20.05.2007 · In einigen Tagen kommt Michelle aus Brisbane zu Elke Kraft nach Frankfurt, um auf ihrer Couch zu übernachten. Dabei kennt Kraft die Frau von „Down Under“ gar nicht. Die Australierin hat sich über www.couchsurfing.com bei ihr angemeldet.
Von Til HuberGemeinsame Ausflüge in die Umgebung, Bummeln in der Stadt, sich mit Bekannten zum Kochen verabreden: Wenn Elke Kraft erzählt, was sie mit ihrem Gast alles vorhat, könnte man meinen, sie erwarte die beste Freundin zu Besuch. In einigen Tagen kommt Michelle aus dem australischen Brisbane, um auf ihrer Couch zu übernachten. Dabei kennt Kraft die Hotel-Rezeptionistin von „Down Under“ gar nicht. Zumindest nicht persönlich. Den Schlafplatz hat die 28 Jahre alte Rödelheimerin, die beruflich als freie Cutterin arbeitet, im Internet angeboten – auf der Website www.couchsurfing.com. Die Australierin hat zugegriffen. „Ich bin total gespannt, wie es wird“, sagt Kraft.
Mit ihrem Couch-Angebot ist sie nur eine von vielen weltweit. Hunderttausende Menschen rund um den Globus stellen auf den Seiten unentgeltlich Sofas und Gästezimmer zur Verfügung oder reservieren sie. Ein Kontinente überspannendes Netzwerk hat sich entwickelt. Wer mitmachen will, muss dort ein für jeden sichtbares persönliches Profil einstellen – mit Fotos, Selbstbeschreibung und Hobbys. Sind sich Anbieter und Nachfrager sympatisch, können sie sich E-Mails schreiben.
Allerdings muss niemand sofort seine Couch zur Verfügung stellen. Viele bieten nur eine Führung durch die Stadt oder eine Kneipentour an. In Frankfurt haben sich bisher rund 320 Männer und Frauen angemeldet. Auf der Seite www.hospitalityclub.org, die einen ähnlichen Service bietet, sind sogar mehr als 900 Mitglieder aus der Stadt registriert. Viele nutzen beide Dienste, in Frankfurt ist inzwischen eine regelrechte Szene enstanden.
„Ein viel intensiveres Reisen“
Elke Kraft hat sich mit einigen „Couch-Surfern“ und Mitgliedern des Hospitality-Clubs in der Sachsenhäuser Apfelweinwirtschaft Dauth-Schneider verabredet. Bembel werden herumgereicht, dazu gibt es Flammkuchen. Es wird gelacht und erzählt. Dabei wirkt die Gruppe nicht homogen. Kraft trägt ein weit ausgeschnittenes Oberteil mit schmalen Trägern, hat schwarz gefärbte Strähnen und einen kleinen Ring in der Nase. Ein junger Mann namens Henning dagegen trägt ein Polohemd, ist frisch frisiert. Bianca Kesselring trägt ein weites, bedrucktes T-Shirt. Vor ihr liegt eine Plüschtasche mit Krümelmonster-Gesicht. Sie ist Chefsekretärin bei einem Finanzdienstleister.
Kraft hat viel zu erzählen. Sie kommt gerade selbst vom „Couch-Surfen“. Mehrere Wochen ist sie durch Indien gereist und hat Einheimische getroffen, die Mitglied der Internetgemeinschaft sind. Bei manchen konnte sie übernachten – so bei einem jungen Inder namens Biplob in Kalkutta. „Der hat mich gleich an die Hand genommen.“ Indische Essgewohnheiten habe er ihr erklärt, und wie man sich auf den Straßen verhält. „Ohne Biplob wäre alles viel komplizierter gewesen.“ Zum Abschied habe er sie sogar typisch indisch bekocht. Doch nicht nur Übernachtungen habe sie sich über die Internetseite organisiert, sondern auch Kontakte zur Partyszene geknüpft. „In Bombay gibt es eine richtig große Community.“ An die vierzig Gäste seien zu abendlichen Treffen gekommen. So habe sie ständig Kontakt zu Indern gehabt. Ihr gehe es nicht zuerst um kostenlose Unterkünfte. „Couch-Surfen ist einfach ein viel intensiveres Reisen.“
Bei aller Gastfreundschaft ist Vorsicht angesagt
So sieht das auch Bianca Kesselring. Vor kurzem war sie drei Wochen in Venezuela, um dort Leute zu besuchen, die zuvor bei ihr gewohnt hatten. Silvester habe sie bei einer venezolanischen Großfamilie auf dem Land verbracht. „Mit den Leuten wäre ich sonst nie in Kontakt gekommen.“ Kesselring ist beim Hospitality-Club „Local Volunteer“, eine freiwillige Ansprechpartnerin. Seitdem sie im Februar 2006 Mitglied geworden ist, hatte sie schon rund 50 Gäste: Australier, Türken, Brasilianer – viele davon zur Fußball-WM. „Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht.“ Während des Turniers wurde aber auch deutlich, wie sehr sich mancher Reisende schon auf das Netzwerk verlässt: Im Juni brach die Internetseite der Couch-Surfer zusammen. Schon angereiste Nutzer konnten ihre Gastgeber nicht kontaktieren und waren „obdachlos“. In Windeseile vermittelten Bianca und andere Helfer die in Frankfurt gestrandeten Couch-Surfer an Mitglieder des Hospitality-Clubs weiter.
Bei aller Gastfreundschaft müsse man aber auch vorsichtig sein, meint Mäggie Habusta. „Man kann zwar die Profile lesen, aber ein bisschen tappt man auch immer im Dunkeln.“ Zumal die Selbstauskünfte nicht bei jedem gleich ausführlich seien. Einer ihrer Gäste habe einfach den Hausschlüssel mitgenommen, den sie ihm geliehen hatte, erzählt die Architektin. „Clubfamilie hin oder her: Es sind immer noch Fremde.“ Dessen ist sich auch Elke Kraft bewusst. Auch bei ihr hätten sich schon Leute gemeldet, auf deren Anfragen sie gar nicht erst reagiert habe. Anders bei Michelle aus Brisbane. „Die hat einfach so nett geschrieben.“ Sie sei gespannt, was die Australierin alles zu erzählen habe. Gerade weil sie derzeit am Anfang ihrer Selbständigkeit stehe und in nächster Zeit nicht verreisen könne. „Für mich ist so ein Besuch auch ein bisschen wie Urlaub im Kopf.“