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Brünn : Die Verführungen einer Namenlosen

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Todeslust und Gaumenfreuden: In der mährischen Hauptstadt fühlt man sich Wien näher als Prag. Bild: action press

Vom Beinhaus zum Bauhaus ist der Weg nicht weit. Und er führt mitten hinein in die Geschichte der Moderne: Auf der Suche nach dem wahren Brünn.

          Robert Musil bezeichnete in seinem unvollendeten Großroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ die mährische Hauptstadt Brünn, in der er seine Jugend verlebte, nur mit einem „B“: „Das wahre B. ist natürlich der Ring der Fabrikviertel, die Tuch- und Garnstadt“, schrieb er. Das klingt nicht gerade aufregend. Aber ist es nicht reizvoller, einmal eine Stadt ohne Namen zu erkunden als immer wieder die längst zu Abziehbildern gewordenen Tourismusmetropolen? Und einen Vorteil hat die Abkürzung ja auf jeden Fall: Man muss sich nicht entscheiden, ob man die Stadt mit ihrem deutschen oder tschechischen Namen anreden soll: Brünn oder Brno. Man könnte der Einfachheit halber bei „B“ bleiben. Doch schon nach wenigen Stunden ist man geneigt, diese erstaunliche Stadt mit ihrem richtigen Namen nennen zu wollen. Aber welchem?

          Einen besuchsträchtigen Superstar allerdings hat „B“, sogar einen mit Unesco-Prädikat. Es ist die berühmte Villa Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe. Wie ein falsch adressiertes Paket vom Planeten Bauhaus liegt die langgestreckte, weiße Kiste an einem Abhang, in einer Reihe von historistischen Villen. Vor einem Jahr wurde sie, gründlich restauriert, wieder für das Publikum geöffnet und ist seither ein Magnet für Architekturfreunde aus aller Welt. Widerborstig wendet sie der Straße ihre spröde Seite zu. Nicht die kleinste Geste der Verbindlichkeit gönnt dieser einstöckige, weiße Riegel den Vorbeigehenden. Welch eine Provokation muss dieses Haus im Jahr 1930 gewesen sein! Die „wahre Villa T.“ ist aber natürlich das großartige Innenraumkonzept, das Mies van der Rohe für das jüdische Unternehmerpaar Fritz und Grete Tugendhat entwarf. Großzügig überließ er dem Raum und dem Licht die Hauptrolle. Und dem Blick aus den riesigen, versenkbaren Glaswänden. Dekorativ und verspielt wirken nur die Oberflächen der edlen Naturmaterialien: Palisander, Ebenholz und Onyx. Damit folgte Mies dem Diktum eines anderen berühmten Architekten, des geborenen Brünners Adolf Loos: „Ornament ist Verbrechen“.

          Gläsern-weiße Kisten von hoher Qualität

          Im eleganten Reduktionismus der Villa Tugendhat spiegelt sich treffend das Wesen der Stadt „B“ wider. Unprätentiös nach außen, wird sie eigenwillig und aufregend, wenn man sie näher kennt. Zwei Straßen weiter zum Beispiel, wieder hinter einer nüchternen Putzfassade, versteckt sich ein zum Café mutiertes Mondrian-Gemälde: das „Cafe Era“ von Josef Kranz aus dem Jahr 1928. Klare Linien, reine Farben: Blau – Weiß –Rot. Das war nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein politisches Bekenntnis. Denn es sind die tschechischen Nationalfarben. 1918 war Brünn plötzlich keine österreichische Provinzstadt mehr, sondern Brno, die zweitgrößte Stadt des neuen Staates Tschechoslowakei, ein prosperierendes Gebilde voll Lust auf Neues. Und so ist von Brno meist dann die Rede, wenn es um funktionalistische Architektur geht. Darin lief die mährische Metropole ihrer böhmischen Schwester Prag glatt den Rang ab. Während die Prager sich als nationale Hauptstadt ums historische Erbe sorgen mussten, rissen die Brünner fröhlich ab, was der Entwicklung im Weg war: Renaissance, Barock und Klassizismus. Und bauten zwischen 1918 und 1938 gläsern-weiße Kisten von hoher Qualität, Familienhäuser, Schulen, Banken, Fabriken, Behörden, ein ganzes Messegelände. Das ist der Vorteil der Namenlosen: Sie müssen keine Rücksicht auf die Ahnen nehmen. Und so machte sich „B“ dann doch einen Namen, nämlich als „Stadt der weißen Moderne“.

          Uneitel von außen, aufregend im Innern: Die Villa Tugendhat verkörpert das Wesen Brünns.
          Uneitel von außen, aufregend im Innern: Die Villa Tugendhat verkörpert das Wesen Brünns. : Bild: Polaris/laif

          Allerdings scheint die hiesige Lässigkeit gegenüber dem architektonischen Erbe auch die großen Zeugnisse der klassischen Moderne zu betreffen. Am schlimmsten steht es um das berühmte Hotel Avion von Bohuslav Fuchs aus dem Jahr 1927. Gleichgültig geht man an dem heruntergekommenen Gebäude aus Glas und weißer Putzfassade vorbei, wie an einem alt gewordenen Filmstar, den keiner mehr erkennt. Aber auch viele andere Gebäude dieser großen Epoche sind in einem erbärmlichen Zustand. Dabei repräsentieren gerade sie den einstigen Innovationswillen und Reichtum dieser Stadt.

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