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Brasilien : Sie denkt schon morgens nur ans Flirten

  • -Aktualisiert am

Renitenten Rindviechern kommt man mit dem Besenstiel bei – altes Gaúchowissen Bild: Inka Wichmann

Wo Brasilianer eher Ponchos als Bikinis tragen: Im Bergland Brasiliens leben noch echte Gaúchos, die zwar Rinder züchten, aber keine Cowboys sind. Und mit etwas Glück trifft man sogar die glorreichen Drei.

          Zuckerrohrschnaps schwappt im Marmeladenglas. In der Scheune riecht es nach Rauch. In einer Ecke lodert Feuer, ein Brandeisen glüht. André, Hermani und Karim Macari klatschen, pfeifen, johlen - sie wollen ein Rindvieh in den Holzverschlag treiben. „Hey, hey, hey!“, rufen sie. Doch das Hufgetrappel übertönt ihre Schreie. Als alles Klatschen, Pfeifen und Johlen nichts nutzt, greift einer der Gaúchos zum Besenstiel. Lautes Muhen, noch lauteres Murren. Aber das Tier stolpert in den Verschlag, das Gitter schließt sich. Drei weitere Männer stehen parat.

          Der erste setzt eine Spritze an: Schutzimpfung. Der zweite drückt das glühende Eisen ins Fell: Brandzeichen. Der dritte stutzt mit einer blutverklebten Säge die Hörner. Als das Gatter sich öffnet, hastet das Vieh davon. Wieder machen sich alle bereit. „Ho, ho, ho!“, brüllen sie. Es liegt noch eine lange Nacht vor den Brüdern Macari in Bom Jardim da Serra.

          Drei Brüder, dreimal breite Hüte, dreimal hohe Stiefel: André, Hermani und Karim Macari kümmern sich um den Hof, den die Familie seit hundert Jahren bewirtschaftet. Hunderfünfzig Rinder, achtzig Schafe, dreißig Pferde - dazu zweihundertfünfzig Hektar Land. Damit lassen sich keine drei Familien ernähren. Also arbeiten die Männer unter der Woche als Landwirtschaftsingenieur, als Rechtsanwalt und als Umweltmanager. Aber stehen nun, an einem Samstagabend, in der Scheune. Alle drei nippen am Bier. Irgendwann knurren die Mägen. Als eine Frau den Kopf in die Scheune steckt, gibt es nur eine Frage: Wann, was, wo soll gegessen werden? Doch dann bindet sich einer der Männer eine Lederschürze um, einer schärft das Fleischermesser, einer schürt das Holzfeuer. Schnell müssen die Brüder noch sechzig kleine Stiere kastrieren.

          Die Hufe strampeln, der Körper bebt

          Das Bergland von Santa Catarina ist die frostigste Region Brasiliens. Hier, knapp hundert Kilometer von der Küste entfernt, weht im Sommer ein kühler Wind, und im Winter fällt mitunter Schnee. Dann beißt der Rauhreif sich fest, und bei zehn Grad unter null gefrieren in den Schluchten manche Wasserfälle. Dass die Apotheke „Lipo Life Summer Tea“ mit Erdbeergeschmack für die Strandfigur verkauft, ändert nichts daran: Hier trägt man besser Poncho als Bikini.

          Bild: F.A.Z.

          Über Cowboys wissen wir fast alles. Die Selbstgedrehten hängen im Mundwinkel, die Filzhüte hinunter bis zu den Augenbrauen. Dafür hat Howard Hawks gesorgt, mit „Red River“, 1948 gedreht, in dem ein unnachgiebiger John Wayne vom bitterarmen Texas ins bessergestellte Missouri ziehen will. Mit zehntausend Rindern. Seither haben wir Bilder im Kopf von Flussüberquerungen mit riesigen Herden und von Stampeden, bei denen unter Hufen reichlich Staub aufgewirbelt wird. Aber es sind ja nicht nur freiheitsliebende Viehhirten durch den Norden, sondern auch durch den Süden des Kontinents gezogen. Ihnen hat nur kein Howard Hawks je ein Denkmal gesetzt.

          Wer erfahren will, was Gaúchos ausmacht, muss die Gaúchos besuchen. Unterschied Nummer eins zu den Cowboys von Howard Hawks: Sie wollen nicht auf ihre Familie verzichten; im Gegenteil - die anderen Familienmitglieder arbeiten mit. Die Mutter der Brüder Macari kauert im bordeauxroten Pullover und geblümtem Tuch neben dem Feuer, auf den Knien eine Liste, auf der sie die Tiere einträgt. Sieben Rinder drängen sich in eine Ecke. „Pff, pff, pff“, machen die Helfer. Das Lasso fliegt: Das Hanfseil wickelt sich um ein Paar Vorderbeine. Das Vieh sinkt in den Staub. Die Hufe strampeln, der Körper bebt, als ein Gaúcho sich auf das Tier wirft. Erst nimmt er noch einen Schluck Bier. Dann krempelt er die Ärmel hoch und zückt das Messer. Ein anderer Helfer reicht ihm eine Schale mit Salz. Die Mutter kritzelt einen Haken auf die Liste.

          Folklore im Geiste der Gaúchos

          Howard Hawks’ Cowboy verriet kein Sterbenswort über Herzensangelegenheiten. Und nicht einmal über sein Selbstverständnis als Cowboy hätte er am Lagerfeuer geplaudert. Die Gaúchos der Gegenwart hingegen, Unterschied Nummer zwei, referieren recht gerne über das Gaúchotum - vor allem Ivan Cascaes, ein Nachbar der Brüder Macari, der zwanzig Autominuten entfernt wohnt. Er hat sich am höchsten Punkt der Serra do Rio niedergelassen und dort die Ferienanlage „Rio do Rastro Eco Resort“ eröffnet. Nun rutscht er mit seinem Stuhl dicht an den offenen Kamin. Die Temperaturen sind hier, auf fünfzehnhundert Metern Höhe, auf fünf Grad gesunken. Das Holz glimmt. In seinem Rücken hängt ein Gemälde, das eine Fazenda zeigt, eine Rinderfarm.

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