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Schweiz : Nachts schleicht nur der Hirsch ums Haus

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Nirgendwo gibt es so viel Nichts wie im Schweizer Nationalpark. Dieses Nichts ist aber sehr schön und voller Tiere. Bild: Klaus Fengler

Im Schweizer Nationalpark gibt es ein einziges Hotel: das Fuorn. Es ist ein idealer Ausgangspunkt für Schneeschuhwanderungen und Skitouren.

          Der Anblick des fast leeren Parkplatzes löst Fluchtreflexe aus: Eine übergroße Fläche, auf der handgezählte sieben Autos parken, vier davon mit einer hohen Schneeschicht bedeckt. Offenbar sind sie seit Tagen, wenn nicht Wochen, an dieser Stelle festgefroren. Hinter dem Parkplatz das Hotel, versunken in einer Schneelandschaft, ringsum nichts als weiße Weite mit niedrigen, nur mit der Spitze aus dem Schnee ragenden Bäumchen. Im Hintergrund recken sich zackige Berggipfel empor, hinter denen die Sonne zeitig unterging, so dass die Berge nun ihre dunklen Schatten über uns werfen. Gerade aus dem Postauto gestiegen, das direkt vor dem Hotel Fuorn anhält, kontrollieren wir an der Anschlagtafel, wann hier der nächste Bus abfährt. Für alle Fälle.

          Das Fuorn befindet sich an der Ofenpassstraße im Schweizer Nationalpark, etwa auf halber Strecke zwischen dem Dorf Zernez und der Passhöhe. Abgelegener geht es in den Alpen kaum. Schon im Mittelalter wurde hier eine Verpflegungsstation für Reisende errichtet. Damals wurde in der Umgebung Eisenerz abgebaut und Kalk gebrannt, ein noch vor hundert Jahren betriebener Ofen befindet sich nur wenige Meter vom Hotel entfernt - im hier gesprochenen Rätoromanischen heißt „Fuorn“ Ofen, daher der Name des Hotels und des Passes.

           Abgelegener als im Fuorn geht es in den Alpen kaum.
          Abgelegener als im Fuorn geht es in den Alpen kaum. : Bild: Roman Gross

          „Wir haben die älteren Rechte“, sagt Hotelmanagerin Sonja Cazin und erklärt damit, warum das Fuorn als einziges Hotel im 1914 gegründeten Nationalpark stehen darf. Die Hoteldirektorin kennt das Haus seit ihrer Kindheit - von außen. Sie stamme aus Tschierv auf der anderen Seite des Ofenpasses und sei als Schülerin jede Woche mit dem Postauto über den Pass ins Internat nach Samedan gefahren. Vor dem Hotel habe der Bus einen zwanzigminütigen Zwischenstopp eingelegt. Die Erwachsenen tranken drinnen einen Kaffee, die Schulkinder, die dafür kein Geld hatten, blieben im Bus sitzen. „Ich wischte einen Flecken in der beschlagenen Fensterscheibe frei und blickte auf das Hotel wie zu einem Märchenschloss, dabei schwor ich mir: einmal werde ich es von innen sehen“, erzählt Sonja Cazin.

          Hermeline und Maulwiesel muss man in der Ausstellung anschauen

          Auf der Hotel-Homepage wirbt die Managerin mit einem Argument, mit dem sie auch uns irritiert: „Nichts!“, antwortet Cazin auf unsere leicht beunruhigte Frage, was man hier so machen könne. Zwar stimmt das nur bedingt: Um die großartige Alpenflora und -fauna kennenzulernen oder Skitouren und Schneeschuhwanderungen zu unternehmen, bildet das Fuorn den idealen Ausgangspunkt. Morgen wollen wir mit Wanderführer Roman Gross zu einer Schneeschuhtour aufbrechen. Doch zuerst nervt die Nationalparkfauna. Nachts um drei werden wir von einem seltsamen Scharren und Schnauben geweckt. Es wird wohl im Freien vor unserem Schlafzimmerfenster erzeugt, mal entfernt sich das Geräusch, mal kommt es näher und klingt dann nach Motorsäge. Dummerweise fiel uns vor dem Schlafengehen, als wir in großen Abständen Autos am Hotel vorbeifahren sahen, der Film „Es geschah am helllichten Tag“ nach dem Drehbuch von Friedrich Dürrenmatt ein. Darin geht es um einen Mord, wobei der Täter vorher die ganze Zeit mit seinem Auto über eine einsame, tief verschneite Passlandschaft fährt, die haargenau wie die Ofenpassstraße aussieht.

          Um die großartige Alpenflora und -fauna kennenzulernen oder Skitouren und Schneeschuhwanderungen zu unternehmen, bildet das Fuorn den idealen Ausgangspunkt.
          Um die großartige Alpenflora und -fauna kennenzulernen oder Skitouren und Schneeschuhwanderungen zu unternehmen, bildet das Fuorn den idealen Ausgangspunkt. : Bild: Roman Gross

          „Das waren die Hirsche!“, lacht Sonja Cazin am Morgen, als wir uns vorsichtig nach der nächtlichen Störung erkundigen. Tiere spielen im Nationalpark die erste Geige, deshalb wollen wir nicht weiter meckern. Um zehn Uhr treffen wir Roman Gross beim Nationalparkhaus in Zernez. Das Dorf am Fuß des Passes bildet das Tor zum Nationalpark, im Parkhaus kann man sich gründlich über die Natur rundherum informieren, momentan läuft hier eine sehenswerte Ausstellung über die Maulwiesel und Hermeline, die sich weit zurückhaltender als die Hirsche gebärden.

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