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Bhutan : Passen tausend Touristen in ein Tigernest?

Wolkentempel: Wer zum Tigernest hinaufsteigt, sollte viel Gottvertrauen und wenig Höhenangst haben Bild: Kai-Uwe Küchler/Interfoto

Kein Land kann sich mehr der Globalisierung verweigern. Aber man muss sich ihr ja nicht gleich an den Hals werfen. Getreu diesem Motto sucht das Königreich Bhutan im Himalaja seinen Weg vom Mittelalter in die Moderne.

          Es ist ein verbotener Gedanke, doch er geht uns nicht mehr aus dem Sinn - nicht beim Anblick dieser Landschaft, die zum Seufzen, nein, zum Schluchzen schön ist: Vor unseren Augen stürzt der Fluss Pho Chu aus dem Herzen des Himalaja dem Indischen Ozean entgegen, tosend und tobend, berauscht von seinem jugendlichen Übermut, beglückt von der eigenen Geschwindigkeit, als wolle er die Berge in seinem engen Tal verspotten, die für immer hier bleiben müssen. Die Felsen wissen um ihr Schicksal und stehen schroff, missmutig, hochmütig Spalier für den frechen Fluss, schweigend und dennoch grollend. Die Menschen aber haben es sich in ihrer Liebenswürdigkeit in den Kopf gesetzt, Fluss und Berge miteinander zu versöhnen. Und so lassen die Bauern die Terrassen ihrer Reisfelder wie eine gigantische Treppe aus dem sattesten, leuchtendsten, grünsten Grün die Bergflanken hinaufsteigen, so dass der Groll der Berge bequem hinuntersteigen und sich im Fluss das Mütchen kühlen kann.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Schöner als hier, bei Punakha im Westen Bhutans, kann man Zartheit und Grobheit, Rohes und Kultiviertes nicht miteinander kombinieren. Wie die geschwungenen Linien einer topographischen Karte schmiegen sich die Wälle und Dämme der Reisfelder an den Stein, wie achtlos hineingewürfelt in die wogenden, vom Wind gekraulten Halme wirken die verschwenderisch verzierten Häuser der Reisbauern, die in ihrer Nationaltracht so pittoresk die Felder bestellen, als habe sie ein Himalaja-Brueghel dorthin gemalt. Wie in Trance folgen unsere Augen dieser Naturskulptur aus Emporen, Stufen, Terrassen und Plateaus, um dann noch einen Weißwein auf der Terrasse unseres winzigen, nicht einmal ein Dutzend Zimmer großen Luxushotels zu bestellen, das ein Unternehmer aus Singapur dankenswerterweise genau an dieser Stelle gebaut hat - klug genug, auf jeden ostentativen Luxus zu verzichten, denn mit der Anmut der Natur kann ohnehin nichts konkurrieren. Und wieder martert uns der verlockend verbotene Gedanke, ob wir es uns wünschen dürfen, dass möglichst wenige Menschen jemals dieses Wunder so wie wir zu Gesicht bekommen, damit sich das noch immer wunderbar scheue und schüchterne, so verletzlich und zerbrechlich wirkende Königreich Bhutan für alle Zeiten so wenig wie möglich verändern möge.

          Keine drei Minuten ohne Buddha

          Bhutan ist bis vor fünfzig, sechzig Jahren eine Bastion der Unveränderlichkeit gewesen, ein selbstgewähltes Gefängnis hinter den sieben Himalaja-Bergen, nach allen Himmelsrichtungen abgeschottet von den eisigen Schutzwällen bis zu siebentausendfünfhundert Meter hoher Felswände, an denen die modernen Zeiten abprallten und hinter denen eine archaische Welt aus Theokratie und Leibeigenschaft überdauerte. 1961 wurde die erste Straße nach Bhutan gebaut, das nun nicht mehr nur durch die Trampelpfade der Yak-Hirten mit der Außenwelt verbunden war. 1974 durften die ersten Touristen das Land besuchen und sich wie Zeitreisende in einem Märchenland fühlen. 1982 quetschte man einen Flughafen ins Hochtal von Paro, der zu den selbstmörderischsten der Erde gehört und beim Anflug Kamikaze-Manöver verlangt - man nähert sich ihm in derart haarsträubenden Links-rechts-Kurven, dass man sich als Passagier wie in einem Militärjet beim Luftkrieg fühlt. 1999 bekam Bhutan als letztes Land des Planeten Fernsehen und Internet, vier Jahre später sogar ein Mobilfunknetz. Und trotzdem wirkt die ganze Modernität oft wie ein Firnis auf dem jahrhundertealten Fundament der Tradition, der vom nächsten Wintersturm mühelos davongeweht werden könnte.

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