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Biathlon In bester Lauf- und Schießgesellschaft

 ·  Rennen, Schießen, Rennen - was ist dieses Biathlon eigentlich für ein Sport? Fritz Fischer, amtierende Legende in dieser Disziplin, weiß es. In Ruhpolding bietet er Camps für Anfänger und Fortgeschrittene an.

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© Franziska Horn Die Scheibe ist gar nicht so wichtig, eher schon Ausdauer und Tunnelblick. Denn Biathlon formt den Charakter, findet Fritz Fischer.

Fritz Fischer ist ein Original - und Leistungssportler mit Unterhaltungswert. Und jeder Menge Tiefsinn. „Wie kann man mit einer Kleinkaliber-Waffe bei Puls 170 ruhig schießen? Wie geht man generell mit positivem Stress um? Darum geht es bei diesem Sport“, sagt Fischer. Als Athlet hat er alles erreicht: Zwischen 1980 und 1992 nahm er an vier Olympischen Spielen teil, holte Medaillen, dazu jede Menge Weltcup-Siege und Deutscher-Meister-Titel. Heute ist die lebende Legende 56 und topfit, mental wie physisch. „Medaillen gewinnen ist schön, aber wennst als Mensch keinen Charakter hast, hast auch nix davon“, findet er. Und: „Schießen und Rennen, das hat sich aus der Jagd mit Skiern entwickelt.“ Aktuell ist Fischer Disziplintrainer der deutschen Biathlon-Männermannschaft, und seit 2005 bietet er auch Schnupperkurse in seinem Sport an.

Lokaltermin in Ruhpolding. Acht Teilnehmer zwischen 18 und 64 Jahren treten an zum ersten Biathlon-Camp dieses Winters, vier Männer und vier Frauen. Zwei Tage soll das Camp dauern, am Ende winkt ein Wettkampf in der Chiemgau-Arena Ruhpolding. Wenn hier alljährlich im Januar rund 45 Nationen zum World Cup antreten, machen rund dreißigtausend Zuschauer und unzählige Fernsehkameras das Sechstausend-Seelen-Dorf zum Epizentrum der Sportwelt. Doch heute schlittern nur ein paar versprengte Läufer über umliegende Loipen. Schuld ist das Wetter, das klar hinter den Erwartungen zurückbleibt. Das ist vorsichtig formuliert. Es regnet auf eine harschig angefrorene Schneedecke, doch echte Winterfans kann auch das nicht schocken.

Fragil auf Lachsschnitten

Zuerst bekommen wir das nötige Material verpasst: Ski, Schuhe und Stöcke. Die dynamisch geformten Carbonski sind schmal wie Lachsschnitten aus dem Tiefkühlregal und scheinen ebenso wenig zu wiegen. Man könnte Outdoor-Mikado mit ihnen spielen. Auch der Biathlonschuh ist Hightech, er sitzt knapp und stramm wie ein Handschuh. Mit einem gezielten Kick klicken wir die Schuhspitze in die Skibindung ein. Sehr fragil das Ganze. Allein das Stehen auf den Ski fühlt sich wackelig an. Erst recht das Gehen: Wie Kleinkinder üben wir staksig die ersten Schritte. Gemäß dieser Logik folgt nun Ballspielen. Im Kreis aufgestellt werfen wir uns die Kugel zu. Schon klar, hier geht’s ums Gleichgewicht und um die eigene Mitte. Langsam werden die Würfe sicherer, Trainerin Mona Gstatter ist zufrieden.

Sie gehört zu Fischers Trainerteam und entstammt wie ihre rund 14 Kollegen dem Leistungssport. Mit sieben hat sie das Langlaufen begonnen, mit elf ist sie zum Biathlon gewechselt. Mit 21 blickt sie bereits auf eine ganze Karriere zurück. Was sie vor allem gelernt hat? „Disziplin, im ganzen Leben!“, sagt sie sofort. „Kein Alkohol, wenig Zeit für Freunde, hohe Konzentration. Und Willen. Den brauchst du, wenn du fünf- bis sechsmal pro Woche trainierst. Und dass die ganze Familie mitspielt, jahrelang.“

Lasagne als Kraftfutter

Dann bringt Mona uns geduldig zwei Stunden lang die Grundtechniken des Skatens bei. Oder zumindest die Anfänge davon. Im Schlittschuhschritt und ohne Stöcke üben wir einen kraftvollen Fußabdruck. „Das Gewicht immer über dem Knie und über der Bindung halten!“, ruft Mona quer über die ovale, weitläufige Piste. Mitunter gelingt es. Keinem von uns war klar, wie schwierig es ist, fahrend auf einem Bein zu balancieren. Denn darauf kommt es an. Allmählich begreifen wir, welch astronomischer Abstand uns von den Topläufern trennt - allein technisch. Nach wenigen Runden sind wir völlig ausgepowert. Obwohl wir uns jetzt kraftsparend mit dem Schub der überlangen Stöcke in Zwei-Eins-Technik vorankämpfen. Das heißt, dass nur auf jeden zweiten Gleitschritt ein Stockeinsatz kommt. Trotzdem: Kondition ist die zweite große Zutat für diesen Sport.

In der Mittagspause fahren wir ein kurzes Stück mit dem Auto zum Haupthaus der Chiemgau-Arena. Der Bau gleicht einem Hochsicherheitstrakt, man kommt man nur mit Zugangscodes durch die hohen Metallschranken. Schließlich tritt hier die weltweite Laufelite zum Kräftemessen an. Als besondere Ehre dürfen wir uns in den Kabinen umziehen, in denen sonst ausschließlich hochkarätiger World-Cup-Schweiß weggeduscht wird. Dann bekommen wir das Kraftfutter der Topläufer vorgesetzt: eine mächtige Lasagne mit Salat.

Mit Beingrätsche auf der Gummimatte

Eine gute Grundlage für die zweite Trainingsphase am Nachmittag. Jetzt ziehen wir im engen Oval der Arena selbst unsere Bahnen. Mona mit dem dicken blonden Zopf feilt unermüdlich an der Technik ihrer Eleven. Außerdem steht endlich das Schießen auf dem Plan! Und das geht so: Man fläzt sich mit breiter Beingrätsche und Ski an den Füßen auf eine quadratische Gummimatte und bekommt ein Repetiergewehr mit zehn Schüssen zum Nachladen gereicht. Mit aufgestützten Armen visieren wir die schwarzen Kreise der fünfzig Meter entfernten Pappscheiben an. Bei einem Treffer wandelt sich das schwarze Feld in ein weißes.

Bis zu fünf Kilo wiegt so ein Gewehr. Schon der dritte Schuss ist ein Treffer. Dann noch einer. Dann ein Fehler. Wieder Treffer. Schießen ist genial! Ziemlich schnell hat man den Bogen raus: Richtige Atemtechnik, Konzentration und eine ruhige Hand sind der Schlüssel dazu. Nach der nächsten Runde gelingen auf Anhieb fünf Treffer.

Verkrampfte Figuren auf gefrorener Materie

Zur Steigerung lässt Mona uns aus dem Laufen heraus abfeuern. „Schießen unter Belastung“ heißt das im Fachjargon. Das ist nicht mehr so einfach. Dieser Sport ist weit komplexer als gedacht. Zum Überfluss nimmt Mona uns jetzt auch noch mit der Videokamera auf. Die Auswertung bekommen wir nach dem Abendessen serviert. „Man findet sich meist gar nicht so schlecht, wie man eigentlich ausschaut!“, meint sie fröhlich. Die Analyse ist verheerend - und ziemlich lustig. Eine wahre Lach- und Schießgesellschaft! Statt kraftvoll-elegant dahingleitenden Silhouetten bieten die Bilder verkrampfte Figuren, die unsicher über die gefrorene Materie rutschen. Die Kamera verzeiht rein gar nichts. Doch Mona entdeckt bei jedem guten Ansätze - und individuelles Potential. So klingt das gleich besser.

Als Motivationsschub dürfen wir in einem Saal des Ruhpoldinger Gemeindehauses mit dem Lasergewehr auf Zielscheiben ballern. Im Stehen! Was deutlich schwerer ist als im Liegen. Doch bis zur Könnerperformance einer Lara Croft ist es noch ein weiter Weg. Zum Abschluss gibt Monas Kollege Alex Al-Hamwi, 20, einen Wachs-Vortrag. Dass es Profiathleten gibt, denen dreihundert Paar Ski zur Verfügung stehen, lernen wir da, und dass ein einzelner Belag bis zu 400 Euro kosten kann. „Ein gut geschliffener und gewachster Ski macht 40 Prozent der Laufleistung aus“, sagt Alex. Beeindruckend. Offensichtlich gleicht das Interieur der sogenannten Profi-Wachs-Trucks hochgeheimen Chemielabors, in denen Wissenschaftler mit ähnlicher Intensität am optimalen Laufbelag forschen wie an der Lösung des Welthungers.

Wos is mit der Gesamtkoordination?

Zweiter Tag. Frisch motiviert ziehen wir unsere Ultraleichtbretter unter die Füße. Über Nacht hat es getaut - auch einige Barrieren im Kopf sind verschwunden. Fast intuitiv bewegen wir uns über die Loipe. Und kommen gut voran. Spaß macht es auch. Sogar sehr. Der Körper lernt schnell. Auch Mona ist begeistert. „Mei, schaut’s amal, wie gut das schon geht!“ Und wirklich, gerade die gnadenlose Videoanalyse vom Vorabend schafft einen Abgleich zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung - und versetzt damit Berge. Oder zumindest uns in die Lage, eigene Mankos zu erkennen. „Mehr Abdruck!“, ruft Mona, „Wos is jetzt mit eurer Gesamtkoordination? In die Knie! Der Körperschwerpunkt muss übers Bein! Nicht mit der Hüfte schummeln! Im Rhythmus bleiben.“ Rhythmus? Hat der Sport was mit Musik zu tun, gar mit Takt? Aber ja doch. Es läuft. Und weil es so gut läuft, erweitern wir unseren Wirkungskreis auf eine sanft ansteigende Waldloipe. Jetzt kommt auch noch die Sonne raus. Und da ist er beinahe, der Flow, bei dem man, ganz eins mit der Natur, durch die Landschaft schwebt.

Nachmittags kommt dann der große Moment: der Staffelwettkampf. Mit Startnummern auf originalen Wettkampf-Leiberln absolvieren wir in der hochheiligen Chiemgau-Arena drei flotte Runden inklusive Schießeinlagen. Für jeden Schussfehler gibt es eine Strafrunde, um einen Kreis aus orangen Hütchen herum. Als der Startschuss fällt, gibt jeder alles. Trotzdem wird der Hütchenkreis stark frequentiert. Bis irgendwann ein Gewinnerteam feststeht. Das wird gefeiert, stilecht, mit Siegerehrung, Medaille und Urkunde.

Vom Hobbyangler zum Olympiateilnehmer

Nach Kaffee und Kuchen müssen wir uns vom Hightech-Gerät trennen. Beim einen oder anderen ist nun der Grundstein gelegt - vielleicht nicht für die Karriere als Überflieger. Aber der Funke ist übergesprungen zu diesem fordernden, kontrastreichen Sport. Eine echte Alternative, um abseits alpiner Pisten die verschneite Landschaft zu erkunden - ganz ohne Kassenschlange, Pistengedränge und Schleppliftgetümmel.

“Ja, da schaut man schon ganz anders hin auf die Top-Athleten, wenn man so ein Camp mitgemacht hat“, sinniert Teilnehmer Willi zum Schluss. Wie wahr. „Biathlon ist Übungssache. Und eine Schule des Lebens“, sagt Fritz Fischer dazu. Seine Mission ist einfach: „Ich will den Leuten zeigen, wie schön der Sport ist.“ Dabei hilft ihm Ehefrau Johanna, die die Camps organisiert. „Vor allem Gesamtkoordination und Konzentration sind gefordert“, erklärt Fischer. Und dass man sich eine Menge für den Alltag abschauen kann. „Das Leben, das wir leben, ist zu leicht, auch die mediale Dauerberieselung lenkt unaufhörlich ab. Der sogenannte Tunnelblick und das Fokussieren auf klare Ziele kann auch für das Führen von Unternehmen wichtig sein. Man muss blitzschnell entscheiden, negative Gedanken ausgrenzen und sich selbst motivieren können“, sagt der Trainer. Man glaubt es ihm. Mit dieser Philosophie hat Fischer es weit gebracht - „vom Hobbyangler zum Olympiateilnehmer“, wie er selbst sagt. „Der Fritz war ein Bua vom Land. Mit einem Verein ist er dann in die Berge gekommen, Biathlon hat er erst mit 17 angefangen - relativ spät“, erzählt Johanna.

Die Scheiben sind nicht das Wichtigste

Außer den üblichen Tugenden wie Fleiß, Willen und Disziplin hat Fischer noch mehr aus diesem Sport gezogen: „Du lernst, Dinge richtig einzuschätzen. Es ist nicht wirklich wichtig, auf Scheiben zu schießen. Aber du lernst, ehrlich zu dir sein, dich einzuordnen und auf dich zu hören, respektieren, wie du tickst“, sagt er. „Biathlon formt den Charakter. Wenn einer was sein will, was er nicht ist, merkt man das im Sport sofort. Leistungssport fordert die ganze Persönlichkeit. Und zwingt uns, ständig zu hinterfragen, ob wir äußeren Erwartungen entsprechen wollen - oder lieber eigenen Zielen.“ Auch Bescheidenheit und eine Portion Bodenständigkeit gehören zu Fischers Lektionen. „Du bist nur wichtig, wennst gut bist, das hat der Sport mir gezeigt. Doch auch das Leben danach zählt. Wenn ich am höchsten war, bin ich am tiefsten gefallen. Das persönliche Umfeld und echte Freunde sind deshalb wichtig. Und dass du menschlich gut drauf bist!“, sagt der Bayer, der 26 Wochen im Jahr für den Job unterwegs ist. Als Trainer ist er noch bis zu den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 verpflichtet. Seinem Sport sicher noch sehr viel länger.

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