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Costa Concordia

Von FREDDY LANGER

19.05.2016 · Als die Costa Concordia noch im Hafen von Genua lag, hat Jonathan Danko Kielkowski etwas Ungeheuerliches unternommen: Er ist zum Wrack geschwommen. Von seinem Blitzbesuch brachte er schauerlich-schöne Fotos mit, die es nun als Bildband gibt.

Womöglich ist die Costa Concordia neben der Hope und der Titanic das berühmteste Wrack der Welt. Die Hope ist das Segelschiff, das Caspar David Friedrich 1824 in seinem Gemälde „Das Eismeer“ in der schockstarren Welt der Arktis zwischen zerborstene Schollen wie hingekippt hat. Einer Verwechslung wegen hieß das Bild lange Zeit „Die gescheiterte Hoffnung“. Die Titanic ist das Kreuzfahrtschiff, das 1912 während seiner Jungfernfahrt nach New York im Rausch der Geschwindigkeit mit einem Eisberg kollidierte und sank – ohne Zweifel das aufreibendste Unglück in der Geschichte der zivilen Seefahrt.

  • © dapd Vor der Katastrophe: Die Costa Concordia im Jahr 2009
  • © AP Der Unglückskapitän: Francesco Schettino, der derzeit gegen seine Verurteilung in Berufung geht.
  • © dpa Der Unglücksort der Costa Concordia vor der Insel Giglio

Die Costa Concordia aber, die vor gut vier Jahren von ihrem Kapitän zum Kentern gebracht wurde – einem Hasardeur, dem unterstellt wird, er habe Angehörigen auf der toskanischen Insel Giglio imponieren wollen und sei deshalb zu nah am Ufer entlanggefahren –, lief auf Land oder zumindest eine Klippe und hing am Ufer fest, als sei das Schiff nun selbst der Eisberg: ein gestrandetes Ungetüm in gleißendem Weiß. Das Bild einer Hybris, in dem sich für viele das Ende der Ära Berlusconi widerspiegelte – und von dem doch zugleich jene Faszination ausging, die sonst nur Bildern des Surrealismus eigen ist: das gekenterte Schiff als Abbild der perfekten Maschine am falschen Ort. Anderthalb Jahre blieb das so, blieb das Schiff ein weithin sichtbares Monument einer Katastrophe, in deren organisatorischem Desaster beim Ausstieg in die Rettungsboote oder den Versuchen, überhaupt nur das Schiff zu verlassen, um an die Küste zu schwimmen, zweiunddreißig Menschen den Tod fanden – gleichsam nur einen Schritt vom Ufer entfernt. Der Topos vom Schiffsuntergang mit Zuschauern, den Lukrez schon in vorchristlicher Zeit buchstäblich aus dem Meer gezogen hat, fand hier eine besonders schaurige Illustration.

Dann die komplizierte Abschleppaktion in den Hafen von Genua, um das Kreuzfahrtschiff dort zu zerlegen. Zunächst sollten Einrichtung und alle wiederverwendbaren Gegenstände entfernt werden, später wollte man unter anderem Stahl und Kupfer gewinnen. Da schwang schon etwas von Schlachtfest mit.

Das Traumschiff als Kadaver. Im Hafen von Genua aber geschah das Ungeheuerliche: Jonathan Danko Kielkowski, ein sechsundzwanzig Jahre alter Fotograf aus Nürnberg, schlendert an einem Sonntagnachmittag am Kai entlang, sieht das Wrack an der Außenmole liegen, beschließt, hinüberzuschwimmen, und schafft es ohne Problem, in das Schiff einzusteigen.

  • © Jonathan Danko Kielkowski Verlorene Geste: Große Treppe zwischen den Decks
  • © Jonathan Danko Kielkowski Ausgefeiert: Blick in eine der vielen Bars
  • © Jonathan Danko Kielkowski Schlussvorstellung: Der zerstörte Theatersaal
  • © Jonathan Danko Kielkowski Korridor ins Nichts: Flur zwischen den Kabinen
  • © Jonathan Danko Kielkowski Leerer Empfang: Lobby im Zentrum des Schiffs
  • © Jonathan Danko Kielkowski Verlassene Brücke: Kommandozentrale für den Weltuntergang

„Die Türen stehen offen, die Lichter sind angeschaltet, kein Mensch ist zu sehen“, heißt es im Begleittext zu dem Bildband, in dem der Fotograf nun die Ausbeute einer sieben Stunden währenden Exkursion durch den Bauch des Schiffes ausbreitet. Es sind gespenstische Aufnahmen, in denen der Untergang der Costa Concordia zur Metapher eines viel größeren Verlusts wird. Denn es wurden zugleich die Symbole von dreizehn europäischen Ländern zerstört, mit denen die dreizehn Decks des Schiffes dekoriert waren. Wie ein Wasserzeichen schimmert nun hier der Begriff der gescheiterten Hoffnung durch die Bilder zerfetzter Flure, einer zerstörten Bar, eines zerlegten Spielcasinos. Der Glanz zerbröselt und rieselt als Rost von den Wänden. Die Einrichtung eines Theaters stapelt sich als Plunder. Und wenn sich bescheiden Ornamente des Jugendstils oder Muster der klassischen Moderne ins Bild schieben, wird das Schiff zur doppelten Ruine.

Der Teil, der unter Wasser gelegen hat, ist wie mit Schleim überzogen. Und ausgerechnet über einen grafischen Aufriss des Schiffs im Treppenhaus hat sich mit krakeligen Armen ein Meeresgewächs gestülpt. Weit oben aber steht in großem Saal ein Flügel, blitzsauber und unzerstört, fast so, als erwarte er jeden Moment den Pianisten. Da spätestens wird das Gruseln des Albtraums, das sich bei den meisten Bildern Bahn bricht, weggefegt von der schweißtreibenden Angst, in eine Anderswelt geraten zu sein. Da ist Schluss mit der ambivalenten Faszination angesichts einer märchenhaften Ruine – und man kommt nicht umhin, in der leeren Brücke am oberen Ende der Schiffsarchitektur die kalte Schaltzentrale des Weltuntergangs zu erkennen.

„Concordia“ von Jonathan Danko Kielkowski. Mit einem Begleittext von Christoph Schade. White Press Verlag, Freiburg 2016. 110 Seiten, zahlreiche Farbfotografien. Gebunden, 49 Euro. Zu beziehen über www.whitepress.com.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 19.05.2016 13:57 Uhr