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Le Corbusier in Marseille : Das menschliche Maß des Bauens

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Das ist doch keine Wohnmaschine! Ein Haus in der Cité radieuse in Marseille. Bild: Verena Fischer-Zernin

Vor fünfzig Jahren starb Le Corbusier. Mit der Cité radieuse in Marseille hat sich der Schweizer Architekt ein Denkmal gesetzt, in dem man sein Weltbild und sein Verständnis von Wohnen exemplarisch erleben kann.

          Ein Meter zwanzig für zwei Personen? „Das geht“, sagt die schmale blonde Frau mit einem Lächeln in den Augenwinkeln, während sie die blassblaue Zimmertür aufschließt, „wenn man verliebt ist.“ Dominique Gérardin sagt es ohne einen Hauch von Anzüglichkeit. Sie meint das Bett. Ein breiteres würde einfach nicht hineinpassen in diesen Schlauch von Zimmer. Acht Meter misst der Raum in der Länge, alles ist hintereinander angeordnet: die Dusche gleich neben der Tür, dann Waschbecken, Kleiderschrank, das Bett, schließlich der Schreibtisch vorm Fenster. Geplant war er einst als Kinderzimmer – für zwei Kinder, wohlgemerkt.

          Von der Marseiller Innenstadt aus gesehen, dreht ein riesiger Betonkasten in einem unbestimmten Winkel vom Boulevard Michelet ab wie ein Ozeanriese. Neun Stockwerke türmen sich übereinander, die Fassade wirkt mit ihren Fensterbändern und Loggien so regelmäßig wie ein Setzkasten. Nur die kräftigen Rot-, Gelb- und Blautöne in den Loggien unterbrechen die Monotonie. Anheimelnd ist anders. Und Romantik würde man in diesem Haus trotz seiner schmalen Betten eher nicht vermuten.

          Gérardin führt das Hotel Le Corbusier samt dem Restaurant „Der Bauch des Architekten“ im dritten und vierten Stock dieses Wohnhochhauses im Süden Marseilles. Cité radieuse wird das Gebäude genannt, wörtlich übersetzt „strahlende Stadt“, oder auch schlicht „Le Corbusier“ nach seinem Schöpfer, seinerzeit einem der streitbarsten, eigenwilligsten Köpfe der Architekturszene und zweifellos einem der eitelsten dieser an Alphatieren wahrlich nicht armen Branche. Im August 1965 ist Le Corbusier, mit bürgerlichem Namen hieß der gebürtige Schweizer Charles Édouard Jeanneret, beim Baden im Meer vor Roquebrune-Cap-Martin ertrunken. Doch sein OEeuvre ist auch fünfzig Jahre nach seinem Tod noch prägend.

          Und dann der Blick! Die Dachterrasse bietet Aussicht auf Natur und Beton.

          Ein Schlafzimmer ohne Tür? Undenkbar!

          Die Cité radieuse ist so ungefähr das Gegenteil dessen, was sich der gemeine Liebhaber des Savoir vivre unter französischer Lebens- und Bauart vorstellt: keine Erkerchen oder gusseisernen Ornamente à la Haussmann, kein kerzenscheinwarm leuchtender Sandstein. Das Gebäude ist reduziert auf das, was Le Corbusier seinerzeit zum Wohnen für unabdingbar hielt. Seine „senkrechte Stadt“ nannte er den Komplex, den er auf einem Feld vor den Toren Marseilles errichtete. Deshalb bezeichnete er die Etagen in der Cité radieuse als Straßen, deshalb plante er im dritten Stock eine Ladenzeile ein mit Fleischer, Bäcker, Friseur und dazu ein Hotel. Die Cité hatte einen Kindergarten, eine Schule und sogar ein Kino. Hätte sie sich von den Betonpfeilern, auf denen sie ruht, in die Luft erhoben wie ein Raumschiff, die Bewohner hätten alles gehabt, was sie zum Leben brauchten.

          „Maison du Fada“ schimpfte die aufgebrachte Öffentlichkeit den Bau bei der Eröffnung 1952, „Haus des Verrückten“. Ein Wohnhochhaus, das war neu. Und befremdlich anders. Le Corbusiers Wohnungen hießen allen Ernstes Zellen, es fehlten abgeschlossene Einheiten wie Flur, Salon oder Küche. Und als Elternschlafzimmer sollte die offene Galerie dienen – Galerie, denn die meisten der Wohnungstypen erstrecken sich über zwei Stockwerke. Aber ein Schlafzimmer ohne Tür, das war nun wirklich undenkbar. Sogar für die Familien, die nach dem Willen der Stadtverwaltung in der Cité radieuse untergebracht werden sollten, nämlich jene, die bei den deutschen Bombenangriffen auf das Gebiet um den Alten Hafen im Herzen der Stadt ihre Wohnungen verloren hatten.

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