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Am Lago Maggiore : Langsame Fahrt durch die gestirnte Nacht

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Die familiäre Atmosphäre ist heute der große Pluspunkt des kleinen Hauses. Es gibt keinen anonymen Empfang und auch kein unpersönliches Frühstücksbuffet. Das finden Orlanda und Ugo Quaglia „ganz grässlich“. Jeder wird an seinem Tisch in der Morgensonne bedient, mit einem Plausch bedacht, mit der Konfitüre, die er bevorzugt, den speziellen Brötchen oder der laktosefreien Milch. Welche Wünsche seine Stammgäste haben, das hat der junge Hotelier, der eigentlich einmal Architektur studiert hat, im Kopf.

Créme de la Créme Europas nebenan

Zehn Jahre lang hat der fast Fünfzigjährige Krankenhausbauten entworfen und gebaut, bevor er von der Hektik und dem Stress die Nase voll hatte und in das Familienhotel zurückkehrte. Jetzt hat er sieben Monate im Jahr auch Hektik und Stress, aber anders. Doch das Leben als Hotelier ist anstrengender geworden, die Übernachtungszahlen im Tessin gehen zurück. Vor allem die Deutschen kommen seltener als früher, die Schweiz ist teuer.

Doch Ugo Quaglia liebt das Hoteldasein und das Zusammentreffen mit den Gästen. Vielleicht liegt das an der Geschichte Brissagos und am ehemals so illustren Nachbarn. Gleich nebenan stand das Grand Albergo Brissago, in seiner Blüte zwischen den zwei Weltkriegen das schönste Nobelhotel der Oberitalienischen Seen. Die Créme de la Créme Europas fand sich in dem Luxushaus ein. Künstler, Politiker und Schriftsteller logierten dort, darunter Ernest Hemingway, Thomas Mann, Wladimir Nabokov und natürlich besagter Ruggero Leoncavallo, seit 1904 übrigens der einzige Ehrenbürger Brissagos. Der Lieblingskomponist des deutschen Kaisers, der für Wilhelm II. die Oper „Der Roland von Berlin“ schrieb, saß im Verwaltungskomitee des Grand Hotels. In die prachtvollen Säle des Hotels lud der Maestro zu Konzerten ein, und Berühmtheiten wie Enrico Caruso kamen in den damals noch verschlafenen Ort.

Das benachbarte Grandhotel, in dem die Haute-Volée Europas abstieg, gibt es heute nicht mehr. Wer den Charme der alten Zeit sucht, findet ihn im Rivabella.
Das benachbarte Grandhotel, in dem die Haute-Volée Europas abstieg, gibt es heute nicht mehr. Wer den Charme der alten Zeit sucht, findet ihn im Rivabella. : Bild: Archiv

Als Architekt interessiert sich Ugo Quaglia natürlich für das damals so gepriesene Bauwerk. Doch das Grand Albergo ist auch mit der Geschichte seiner eigenen Familie verwoben. Er zieht ein Buch über das Hotel aus dem Regal. Auf den Fotos sind der prächtige Eingang zu sehen und all die kunstvollen Schmiedearbeiten. Die hat Ugos Großvater angefertigt. Als die Hotelbesitzer kurzfristig nicht alle Rechnungen begleichen konnten, erinnert sich Orlanda Quaglia, legte das gesamte Dorf zusammen, damit der Großvater nicht ohne Bezahlung blieb. „Die Solidarität damals war groß“, sagt sie, wohl wissend, dass diese Zeiten längst vorbei sind.

Unermüdlich klapperte Tucholskys Reiseschreibmaschine

1906 wurde das Luxushaus mit seinen 120 Zimmern eröffnet. Es gab Zentralheizung, elektrisches Licht, einen Lift, mehr als vierzig Bäder, großartig ausgestatte Säle, Leseräume, ein Fotolabor für die Gäste, Terrassen, einen prächtigen Garten mit Tennisplatz, kleinem Hafen und Cricketspiel. Französische Küche de luxe wurde kredenzt, und zum Tee und jedem Essen spielte die hauseigene Kapelle. Ein Maître de plaisir hielt die Gäste bei Regenwetter bei Laune.

Doch auch auf der politischen Bühne spielte das Luxushotel eine Rolle: Nach dem Ersten Weltkrieg kamen der spätere deutsche Kanzler Gustav Stresemann und sein französischer Kollege Aristide Briand hier zusammen, um im Vorfeld über den Friedenspakt von Locarno zu beraten. Nur wenige Jahre später fand sich in einem der Dachzimmer des Grand Albergo auch einer der frühen Warner vor der Gefahr des erstarkenden Nationalsozialismus ein: Der Schriftsteller und Journalist Kurt Tucholsky lebte mehrere Wochen in Brissago. Er traf dort auf einen nicht weniger berühmten Schreibgenossen – Erich Kästner. Kästner hatte sich im Grand Hotel gleich zwei Zimmer gemietet, damit er mit seinem Schreibblock jeden Tag von Balkon zu Balkon der Sonne hinterherziehen konnte. Am Abend saßen er und Tucholsky zusammen und tranken Asti Spumante. In seinem Buch „Kästner für Erwachsene“ schrieb er später: „Wir blickten auf den See und es war als führen wir auf einem großen langsamen Dampfer durch die gestirnte Nacht.“

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