegenüberliegenden Ufer gefallen sein und auf den Garten zu seinen Füßen, der sich üppig grün in mehreren Stufen zum Seeufer hinabneigt und auf dessen oberster Terrasse das Rivabella wie eine stolze Patrizierin thront. Schönes Ufer, so nannte sich das „Kurhaus“, in dem der italienische Komponist Ruggero Leoncavallo zu logieren pflegte, bevor er 1905 seine eigene Villa am Hang oberhalb des Lago Maggiore im schweizerischen Brissago bezog. Mit der Oper „Der Bajazzo“ war der Italiener 1892 zu Weltruhm gelangt, und seine „Mattinata“, die er 1904 mit Enrico Caruso einspielte, gehört noch heute zum Standardrepertoire vieler Opernstars.

Mailänder Künstler im Schlepptau

Vielleicht hatte der Mann mit dem vollem Haar und dem markant geschwungenen Schnauzbart die Noten schon im Kopf, als er die wenigen Stufen zur Hotelterrasse hinunterging, um mit Blick auf Blumen, Palmen und das Seeufer sein Frühstück einzunehmen. Im Rivabella jedenfalls, in Zimmer 7, soll Leoncavallos „Mattinata“ das Morgenlicht erblickt haben – sagt zumindest Ugo Quaglia, heutiger Besitzer des Hotels. Er hat eine alte Schwarzweißfotografie dabei, die den Maestro in voller Leibesfülle, umringt von Ehefrau und Schwiegermutter, um das Jahr 1896 herum vor der verschnörkelten Balustrade der Gartenterrasse zeigt. „Dieses Foto wird immer wieder dem Grand Hotel zugeschrieben, aber das gab es zu dieser Zeit noch gar nicht“, sagt Ugo Quaglia. Das Nobelhaus wurde erst 1906 auf dem Grundstück gleich nebenan eröffnet. Bis dahin nächtigte Leoncavallo mit seiner Entourage im Rivabella.

Von des Komponisten Anwesenheit, der mit seinem Zeitgenossen und Rivalen Puccini damals arg im Clinch lag, zeugt heute nichts mehr. Werbung macht das kleine Hotel damit nicht. Von den ruhmvollen Zeiten des Rivabella erfährt nur, wer nach der Historie des fast 140 Jahre alten Kurhauses fragt. Das Zimmer 7 gibt es immer noch. Mit edlem Teppich und quietschgelben Sesseln, aber ansonsten schlicht ausgestattet, ist der Blick aus den bodentiefen französischen Fenstern auf den Lago Maggiore noch ebenso atemberaubend wie zu des Musikers Zeiten.

1878 – die Zahl ließ der Erbauer des Hauses in den eleganten Terrazzoboden einarbeiten, der noch immer den Frühstücks- und Aufenthaltsraum im Untergeschoss ziert. Lorenzo Gioanelli stammte aus Brissago, hatte aber als Direktor ein großes elegantes Hotel im nicht weit entfernten Mailand geleitet. In seinem Heimatort kaufte er das Seegrundstück, das damals noch viel größer war als heute. Als Gioanelli sein Kurhaus Rivabella eröffnete, kamen in seinem Schlepptau auch viele Künstler aus der Mailänder Szene in die Sommerfrische an den Lago Maggiore. Das Haus wechselte später mehrfach den Besitzer. Als Ugo Quaglias Familie das Garni schließlich Anfang der siebziger Jahre kaufte, hatte es zuletzt einer in England geborenen Schweizerin gehört und auch einige Zeit leer gestanden.

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