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Am Lago Maggiore : Langsame Fahrt durch die gestirnte Nacht

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Es war ein kurzer trügerischer Seelenfrieden. Das Dritte Reich stand vor der Tür, und unermüdlich klapperte Tucholskys Reiseschreibmaschine in seiner Dachkammer für die flammenden Texte, die er Carl von Ossietzky und der Redaktion der „Weltbühne“ sandte. „Ein kleiner dicker Berliner wollte mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten“, notierte Kästner während seines Aufenthaltes in Brissago.

Hergé war später zu Gast

Die Schrecken des Krieges machten auch vor dem Nobelhotel in der neutralen Schweiz nicht halt. Aus der Luxusherberge wurde 1943 ein Flüchtlingsheim für zumeist jüdische Frauen. Erst 1958 begann der Hotelbetrieb aufs Neue, doch die glanzvollen Zeiten waren vorbei. Kaum einer wollte mehr in diesem alten Kasten wohnen. Orlanda Quaglia erinnert sich jedoch an die rauschenden Faschingsfeste im Hotel. Auf zwei Stockwerken wurde getanzt, drei Orchester spielten, es gab eine Tombola und Maskenprämierungen. „Es war noch immer ein prächtiger Bau“, sagt sie, doch meist blieben die Hotelgäste und die Brissaghesi unter sich. Mitte der sechziger Jahre ereignete sich sogar ein filmreifer Mord. Ein mittelloser Ehemann hatte seine steinreiche Ehefrau zerstückelt im Hotelbett zurückgelassen, war geflohen und hatte sich dann selbst das Leben genommen.

1971 schloss das Grand Albergo, 1983 zerstörte ein Großbrand die oberen Stockwerke. Fortan war das Haus ohne Dach schutzlos den Elementen ausgesetzt. Es regnete hinein, Plünderer kamen, der Glanz und die Pracht von einst verrotteten zusehends. Touristen nutzen die Ruine als kostenlose Herberge. Die Natur eroberte sich den einst kunstvoll angelegten Garten zurück. Ugo Quaglia erinnert sich, als Kind mit seinen Geschwistern und Freunden in dem verwilderten Park und in der Ruine des Grand Hotel gespielt zu haben. Der mysteriöseste aller Abenteuerspielplätze stand gleich nebenan – „obwohl es mit zunehmendem Verfall auch gefährlich wurde“. In der Dunkelheit kamen ab und an Boote. „Da verschwanden viele Möbel und Ausstattungsgegenstände auf Nimmerwiedersehen“, erzählt der Hotelier. Das meiste war schönster Jugendstil.

Versuche, das Grand Hotel wiederaufzubauen, scheiterten. Mitte der neunziger Jahre wurde es abgerissen. „Viele der ehemaligen Grandhotel-Gäste kamen später ins Rivabella“, erzählt Ugo. Georges Prosper Remi alias Hergé, der Comiczeichner und Vater von „Tim und Struppi“ etwa. Oder die beiden älteren belgischen Damen, Mutter und Tochter, die fast jeden Sommer mit Schrankkoffern so groß wie Zimmer anreisten. „Das waren noch Reisende wie in alten Zeiten“, erinnert sich der Hotelier. Als Kind musste er ihnen morgens das Frühstück aufs Zimmer bringen und jeden Tag einen Kübel mit Eiswüfeln. „Für den Gin“, lacht er. Auch seine Mutter hat noch lebhafte Erinnerungen an die beiden Exzentrikerinnen. Die Dame, die über neunzig Jahre alt wurde, gab ihr Tipps fürs Jungbleiben, erzählt Orlanda Quaglia und führt amüsiert die Gymnastikübungen vor, die die Belgierin ihr anriet.

Heute steht an der Stelle des alterwürdigen Grand Albergo ein zehngeschossiger schneeweißer Apartmentblock, die Villa Bianca, eine dieser millionenschweren, monströsen Abscheulichkeiten. Von außen grässlich, findet auch der Architekt und Hotelier Quaglia. „Aber von drinnen ist der Blick auf den See einfach phantastisch.“ Vermutlich werden dort, ebenso wie im Rivabella nebenan, die Gäste an lauschigen Sommerabenden zusammensitzen, aber sicherlich nicht bei einem Gläschen Asti Spumante. Der ist mittlerweile längst aus der Mode gekommen. Das Gefühl, über den See und durch die gestirnte Nacht zu gleiten, ist aber geblieben - ganz wie zu Kästners und Tucholskys Zeiten. Und wer weiß, vielleicht erklingt ja dann von irgendwo aus der Ferne die „Mattinata“. Beim alljährlichen Leoncavallo-Festival im Mai im alten Ortskern stehen die Chancen dafür nicht schlecht.

Zimmer im Hotel Garni Rivabella au Lac kosten zwischen 149 und 179 Franken (Doppelzimmer) inklusive Frühstück. Geöffnet ist das Hotel von März bis Oktober, Infos unter www.rivabellaaulac.ch, Telefon: 0041/91/7931137. 

Das Museum Ruggero Leoncavallo im Palazzo Branca-Baccalà im alten Ortskern von Brissago hat mittwochs bis samstags 10-12 Uhr und 16-18 Uhr geöffnet. Marco Scotoni führt durch die sehenswerte Ausstellung, die auch das Originalklavier und Möbel aus Leoncavallos Villa Myriam enthält.

Das Leoncavallo-Festival findet jährlich jeweils drei Tage im Mai im alten Ortskern Brissagos statt. Eine der auftretenden Operntenöre ist Ottavio Palmieri, der als Fischer arbeitete und seine durchaus beachtliche Stimme mit einer Ausbildung an der Mailänder Scala kultivierte.

Quelle: F.A.Z.

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